Boom der Luxusindustrie »Wir haben eine Chance, die goldenen Zwanziger zu wiederholen«

2020 war ein desaströses Jahr für die Modeindustrie. Doch ausgerechnet die Luxusbranche kommt vergleichsweise gut durch die Krise. McKinsey-Berater Achim Berg verrät, warum es noch besser werden könnte.
Ein Interview von Simon Book
Louis Vuitton in London: Anstehen für die "statement bag"

Louis Vuitton in London: Anstehen für die "statement bag"

Foto: TOBY MELVILLE / REUTERS

SPIEGEL: Herr Berg, Sie haben gerade eine neue Studie veröffentlicht, die sich mit der Zukunft der Modeindustrie beschäftigt. Ehrlich gesagt: Es sieht ziemlich düster aus…

Berg: Ja. Der sogenannte »Economic Profit« der Unternehmen, also der Gewinn abzüglich der Kapitalkosten, dürfte 2020 um mehr als 90 Prozent zurückgehen. Die Branche ist extrem hart von Corona getroffen, fast so stark wie die Luftfahrt, die Hotellerie, die Gaststätten. Nur, dass im stationären Handel, also in der Fußgängerzone , die Kunden wohl auch nach Corona nicht in gewohnter Zahl wiederkommen. 2020 ist innerhalb von wenigen Monaten der Online-Anteil auf etwa 30 Prozent gestiegen. Im Vorjahr waren es noch 16 Prozent. Das ist irreversibel.

Zur Person
McKinsey-Berater Berg

McKinsey-Berater Berg

Foto: Thomas Lohr

Achim Berg, 48, ist Partner der Unternehmensberatung McKinsey in Frankfurt am Main und Autor der "State of Fashion"-Studie , die sich jährlich mit der Modeindustrie und ihrem wirtschaftlichen Ausblick befasst. Bei McKinsey leitet er die Abteilung Apparel, Fashion and Luxury Practice, mit der er seit fast 20 Jahren führende Marken, Produzenten, Einzel- und Großhändler weltweit zu unterschiedlichsten Themen berät. 

SPIEGEL:  Besser sieht es ihren Zahlen zufolge im Luxussegment  aus.

Berg: In Europa nicht unbedingt. Da sehen wir dieses Jahr einen Rückgang um 40 Prozent, im nächsten Jahr noch 25. Dafür zieht China massiv an. Diese Kunden kommen nicht mehr nach Europa, um hier einzukaufen, sie kaufen vor Ort. In China wächst der Luxusmarkt 2020 um bis zu 13 Prozent, starke Marken legen da um 50 bis 100 Prozent zu. Die Luxusanbieter sind also insgesamt schon betroffen. Aber deutlich weniger als andere. Vor allem die starken Marken und die Konglomerate werden gestärkt aus dieser Krise hervorgehen.

SPIEGEL: Für die Händler auf der Züricher Bahnhofstraße oder dem Hamburger Neuen Wall sind die Wachstumsraten in China keine beruhigenden Nachrichten.

Berg: Das stimmt. Aber wir sehen auch, dass sich die Luxushersteller und -händler nun um die lokale Klientel stärker bemühen. Die haben sie über Jahre sträflich vernachlässigt, weil das Geschäft mit den reichen Touristen so einfach war. In ganz Europa kann man grenzübergreifend online Luxus kaufen, Instagram-Fashion-Shows werden immer beliebter, die Händler wollen unter allen Umständen ihren heimischen Kunden die Ware näherbringen – notfalls auch per WhatsApp. Das ist auch notwendig, denn wir befürchten: Die vermögenden Kunden aus Asien und dem Nahen Osten kommen so schnell nicht wieder zurück nach Europa. Es wird sicher bis 2022 dauern, bevor wir mit größeren Touristenströme rechnen können.  

SPIEGEL: Aber die heimischen Kunden werden den Wegfall der ausländischen Klientel kaum kompensieren können.

Berg: Das wird sicher schwierig, hängt aber auch davon ab, wie schnell wir zurück zur Normalität kommen. In diesem Jahr wurde ja fast alles, was mit Anlässen und Events zusammenhängt, abgesagt. Man geht auch seltener ins Büro. Die Kleidungsstücke dafür liefen dieses Jahr extrem schlecht. Es sind allein 30.000 Hochzeiten abgesagt worden. Das heißt ja aber auch: Wenn die Corona-Restriktionen nicht mehr gelten, wird eine Menge nachgeholt werden. Vielleicht eine Chance, die Roaring Twenties des letzten Jahrhunderts in diesem Jahrhundert zu wiederholen.

SPIEGEL: Und wenn nicht?

Berg: Führt Corona zu einer höheren Arbeitslosenquote und zu einer Rezession in Europa, dann wird das direkt den Modehandel und mit Verzögerung auch die Luxusbranche erreichen. Dann können wir allenfalls auf ein Plateau bei den Umsätzen hoffen, werden aber keine Kurve nach oben mehr sehen. Wenn die Situation Ende 2021 noch so schwierig ist wie jetzt, haben wir alle ein Problem.

 

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