Coronavirus in Glücksspiel-Metropole Der Casino-Bann trifft Macaus Wirtschaft ins Herz

In Macau wird normalerweise drei Mal so viel gezockt wie in Las Vegas. Aus Angst vor dem Coronavirus schließen jetzt aber alle Casinos.
Foto: Ed Jones/ AFP

Es sind noch ein paar Stunden, bis das Grand Lisboa schließen muss. Aber das riesige Casino im Zentrum Macaus ist schon fast ausgestorben an diesem Dienstagnachmittag, als José Carlos Matias vorbeikommt. Ein paar Croupiers mit Atemmasken vor dem Mund stehen in den Spielsälen umher, warten auf Kundschaft, erzählt Matias im Telefonat mit dem SPIEGEL. Vergeblich. "Alle Spieltische: total leer", sagt er. "Das habe ich hier noch nie gesehen."

Seit 17 Jahren lebt Matias, 39, in der chinesischen Glücksspiel-Metropole. Und bislang kannte der Chefredakteur der portugiesischsprachigen Zeitung "Plataforma Macau" das Grand Lisboa nur als Geldmaschine. Eine Maschine, die rund um die Uhr lief: 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Menschenscharen drängelten sich um die Baccarat- und Roulette-Tische. Sie zockten und tranken, jubelten und fluchten.

José Carlos Matias, Chefredakteur der portugiesischsprachigen Zeitung "Plataforma Macau"

José Carlos Matias, Chefredakteur der portugiesischsprachigen Zeitung "Plataforma Macau"

Foto: privat

Doch dann breitete sich das Coronavirus in China aus. Und der Besucherstrom riss plötzlich ab. An diesem Mittwoch muss das Grand Lisboa ganz dichtmachen - wie auch alle anderen 40 Casinos und Spielsäle Macaus. Für zwei Wochen. So hat es Ho Iat Seng angeordnet, der  Regierungschef der chinesischen Sonderverwaltungsregion. "Es ist eine sehr schwierige Entscheidung, aber wir müssen es tun: für die Gesundheit der Bürger", sagte Ho am Dienstag. Zuvor musste er zwei neue Fälle bekannt geben; damit sind mindestens zehn Menschen in Macau mit dem Virus infiziert. Tote gab es bisher nicht.

Viele hatten nur eins im Sinn: zocken

Der Casino-Bann trifft Macaus Wirtschaft ins Herz. Das einstige portugiesische Kolonialstädtchen ist in den vergangenen Jahren zur Weltmetropole des Glücksspiels aufgestiegen. Und dabei steinreich geworden. Umgerechnet fast 38 Milliarden US-Dollar haben die örtlichen Spielbanken im vergangenen Jahr eingenommen: mehr als drei Mal so viel wie die Casinos in und um Las Vegas. Vier Fünftel der Steuereinnahmen der Region stammen aus dem Glücksspiel. Denn Macau ist der einzige Ort in der Volksrepublik, der Spielbanken erlaubt. 

Seit Portugal 1999 die einstige Kolonie an die Volksrepublik übergab, die Einreise nach Macau vereinfacht und der Casinobetrieb liberalisiert wurde, hat die Glücksspielindustrie vor Ort einen Schub bekommen. Selbst US-Konzerne wie Wynn oder Las Vegas Sands erwirtschaften heute einen großen Teil ihrer Umsätze in Macau. Fast 40 Millionen Besucher kamen 2019 in die Stadt, rund 90 Prozent davon aus China und Hongkong.  Viele hatten nur eins im Sinn: zocken.

Das Virus hat den Boom abrupt gestoppt. Laut den Behörden brach die Zahl der Touristen im Januar um 87 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat ein. Schon vor Tagen schloss die Regionalregierung viele Schulen und Ämter. Die Casinos hingegen durften zunächst noch offen bleiben, obwohl das Ansteckungsrisiko an Orten mit so vielen Menschen hoch sein dürfte. Und obwohl laut Matias auch zwei Spielbanken-Mitarbeiter unter den bestätigten Infizierten waren. 

Aber in den vergangenen Tagen blieben die Zocker fern. Der Regierung dürfte das ihre Entscheidung erleichtert haben, sagt Max Zenglein, Leiter des Programms Wirtschaft am Berliner Mercator Institute for China Studies (MERICS): "Die Schließung ist sicher schmerzhaft für Macau. Aber wenn die Leute nicht mehr kommen, macht es wenig Sinn, die Casinos noch offenzuhalten."

Verschärfte Kontrollen

Das öffentliche Leben in der Zockermetropole erlahmt von Tag zu Tag. "Macau ist fast eine Geisterstadt", sagt Journalist Matias. "So leer habe ich die Stadt in 17 Jahren noch nie gesehen." Fast jede oder jeder, der sich noch nach draußen wage, trage eine Maske – Matias selbst auch. Hongkong stellt den Schiffsverkehr nach Macau ein; die örtlichen öffentlichen Verkehrsmittel werden zunehmend eingeschränkt. Die Grenzübergänge zu Festland-China sind noch offen, aber die Kontrollen werden verschärft.

Zwei Wochen sollen die Casinos geschlossen bleiben – erst einmal. Beobachter erwarten, dass es noch länger dauert. Schließlich wird das Virus Mitte Februar kaum gestoppt sein. Es ist ein harter Schlag für Macaus Wirtschaft; sie war schon vergangenes Jahr in einer leichten Rezession; MERICS-Experte Zenglein erwartet, dass sie nun auch 2020 weiter schrumpfen wird. Auf Chinas Volkswirtschaft werde dies aber kaum Auswirkungen haben. Dafür sei die Region mit ihren gut 600.000 Einwohnern zu klein.

Macau selbst ist nicht von akuter Armut bedroht. Zuletzt wies die Sonderverwaltungszone Finanzreserven von umgerechnet mehr als 55 Milliarden Euro aus, macht rund 90.000 Euro pro Einwohner. "Die Regierung wird bald Finanzhilfen für Bürger und kleine Unternehmen bereitstellen", sagt Matias. Er erwartet, dass die Krise spätestens im Sommer vorbei ist. "Bis dahin reichen die Reserven." 

Macaus wirtschaftliches Schicksal hängt davon ab, ob und wie schnell Chinas Behörden das Virus in den Griff kriegen. "Wenn die Krise einmal gebannt ist und die Casinos wieder öffnen, werden die Touristen auch schnell wieder kommen", sagt Zenglein.  Schließlich sind Millionen Chinesen leidenschaftliche Glücksspieler. Und nirgends können sie ihr Geld so unkompliziert loswerden wie hier.

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