Dubiose Steuerpraktiken Luxemburg-Dokumente belasten Disney und Skype

Neue Vorwürfe wegen dubioser Steuerpraktiken in Luxemburg: Dokumente belasten laut Rechercheverbund ICIJ nun auch Firmen wie Disney und Skype.

Disney-Gebäude in Kalifornien (Archiv): Steuervermeidung in Luxemburg?
REUTERS

Disney-Gebäude in Kalifornien (Archiv): Steuervermeidung in Luxemburg?


London/Berlin - Jahrelang lockte Luxemburg internationale Konzerne mit steuerlichen Anreizen ins Land. Jetzt hat das Internationale Konsortium für Investigative Journalisten (ICIJ) weitere Unternehmen benannt, die Absprachen mit den Behörden des Großherzogtums haben sollen.

Dazu gehören laut ICIJ der Unterhaltungskonzern Disney, der US-Mischkonzern Koch Industries sowie der Konzern Skype: Sie hätten zwischen 2009 und 2013 Hunderte Millionen Dollar Gewinn durch in Luxemburg ansässige Tochterunternehmen geschleust, für die Steuersätze von weniger als einem Prozent gegolten hätten.

Wie die britische Zeitung "The Guardian" berichtet, soll das Microsoft-Unternehmen Skype über einen Zeitraum von fünf Jahren zwei Firmen in Luxemburg sowie eine Tochtergesellschaft in Irland genutzt haben, um Steuerzahlungen zu vermeiden.

Das Luxemburger Finanzministerium teilte mit, die neu veröffentlichten Dokumente unterschieden sich nicht grundsätzlich von jenen, die vor einigen Wochen veröffentlicht wurden. Weiter schreibt das Ministerium: "Luxemburg räumt ein, dass die Rechtmäßigkeit bestimmter Mechanismen", die dem anwendbaren Recht entsprechen, "in Frage gestellt werden kann". Denn sie führten zu einer "sehr geringen oder gar überhaupt keiner Besteuerung".

Luxemburg will laut Finanzministerium die Initiative der EU-Kommission für eine automatische Information über die Steuerabsprachen ("tax rulings") unterstützen. Das Land beantworte demnach schon jetzt Anfragen anderer EU-Länder dazu. Diese Verwaltungsakte seien auch "niemals geheim gewesen".

Juncker schließt Rücktritt aus

Die neuen Vorwürfe dürften den Druck auf Luxemburgs früheren Premier, den heutigen EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker, weiter erhöhen. Laut "Guardian" hatte Juncker 2005 angekündigt, dass Skype unter anderem in Luxemburg bleibe, weil das Unternehmen in dem Land eine "günstige steuerliche Umgebung" vorfinde, die "wir hier in Luxemburg eingerichtet haben".

Einen Rücktritt hatte Juncker am Mittwoch in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") ausgeschlossen. Das gelte selbst für den Fall, dass die EU gewährte Steuervergünstigungen seines Heimatlandes als unerlaubte Beihilfen einstufe, sagte der Politiker: "Ist jemals ein Regierungsmitglied zurückgetreten, weil Europa Beihilfen für unzulässig erklärt hat?" Er sehe seine Glaubwürdigkeit nicht als beschädigt an. "Aber sie hat in der öffentlichen Wahrnehmung durch die Publikationen gelitten", räumte er ein. "Ich fühle mich nicht richtig dargestellt", sagte Juncker.

Durch die sogenannten Luxemburg Leaks sind Unternehmen weltweit für ihre Steuertricks in die Kritik geraten: Anfang November hatte ein internationales Recherchenetzwerk detailliert über 340 Fälle berichtet, in denen multinationale Konzerne in Luxemburg Steuerzahlungen vermeiden und auf Kosten anderer EU-Länder teils Milliarden sparen. Grundlage waren rund 28.000 Seiten Dokumente zu Steuerabsprachen zwischen Behörden und Unternehmen.

bos/AFP/Reuters

insgesamt 82 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
seneca55 10.12.2014
1. 1% Einkommen/Gewinnsteuern in LUX dank
Juncker, EU-Präsident , das erklärt einiges, warum die EU so abgesoffen ist. Alles faul!!
villabor 10.12.2014
2. steuerprotest ?
vielleicht sollte der deutsche mittelstand gegen die praktiken protestieren und nicht nur erstaunt zugucken ? mein vorschlag: die einkommensteuer-vorrauszahlung im märz 2015 nicht überweisen. da wird das finanzamt reagieren, anders als bei den grosslonzernen. gucken wir mal, was passiert......
rolarndt 10.12.2014
3. Korruption?
Da fragt sich doch, wer da in Luxemburg ordentlich mit verdient hat. Mit Korruption hat das natürlich nichts zu tun.
demokratiesucher 10.12.2014
4. Junker´s Rücktritt mehr als überfällig !
Der schöne Spruch "den Bock zum Gärtner gemacht" hat selten besser als auf Junker gepaßt. Man stelle sich vor, die Luxemburger haben Ihre EU- Nachbarn um viele Milliarden geplündert und dann macht die EU ihn zum Obereuropagedankenheucheler ... Fast sicher muß sein, diese Praktiken waren in der EU bekannt. Warum auch immer hat die EU zugekuckt. OK, es kann auch sein, das die Europäische Institutionen genauso unfähg sind, wir man zu oft den Eindruck haben muß und haben das wirklich nicht bemerkt. Wir wissen ja, in der EU ist nicht´s unmöglich. Dramatisch ist mal wieder der Imageschaden für die EU. OK, die fast 800 Leute im Doppelparlament Brüssel- Straßburg leben in Ihrem Elfenbeinturm in ihrer eigenen Welt und erzählen uns was von Solidarität und Toleranz. Meine Toleranz der EU gegenüber ist leider erschöpt. Die europäische Idee wird zu Grabe getragen. Was für ein Desaster.
Checkweg 10.12.2014
5.
...das das europäische Steuerrecht überhaupt Absprachen über Steuer(n/sätze)zulässt...so nach dem Motto wer bietet weniger. Besonders pikant im Fall Luxemburg ist wohl auch noch das die "Substanz" der Präsens zumindest im Fall Disney nicht geprüft wird. Selbst die Niederlande schauten bei uns im Fall einer Absprache (unter dem s.g. "Innovation Box Regim") zumindest etwas auf z.B., was macht die Tochter, wieviele Leute sind da beschäftigt usw. In LU hatten 3 deutsche Disney Töchter eine Angestellte, das wars.. Das hier ist interessant im Bezug auf "NL-Steuerköder" für Patent und Lizenzeinkommen... http://www.bakermckenzie.com/files/Uploads/Documents/Locations/Amsterdam/br_netherlands_innovationbox_2012.PDF
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.