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15. Oktober 2007, 23:19 Uhr

Lokführergehälter

GDL will keine neuen Streiks - vorerst

Bahnfahrer dürfen aufatmen - ein bisschen. In den kommenden Tagen fahren die Züge. Die Bahn spricht am Mittwoch mit den Lokführern über ihr neues Tarifangebot. GDL-Chef Schell droht jedoch mit weiteren Arbeitsniederlegungen, falls es dabei keine Fortschritte gibt.

Hamburg – Die Bahn hat es geschickt ausgetüftelt. Sie hat den Lokführern ein neues Angebot vorgelegt, das in deren Augen eigentlich keins ist. Trotzdem muss die Gewerkschaft GDL irgendwie darauf eingehen. Sonst droht die Stimmung der Öffentlichkeit sich gegen sie zu wenden.

Reisende im Hauptbahnhof Hamburg: Keine Streiks in den nächsten Tagen - aber weiter Streit zwischen Bahn-Management und Lokführern
AP

Reisende im Hauptbahnhof Hamburg: Keine Streiks in den nächsten Tagen - aber weiter Streit zwischen Bahn-Management und Lokführern

Genau darauf arbeitet die Bahn offenbar hin. Ein Konzern-Sprecher erklärt, GDL-Chef Schell habe einen Brief an Bahn-Verhandlungsführer Werner Bayreuther geschickt - der GDL gehe es insbesondere um die Unterscheidung zwischen einem "eigenen Tarifvertrag" und einem "eigenständigen Tarifvertrag".

Welcher Bürger hat für solche Wortklauberei schon Verständnis? Dabei steckt der Teufel laut GDL im Detail. Die eine Version sichere der Gewerkschaft in wichtigen Bereichen Verhandlungshoheit zu, die andere nicht, sagt GDL-Nord-Chef Norbert Quitter. Man habe immer einen "eigenständigen" Vertrag gefordert.

Weil das aber schwer zu erklären ist, ist die GDL nun doch zu Gesprächen bereit - auch wenn das Wort "Verhandlung" tunlichst vermieden wird. Das Angebot der Bahn sei zwar "in jedem Fall unzureichend", erklärte die Gewerkschaft heute. Dennoch wolle man sich mit den Bahnmanagern am Mittwoch zusammensetzen. Bis dahin wird es keine weiteren Arbeitsniederlegungen der Lokführer geben. Doch "wenn das Gespräch am Mittwoch nichts bringt und fruchtlos ist, könnte selbstverständlich wieder gestreikt werden", betonte Schell am Abend im ZDF-"heute journal". In diesem Fall müsse die GDL aber befürchten, die Sympathie der Bahnkunden zu verlieren, fügte er in den ARD-"Tagesthemen" hinzu.

Die Bahn macht unterdessen Druck: Unverbindliche Gespräche seien genug geführt worden, "wir müssen endlich wieder in Verhandlungen eintreten", sagte Konzernsprecher Oliver Schumacher. Die GDL will aber erst nach dem gewünschten Gespräch entscheiden, ob sie wieder in Tarifverhandlungen einsteigt.

"Wir wollen ja nicht wie die Streikwütigen dastehen"

"Wir haben die Langversion des Angebots ja noch gar nicht", versucht GDL-Nord-Chef Quitter die abwartende Haltung der Lokführer zu erklären. "Die Bahn hat ja mehr offen gelassen als erklärt heute." GDL-Vizechef Günther Kinscher gibt aber auch zu: "Wir wollen ja nicht wie die Streikwütigen dastehen, die nicht über das Angebot nachdenken."

Tatsächlich ärgern sich viele GDLer über die heutige Bahn-Vorlage jetzt schon mächtig. "Wenn Sie mich fragen, wird da nur Sand in die Augen gestreut", sagt Quitter. "Das ist kein neues Angebot", findet auch GDL-Vize Kinscher.

Als Bonbon hat die Bahn allen Bahn-Mitarbeitern zwar eine neue Einmalzahlung von 1400 Euro angeboten - damit sollen aber Überstunden bezahlt werden. Das könne man doch nicht als eine Verbesserung verkaufen, empört sich Kinscher. "Das sind Leistungen, die den Lokführern ohnehin vergolten werden müssen, wie auch immer das passiert." Bisher wird Mehrarbeit auf Arbeitszeitkonten gutgeschrieben.

Auch ein Bahn-Sprecher sagt offen: "Wir haben einen erheblichen Mangel an Lokführern. Die Überstunden machen sie sowieso." Trotzdem sei eine Auszahlung von Teilen der Mehrarbeit eine Verbesserung. So hätten die Lokführer "sofort etwas in der Tasche". Sonst würden manche Überstunden bis zur Rente auf den Konten gutgeschrieben.

Kinscher sieht das anders. Auch in den anderen Punkten habe sich die Bahn nicht bewegt und nur ein Scheinangebot vorgelegt.

ase/tno/AP/AFP/dpa

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