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16. März 2009, 06:33 Uhr

Londoner City-Bürgermeister

Cheerleader im Zentrum des Bösen

Von , London

Er ist das Gesicht der britischen Finanzbranche - ein höllischer Job. Ian Luder soll Investoren nach London locken, kämpft aber jetzt gegen die beispiellose Krise, Job-Schwund und Mietverfall. Ein Besuch beim Bürgermeister der City.

London - Der Mann hinter dem mächtigen antiken Schreibtisch blickt kurz auf. "Eine Minute noch", sagt er. Dann ordnet er seine Papiere und kommt dem Besucher mit ausgestreckter Hand entgegen. Stattlicher Bauch, rundliches Gesicht, er sieht nicht so als, als könne ihm der Stress etwas anhaben.

Ian Luder hat gerade eine Menge Stress. Seit November ist er Lord Mayor der City, dem Finanzdistrikt von London. Das Ehrenamt macht ihn zum obersten Cheerleader jener Quadratmeile, die zusammen mit der Wall Street in New York für viele Menschen die neue Achse des Bösen bildet. Hier wurden die "finanziellen Massenvernichtungswaffen" erfunden, vor denen Investment-Guru Warren Buffett bereits 2003 warnte und die nun die ganze Welt in die Rezession gestürzt haben.

Luder muss sich ständig dafür rechtfertigen. "Ich verstehe, dass die Leute auf die Banker schimpfen", sagt er. Aber dann schiebt er gleich nach, dass die Rezession auch ohne die exotischen Finanzprodukte passiert wäre, schließlich liege die Ursache in den faulen Hypotheken in den USA. Im Grunde hält er die öffentliche Empörung für kontraproduktiv. "Wut sorgt für schöne Schlagzeilen. Es bereitet manchen Leuten Vergnügen zu sehen, wie Banker vor parlamentarischen Untersuchungsausschüssen gegrillt werden. Aber das bringt uns nicht weiter."

"Überall herrscht Vorsicht"

Als Botschafter der britischen Finanzindustrie reist der 58-Jährige viel im Ausland umher. Seine Aufgabe ist es, Stimmung für die Londoner City zu machen und Investoren zu werben. Das Geschäft ist schwieriger geworden. Ausländische Banken haben Kapital aus London abgezogen. Luder sagt weiter seinen alten Spruch auf, dass der Handelsplatz an der Themse Weltspitze sei. Doch nicht alle wollen ihn mehr hören. "Überall herrscht Vorsicht", sagt er. Gerade ist er von einer längeren Reise durch die arabischen Länder zurückgekehrt. Den dortigen Empfang kommentiert er diplomatisch: Man wolle gemeinsam die globalen Herausforderungen angehen. Es gehe nicht um kurzfristige Lösungen, sondern um langfristige Beziehungen.

Die Lage ist kaum schönzureden. Im Mansion House, der eleganten Residenz des Lord Mayor schräg gegenüber von der Bank of England, finden zwar immer noch üppige Bankette statt. Erst kürzlich prosteten sich hier Londons Top-Banker zu und schworen sich gegenseitig Beistand. Doch ist das Haus längst zu einem Krisenreaktionszentrum geworden. Seit dem Sommer 2007 geht es in der City bergab. 60.000 von einst 320.000 Arbeitsplätzen sind verloren gegangen. Die Steuereinnahmen sind im freien Fall, ebenso die Büromieten. Letztere werden bis Ende des Jahres von knapp 60 Pfund pro Quadratmeter auf knapp 50 Pfund sinken, schätzt die Maklerfirma Jones Lang Lasalle.

Drei neue Wolkenkratzer, die während des Booms geplant wurden und in den nächsten Jahren in den Himmel wachsen, drohen zu Geistertürmen zu werden. Die Arbeiten für Renzo Pianos 310 Meter hohen Glassplitter "The Shard" haben begonnen, auch die Baugruben für "Heron Tower" und "Pinnacle" sind ausgehoben. 180.000 Quadratmeter nagelneue Bürofläche sollen entstehen, während parallel immer weitere Entlassungsrunden verkündet werden. Der Planungsdirektor der City, Peter Rees, orakelt bereits düster, in den nächsten 20 Jahren werde hier kein weiterer Wolkenkratzer mehr gebaut.

London und New York leiden weniger als andere Finanzplätze

Luder will sich davon nicht aus der Ruhe bringen lassen. "In jedem Abschwung gibt es einen Überhang an Immobilien", sagt er. "Der wird im nächsten Aufschwung wieder aufgebraucht." Er verweist auf den "Global Financial Centres Index", den eine Meinungsforschungsfirma halbjährlich in seinem Auftrag erstellt. Der jüngste Bericht, vergangene Woche veröffentlicht, kommt zu dem Schluss, dass London und New York weniger unter der Krise leiden als kleinere Finanzplätze, weil es unter Investoren eine "Flucht in die Sicherheit" gebe.

Man müsse endlich wieder "einen Sinn für Verhältnismäßigkeit herstellen", fordert Luder, der seit Jahrzehnten als Steuerberater in der City arbeitet. London bleibe der wichtigste Finanzplatz der Welt, und die Stadt spiele in den Planungen aller großen Player eine Rolle. Die über Jahrhunderte gewachsenen Netzwerke und die Zeitzone, die an einem Tag das Handeln in allen Märkten ermöglicht, würden auch in Zukunft zählen. Die City bestehe ja auch nicht nur aus Banken. Er zählt auf: "Devisenhändler, Anwälte, Versicherer, Emissionshändler, Buchhalter" - denen allen gehe es ziemlich gut.

Dazu kommen neue Investitionen in die Infrastruktur wie das 16 Milliarden Pfund teure Crossrail-Projekt, das bis 2017 die Banktürme der Canary Wharf mit dem Flughafen Heathrow verbinden soll. Es sind gewichtige Argumente, die Luder den Pessimisten entgegenhalten kann.

Lord Mayor warnt vor Überregulierung

Doch dass sich etwas fundamental geändert hat, ist schon an der Rhetorik des Lord Mayors abzulesen. Statt die Vorzüge laxer Steuerregime zu preisen wie seine Vorgänger, doziert er über den Bedarf an effektiver Regulierung. Er spürt den Reformdruck von allen Seiten. Selbst die althergebrachte Art der Banker-Selbstregierung scheint in Gefahr: Bei den anstehenden Wahlen zur Bezirksversammlung schickt die Labour-Partei mehrere Kandidaten ins Rennen - und kündigt damit den bisherigen Konsens auf, dass die Geschäftsleute schon am besten wüssten, wie die Geschäfte zu führen seien. Das Old-Boys-Netzwerk, das die City seit Jahren verwaltet, soll gesprengt werden. Das wird am Ende nicht gelingen, aber der Versuch ist symbolträchtig.

Folgenreicher sind die neuen Regeln der Bankenregulierung, über die weltweit debattiert wird. Der Lord Mayor hat sich dem neuen Zeitgeist angepasst, so gut es geht. Im Januar eröffnete er im Mansion House ein Internationales Zentrum für finanzielle Regulierung. Es ist eine gemeinsame Initiative von Banken und Regierung. Das Ziel ist offensichtlich: Wenn die schärfere Regulierung nicht mehr zu stoppen ist, will die Industrie zumindest den Einfluss darauf nicht verlieren.

Die britische Regierung hat die Interessen der City seit jeher für wichtig erachtet. Auch in der Krise fungiert Luder als Berater und warnt vor Überregulierung. "Wir dürfen nicht so weit kommen, dass wir jegliches Risiko für illegal erklären", sagt er. Banken müssten auch weiterhin Unternehmen fördern können. "Es ist nicht sinnvoll zu fordern, dass jedes Auto mit sechzehn Kilo Bremsen ausgerüstet sein muss. Sie müssen an der richtigen Stelle sein, um zu funktionieren."

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