Lokführer-Tarife Neuer Bahnstreik droht - und diesmal massiv

Die Ruhe vor dem Sturm? Am Dienstag um 13 Uhr läuft ein Ultimatum für die Bahn ab, den Lokführern ein neues Tarifangebot zu machen. Verstreicht es, will die Gewerkschaft wieder streiken - spontan und auch auf Fernstrecken.


Hamburg – Im Ernstfall will die GDL jetzt richtig ran: Künftig sollen Streiks nur noch kurzfristig angekündigt werden, erklärte die Lokführer-Gewerkschaft. "Damit wir der Bahn gar keine Gelegenheit geben können, uns wieder vor Gericht zu zerren und dort einstweilige Verfügungen zu erwirken", sagt Vize-GDL-Chef Günther Kinscher.

Pendler beim Bahnstreik am vergangenen Freitag: Die GDL hatte den Ausstand mehrere Tage vorher angekündigt
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Pendler beim Bahnstreik am vergangenen Freitag: Die GDL hatte den Ausstand mehrere Tage vorher angekündigt

Vor dem ersten Streik am Freitag hatte der Konzern vor einem Chemnitzer Gericht noch in der Nacht vorher eine Einstweilige Verfügung erwirkt. Die Lokführer durften deshalb nur im Regionalverkehr die Arbeit niederlegen - Güter- und Fernzüge rollten weiter. Noch dazu konnte die Bahn einen Notfallfahrplan erstellen, der im Internet veröffentlicht wurde und mithilfe dessen der Konzern rund 50 Prozent des Zugverkehrs aufrechterhielt.

Für derartige Vorbereitungen wird keine Zeit mehr sein, sollte die GDL sich auf spontane Aktionen verlegen. "Wir brauchen schon 24 Stunden Vorlaufzeit für einen Notfallfahrplan", sagt ein Bahn-Sprecher. "Wenn die GDL ohne Vorankündigung streiken sollte, dann müssen wir in der Netzleitzentrale, wo der Verkehr organisiert wird, ad hoc reagieren." Natürlich werde die Bahn dann wieder jede Menge Service-Personal auf die Bahnsteige stellen, die mit Kaffee und den wichtigsten Informationen die gestrandeten Kunden bei Laune halten sollen. Auch die Service-Telefon-Hotline werde es wieder geben – 1400 Mitarbeiter standen am Freitag den Kunden Rede und Antwort.

Der Erfolg des Notfallfahrplans am Freitag war ohnehin umstritten. So mancher Kunde freute sich, dass er sich frühzeitig informieren konnte und viele Züge pünktlich fuhren. "Wir konnten unseren Kunden Stabilität bieten", lobt ein Bahn-Sprecher sein eigenes Unternehmen. Manche andere fanden die Aktion übertrieben. Weil die Streikzeiten und das Ausmaß des Arbeitskampfes bis zuletzt nicht klar waren und das Chemnitzer Gerichtsurteil so spät kam, hatte die Bahn kurzerhand auch den Fernverkehr zusammengestrichen - und das für den gesamten Freitag. Die internationalen Züge fuhren teils am Samstag noch nicht wieder.

Dabei legten die Lokführer letztlich nur von acht bis elf Uhr vormittags die Arbeit nieder. "Es gab ja im Grunde kaum Störungen durch den Streik, sondern mehr durch den Notfallfahrplan", sagt Bahn-Experte Jürgen Siegmann vom Institut für Land- und Seeverkehr an der TU Berlin. "Allerdings muss so eine Sondersituation auch vorausschauend geplant werden", fügt er hinzu. Man könne so einen Fahrplan nicht von einer Minute auf die andere ändern.

Doch unabhängig von der Frage, ob die Bahn beim nächsten Mal noch Zeit für einen Sonderfahrplan hat - die GDLer können nach Ansicht Siegmanns den Verkehr auf jeden Fall noch stärker stören. "Bisher sind die Züge ja beispielsweise immer in die Bahnhöfe gefahren, aber wenn einer mal mitten auf einer wichtigen Strecke stehen bleibt, wird es schlimm."

Auch GDL-Nord-Chef Quitter betont, dass die Lokführer noch nicht alle Register gezogen haben. "Man kann beispielsweise auch mal in wichtigen Bahnhöfen die Gleise blockieren, wenn man mit dem Zug an der richtigen Stelle hält", sagt er. Die Juristen der Vereinigung haben inzwischen das Chemnitzer Urteil studiert – "jetzt muss die politische Entscheidung fallen, ob wir das Urteil anfechten", sagt Quitter. Dass ein höheres Gericht das Urteil wieder einkassiert, ist gut denkbar. Viele Arbeitsrechtler hatten den Richterspruch vom frühen Freitag scharf kritisiert.

Quitter betont allerdings, die Gewerkschaft wolle erst den morgigen Tag abwarten, bevor sie weitere Pläne schmiedet: "Wir hoffen immer noch auf eine tragfähige Lösung", sagt er. Nach einem neuen Angebot der Bahn sieht es derzeit allerdings nicht aus. "Wir haben ja ein gutes Angebot gemacht", sagte Bahn-Personalvorstand Margret Suckale im ZDF. Demnach will die Bahn den GDLern neben der mit den Gewerkschaften Transnet und GDBA vereinbarten Einkommenserhöhung von 4,5 Prozent die Möglichkeit für zwei Extra-Arbeitsstunden pro Woche einräumen. Dann könne man den Lokführer-Lohn um weitere fünf Prozent aufstocken.

Für die GDL ein Scheinangebot – sie will die Arbeitszeit sogar um eine Wochenstunde verkürzen. Der Einstiegslohn für Lokführer soll außerdem von rund 1970 Euro auf etwa 2500 Euro erhöht werden. Allerdings signalisiert die Gewerkschaft auch da inzwischen Kompromissbereitschaft: "Wer 31 Prozent fordert, schließt nicht 31 Prozent ab", sagte GDL-Sprecherin Gerda Seibert.

mit dpa-AFX



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