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Britische Wut über Hochhausbrand "Sie sind gestorben, weil sie arm waren"

Nach dem Feuer im Grenfell Tower wächst in Großbritannien die Wut auf die Politik. Das Land debattiert über Slums in London und eine außer Kontrolle geratene Deregulierung.

Seit der Regierungszeit Margaret Thatchers in den Achtzigerjahren galt eine der Säulen ihrer Wirtschaftspolitik in Großbritannien als unumstößlich: Deregulierung. Bürokratie gehörte abgeschafft, weil sie das Wachstum bremste - das sahen auch alle folgenden Premierminister so, egal ob Tory oder Labour.

Der Brand im Londoner Grenfell Tower scheint nun ein Umdenken auszulösen. Plötzlich debattiert das Land, ob Regeln und Standards nicht doch ihr Gutes haben. Und es rückt ein Problem in den Fokus, das lange ignoriert wurde: der alarmierende Zustand des sozialen Wohnungsbaus.

Seit Jahrzehnten redeten Politiker den Bürgern ein, dass es Großbritannien besser gehe, wenn es weniger Formulare auszufüllen hätte, wütete "Guardian"-Kolumnist George Monbiot. Jetzt sehe man, was es heiße, die Bürokratie abzuschaffen. Die "Times" berichtete, dass die verwendeten Dämmplatten in den USA bereits seit 2012 für Hochhäuser verboten seien.

Auch die soziale Frage wird neu gestellt. Grenfell verkörpere die "groteske Ungleichheit" in einem der reichsten Viertel des Landes, kommentierte der Labour-Abgeordnete David Lammy. Allein in London gebe es 700 solcher Türme, und die Wohnbedingungen fänden sich so ähnlich in Sozialwohnungen im ganzen Land. Es gebe kein passenderes Symbol für den Begriff "Armutsfalle" als den verkohlten Turm, aus dessen oberen Stockwerken es kein Entrinnen gab, schreibt der "Guardian".

Man solle sich nichts vormachen, schrieb Nick Cohen im konservativen "Spectator". "Sie sind gestorben, weil sie arm waren." Auch viele von Londons Millionären wohnten in Hochhäusern. Doch deren Leben sei nicht in Gefahr, weil nach unterschiedlichen Maßstäben gebaut werde. Das Land stehe an einem Wendepunkt. "Wir sollten darauf bestehen, dass Reiche und Arme die gleichen Sicherheitsstandards bekommen. Wenn die Reichen Sprinkler haben, sollten auch die Armen Sprinkler haben."

Mindestens 30 Menschen haben bei der Feuerkatastrophe ihr Leben verloren. Die Polizei rechnet mit noch mehr Todesopfern und will auch eine dreistellige Zahl nicht ausschließen. Viele Bürger geben der Politik eine Mitschuld. Am Abend wollen Tausende vor dem Ministerium für Wohnungsbau protestieren, die Kundgebung steht unter dem Motto "Gerechtigkeit für Grenfell" .

Die Feuerursache ist noch nicht ermittelt. Laut Polizeichef Cundy gibt es bisher keine Hinweise auf Brandstiftung. Premierministerin Theresa May kündigte eine unabhängige Untersuchung des Unglücks an.

Der Verdacht von Brandschutzexperten richtet sich vor allem gegen die Fassadenverkleidung (mehr dazu hier). Die Grenfell-Mieterinitiative teilte mit, man habe wegen der schlechten Sicherheitsstandards in dem Hochhaus und anderswo im Bezirk in den vergangenen Jahren häufig gewarnt.

Sprinkler bis heute nicht verpflichtend

Offenbar war das Brandrisiko solcher Fassadenverkleidungen nicht nur den Bewohnern des Grenfell Towers bewusst. Das britische Parlament beschäftigte sich schon 1999 damit. So veröffentlichte der Umweltausschuss des Unterhauses damals einen Bericht  zu dem Thema.

Wirklich geändert hat sich aber kaum etwas, wie britische Medien konstatieren: "Sowohl Konservative als auch New Labour waren stets abgeneigt, wenn es darum ging, Schutzbestimmungen zu erlassen, selbst wenn der Bedarf danach groß war", kritisiert der "Guardian". Dagegen sei das politische Establishment stets zugänglich gewesen für Wirtschaftsverbände und deren Wünsche nach Abschaffung bestehender Sicherheitsbestimmungen. "Deregulierung dieser Art ist ein Kernteil der neoliberalen Ideologie, der sowohl die Konservativen als auch New Labour unter Tony Blair erlagen."

2014 ignorierte der damalige konservative Minister für Wohnungsbau und heutige Einwanderungsminister, Brandon Lewis, Rufe nach Vorschriften, die es Baufirmen auferlegen sollten, die von ihnen gebauten Häuser mit Sprinkleranlagen auszustatten. Statt Sprinkler verpflichtend zu machen, ist die Entscheidung bis heute dem Bauherrn vorbehalten.

Auch in der Debatte vor dem Brexit-Referendum waren Schutzvorschriften ein Thema: Kritiker warnten, dass die Regierung nach dem EU-Ausstieg wichtige Umwelt- und Sozialstandards kippen könnte. Konservative Politiker sahen im Brexit hingegen eine Gelegenheit zu noch weiter gehendem Regulierungsabbau . Sie geraten nun in die Defensive.

asa/dpa/Reuters/AP