Luxusmesse Deutsche Kältekammer soll russische Millionäre kurieren
Moskau - Die Tür ist verriegelt, die Temperatur auf minus 85 Grad eingestellt. In der Kabine wirbeln kleine Schneeflocken umher. Die drei leichtbekleideten, russischen Models bekommen eine Gänsehaut. Draußen stehen männlichen Messebesucher und gucken schmunzelnd durch die Glastür nach innen.
Die einen Quadratmeter große Kältebox, entwickelt von Enrico Klauer, steht normalerweise zur Schmerzbehandlung bei Rheuma in deutschen Kliniken. Hier auf der Millionärsmesse in Moskau wird sie für andere Zwecke angepriesen: als wohl teuerstes Kopfschmerzmittel der Welt. Für 160.000 Euro Kaufpreis lässt sich so der Kater nach einer durchzechten Wodka-Nacht behandeln. Nach drei Minuten Kältetherapie ist der Kopfschmerz weg, die Durchblutung auf Hochtouren. Das jedenfalls verspricht der deutsche Medizingerätehersteller mecoTec.
Die Firma aus Pforzheim will sich einen neuen Markt erschließen. Für das Badezimmer reicher Russen hat Klauer eine neue Variante seiner Kältekammer entworfen. Sie ist kleiner und lässt sich wahlweise auch in der russischen Sauna anschließen.
"Unser Partner ist sich sicher, dass sich die Box in Russland prima verkaufen lässt", erklärt Klauer, Geschäftsführer von mecoTec. In Moskau hat er das deutsch-russische Jointventure Criohome aufgebaut. "Reiche Russen haben den Fitness-Trend entdeckt", sagt dessen Geschäftsführer Erganokow Chasanbi und lacht: "Aber das Wodkatrinken können sie nicht lassen."
"Die Milliardäre geben ihr Geld gerne aus"
Auch die Deutsche Marie-Christine von Wedel, Teilhaberin der Service-Agentur The Noble World, hat schon in der Kältekammer gebibbert. Ihre Firma am Stand nebenan versorgt die Schickeria mit allem, was zum Luxusleben einfach dazugehört: Sei es das Feriendomizil in Saint Tropez, der private Yoga-Trainer oder einfach der Kindergeburtstag am Pool - The Noble World organisiert alles, solange es üppig bezahlt wird.
Früher waren die Deutschen und Briten ihre besten Kunden, sagt von Wedel - heute seien es neben den Saudis die Russen, schwärmt sie: "Die Milliardäre aus Moskau geben ihr Geld gerne aus." Sie seien nicht so knauserig wie die Deutschen. 200.000 bis 300.000 Euro für ein Wochenende am Mittelmeer plus ein Kilo Kaviar - das sei mittlerweile Standard.
Von Wedel ist auch an ausgefallene Wünsche gewöhnt: Ein Russe wollte im Urlaub unbedingt Champagner der Marke "Kristall". Er ließ sie mit dem Privatjet aus dem gerade in bester Lage eröffneten Moskauer Ritz-Carlton Hotel nach Saint Tropez einfliegen. Die zwölf Flaschen für die Dinnerparty kosteten umgerechnet schlappe 100.000 Euro.
Dabei sei die neue Generation der reichen Russen jünger als die erste - aber zugleich zivilisierter. "Die Zeiten, als die Russen polternd das teure Porzellan durch das Wohnzimmer der gemieteten Villen geworfen haben, sind vorbei", erzählt von Wedel erleichtert. Jetzt sind die reichen Russen, oft unter 40 Jahre alt, ihre Lieblingskunden. Knapp 70.000 Euro hat The Nobel World für den Moskauer Ausstellungsstand ausgegeben - doch es hat sich gelohnt. Fünf Interessenten melden sich schon am ersten Messetag.
Mini-Oligarchen in Jeans
Nicht jeder Deutsche ist begeistert von der Messe. "Ich kann überhaupt keine Millionäre entdecken", sagt Hans Schott. Gemeinsam mit seiner Frau Maja, die Luxusimmobilien verkauft, ist er nach Moskau gereist, um sich die extravaganten Russen einmal live anzusehen. Im Fernsehen hat das Berliner Ehepaar im vergangenen Jahr eine Reportage über die Millionärsmesse gesehen.
Dieses Jahr sind sie selbst hier - und machen lange Gesichter: "Man braucht doch nicht nach Russland fliegen, um sich Mercedes, Volkswagen und Dresdner Porzellan anzuschauen", seufzt Schott. Wahrscheinlich aber haben sie den ein oder anderen schwerreichen Russen einfach nicht erkannt. Die Superreichen wie der Ölmagnat Roman Abramowitsch oder der Aluminiumprinz Oleg Deripaska lassen sich bei der "Millionaire Fair" natürlich nicht blicken - schließlich sind sie Milliardäre und besitzen sowieso schon schon alles. Also schlendern lediglich die sogenannten Mini-Oligarchen, unscheinbare Banker und Geschäftsmänner mit Millionenvermögen, gelangweilt durch die Ausstellungshallen, gerne auch einmal in Jeans.
Trotzdem: Viele deutsche Unternehmen profitieren vom Geldsegen, den der hohe Ölpreis dem Rohstoffmekka Russland beschert hat. "Made in Germany" hat auf der Millionärsmesse einen guten Ruf. Und ein Mercedes sei immer noch das beste Aushängeschild für deutsche Luxusprodukte, findet Leonhard Gruhm. Er ist Geschäftsführer der Geschwister Hillebrand GmbH, die Dresdner Porzellan in Moskau vertreibt. Gruhm hat zehn Mitarbeiter zweieinhalb Monate lang 750.000 glitzernde Swarovski-Kristallsteine auf einen weißen Benz kleben lassen. Der funkelnde Wagen ist ein attraktiver Blickfang, um die Schickeria an seinen Messestand mit den Porzellanvasen zu locken.
Baden-Baden am Moskauer Stadtrand
Weil deutscher Glamour so gut bei den Russen ankommt, hat auch die Immobilienfirma Intermarksavills in der Ausstellungshalle ein kleines Stück Schwarzwälder Luxusleben aufgebaut. In einem Glaskasten mit Mini-Modellen kann sich der reiche Russe Villen im Baden-Badener Stil ausgucken. Nach eineinhalb Jahren Bauzeit kann er sie in der Datschen-Siedlung "Baden-Baden-Moskau" am südwestlichen Stadtrand beziehen.
Das Münchner Architekturbüro "Neumayer & Partner" plant das Projekt. "Damit auch wirklich deutscher Luxus-Standard eingehalten wird", erklärt die Verkaufsmanagerin Elena Karpowa. "Reiche Russen lieben Baden-Baden schon seit dem 19. Jahrhundert", schwärmt sie. Sie wollen so leben wie einst Iwan Turgenew und Fjodor Dostojewski, die den Kurort im Nordschwarzwald beide besucht haben.
Mit Geld ist eben fast alles möglich in Russland. Und wenn man tief genug in die Erde bohrt, findet man vielleicht heiße Mineralquellen wie in Baden-Baden oder eben jede Menge Öl.