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MANAGER Macher hinter Mauern

Viele Führungskräfte, die vor kurzem noch über heiße Kohlen liefen und »Tschaka« schrien, suchen nun nach neuem Sinn und alten Werten: Seminare in Klöstern sind gefragt wie nie.
aus DER SPIEGEL 2/2003

Vor gut zwei Jahren, als das Leben von Ulrich Wickers noch im Zeitraffer lief und sein Meilenkonto bei der Lufthansa auf 300 000 angeschwollen war, dachte er kurz daran, Urlaub zu machen. Er wollte mit dem Wohnmobil zum Nordkap. »Aber in dem Hype damals«, sagt Wickers, »verzichteten Sie natürlich auf so was.«

Ein paar Monate später verzichtete das Software-Unternehmen, für das Wickers sein Leben in Hotels und Flughafen-Lounges verlegt hatte, auf ihn. Mit dem 46-jährigen Diplomingenieur verloren Dutzende Mitarbeiter ihre Jobs. Doch während viele ins Grübeln kamen, verbreitete Wickers gute Laune. Er empfand sich nicht als arbeits-, sondern bloß als »berufslos« und begriff das eigene Scheitern als Chance - so wie er es aus Managementbüchern gelernt hatte. Wickers verschlang Ratgeber über Selbständigkeit, bis er diesen Sommer in Essen eine Zeitarbeitsfirma gründete. Das war im Juli.

Jetzt ist tiefster Winter, ein heller Donnerstagmorgen. Wickers sitzt in einem Raum des Zisterzienserklosters Langwaden bei Neuss. Durch die Fenster kriecht die Sonne und durch Ulrich Wickers die Furcht. Seine Gründereuphorie ist Zweifeln gewichen, »seuchenartigen Unternehmerängsten«, wie er sagt. Kaum auszudenken, wenn er krank würde, nicht sicher, ob sein Laden das nächste Jahr überlebt.

Vor Wickers liegt ein Teppich, in den ein bunter, neunzackiger Stern gewebt ist - ein »Enneagramm«, erklärt die Psychologin Sabine Tramberend ernst. Sie ist die Seminarleiterin. »Eine Art Horoskop«, glaubt Wickers. Doch weil an diesem esoterischen Muster »schon irgendwas dran sein wird«, lässt sich Wickers nun die »Fallen« des Typs acht erklären, seines Typs, des Erfolgsmenschen, der leicht ein einsamer Wolf wird. Nach dem Gespräch wird Wickers zwei Stunden lang schweigend durch den Klostergarten gehen, vor der Heiligengrotte verharren und über seine Fallen nachdenken.

Die zweitägige Einkehr mit Einblick in das Leben der fünf Mönche heißt »Mystik für Macher«. Doch wie viele der Teilnehmer weiß Wickers nicht mehr so recht, ob er dieser Zielgruppe noch angehört. »Wenn mich jemand fragt: 'Wie geht's Ihnen?', dann müsste ich eigentlich sagen: 'Haben Sie mal 'ne Stunde Zeit?'«

Vor zwei Jahren hätten die Leute von ihr »Techniken des Zeit-Managements« gewollt, so Tramberend. Es waren Kunden, die kurz kamen und dann wieder gingen. Heute kommen Sinnsucher und Rezessionskranke, und sie halten oft über Monate Kontakt. Sie würden langsam »die großen Fragen zulassen«, sagt Tramberend, die ihre Rolle »zwischen Psychologin und Nonne« sieht. »Viele wollen sogar wissen, was nach ihrem Tod über sie gesagt wird.«

Seit sie die Klosterseminare anbietet, betreut Tramberend dreimal so viele Führungskräfte wie zuvor und musste ihren Hauptjob als Leiterin von Migrationsprojekten aufgeben. »Die Rezession«, sagt die Psychologin in den schwarzen Pluderhosen, »ist meine Chance.«

In Zeiten der Krise hat die Sinnstiftung Konjunktur. Glaubwürdigkeit und Transparenz gelten plötzlich als neue Führungstugenden. »Trivialitäten wie die Tatsache, dass Wachstum endlich ist, werden als überraschende Entdeckung gefeiert«, sagt Jürgen Werner, Philosophieprofessor an der Universität Witten/Herdecke.

Eine wachsende Psycho-Industrie lebt inzwischen sehr gut von der lukrativen Spezies der völlig verunsicherten Manager und rät in Seminaren oder Ratgebern zu alten Tugenden und zur neuen Einfachheit. Buchtitel wie »Simplify your life« halten sich seit Monaten in den Bestsellerlisten.

Bereits 25 000-mal verkaufte sich ein kleiner grüner Band mit dem Titel »Menschen führen - Leben wecken«. Autor des Werks ist der Benediktinermönch Anselm Grün, 57. Der studierte Betriebswirt und promovierte Theologe preist darin eine 1500 Jahre alte Regel als die Führungsvoraussetzung schlechthin: die Regel Benedikts von Nursia. Der Gründer des weltoffenen Ordens ("ora et labora") habe nämlich jedem wirtschaftlichen Leiter eines Klosters soziale Kompetenz ins Stammbuch geschrieben - Kreativität wecken, Verantwortung abgeben und mit gutem Beispiel glänzen.

Grün, eine asketische Erscheinung mit einem Vollbart, der aussieht wie elektrisch geladen, hat diese Lehre im Übermaß beherzigt. Als wirtschaftlicher Leiter des fränkischen Klosters Münsterschwarzach hält er nicht nur 20 Betriebe am Laufen und 300 Angestellte auf den Beinen, sondern schreibt auch noch Bücher wie im Fieber: 120 spirituelle Titel mit einer Auflage von über 4,5 Millionen, übersetzt in 27 Sprachen, sind von ihm erschienen. Geht es ums Geld, agiert Grün allerdings sehr irdisch: 20 Prozent des Klostervermögens legte er in Aktien und Anleihen an - Fonds sind ihm »zu langweilig«.

Irgendwann 1998 wurde Siegfried Benz auf Grün aufmerksam. Benz war damals Leiter des Ausbildungszentrums von DaimlerChrysler. Er suchte nach Alternativen zu der Massenhysterie in den Veranstaltungen der Motivationsgurus, die Manager über heiße Kohlen laufen und »Tschaka« schreien ließen.

Zusammen mit Grün entwickelte Benz das erste DaimlerChrysler-Seminar im Kloster. Die Teilnehmer standen mit den Mönchen auf, nahmen an deren Gebeten teil und übten gegenseitig, sich führen zu lassen - mit verbundenen Augen. Grün hatte solche Übungen vorher schon jahrelang mit den Klosterschülern gemacht, doch so verblüfft wie die Manager hatte er kaum einen Schüler erlebt.

»Mir ist ein Schauer über den Rücken gelaufen«, wundert sich Benz noch immer. Inzwischen spricht Grün allerdings nicht mehr nur über das »Leiten von Seelen«, sondern erörtert auch Fragen zum Thema »Wie entlasse ich Mitarbeiter?«. Die Seminare sind immer ausgebucht.

Vor einigen Wochen war Sönke Hess von der DaimlerChrysler-Niederlassung Kiel in Münsterschwarzach. Er habe immer das Gefühl gehabt, er müsse Menschen motivieren, sagt Hess. Jetzt weiß er: »Das kannst du gar nicht.« Was ihm bleibe, sei, »die Eigenmotivation zu wecken«.

Wer nach zwei Tagen erkennt, dass Motivation und Vertrauen sich kaum herstellen lassen, sondern sich einstellen, »der hat sehr viel gelernt«, so Philosophieprofessor Jürgen Werner.

Trotz der Popularität der Klosterseminare wächst in den Fortbildungsabteilungen der Unternehmen der Rechtfertigungsdruck. In Zukunft, so Benz, wird bei jedem Seminar »Profit rausgucken müssen - total unsinnig«. Ein Chemieunternehmen wollte von Sabine Tramberend kürzlich schon im Vorfeld eine Kosten-Nutzen-Rechnung ihres Seminars haben. Doch einen kalkulierbaren Nutzen gibt es nicht. Das Wichtigste, sagt Werner, sei die Entscheidung, sich einmal auszuklinken und hinter Mauern zu leben: »Das strengt an, denn die Ruhe wirft einen auf sich selbst zurück.«

Auf dem Weihnachtsmarkt des Benediktinerklosters Andechs bei München stimmt ein Männerchor »Stille Nacht« an. Das Schwein in der Naturkrippe quiekt. Aus dem Bräustüberl dringt bei jedem Türöffnen ein Duftgemisch aus Haxen und Andechser Klosterbier. Kein Kloster in Deutschland wird so überrannt wie dieses, und keines sorgt so sehr dafür, dass noch mehr kommen: 1,5 Millionen Menschen pilgern im Jahr auf den Heiligen Berg am Ammersee, und nicht wenige wanken abends bockbierbetäubt wieder hinab.

»Andechs ist eine Marke, und wir werden immer wertvoller«, sagt Sprecher Jürgen Schott. 22 Millionen Euro haben die Klosterbetriebe 2001 umgesetzt. Die zweitägigen Führungstrainings und Besinnungstage für Manager kosten 1380 Euro und sind bis 2004 ausgebucht. Von Demut und Maß ist in den hauseigenen Broschüren die Rede, vom Kloster als Gegenentwurf zur Moderne. Das ist die Theorie.

Bald soll ein großes Pilgerhotel aus dem Voralpenboden gestampft werden. Unter Schotts Leitung wurde der Schweinestall zu einem imposanten Festspielhaus umgebaut. Nur seine Idee mit dem Golfplatz, so Schott, sei »irgendwie zu komplex« gewesen. Eine Münchner Zeitung hatte nach Bekanntwerden des Plans den Papst aufgerufen, Schott zu stoppen.

Der frühere Unternehmensberater mit dem Drei-Tage-Bart führt durch den Fürstentrakt, wo E.on, Microsoft oder die HypoVereinsbank tagen und sich unter Stuck und drallen Putten mit der Aura der Unbestechlichkeit umgeben. Bei Führungskräften, so Schott, spüre er »ein unglaubliches Bedürfnis nach Ruhe und Spiritualität«. Viele kämen »zerbrochen« in die Seminare, ließen sich »total fallen und schütten sich aus«.

Ein BMW- und ein Siemens-Manager, die das Führungstraining im November gebucht hatten, erinnern sich etwas anders: Man habe ganz gefasst abends im Bräustüberl mit den Mönchen über Motorradtouren gesprochen. Außerdem, so der Siemens-Mann abgeklärt, schwimme man mit der Benediktregel »natürlich auf einer Welle«. Für den BMW-Manager war das Seminar sowieso vor allem eine »Bestätigung unserer Werte, Tugenden und Visionen«.

Wie gut der Autokonzern und das Kloster zusammen können, zeigte vor zwei Jahren die Doktorarbeit des Andechser Mönchs Johannes Eckert, der erstaunliche Parallelen zwischen Unternehmenskultur und Ordensspiritualität entdeckte und sogar großes Verständnis für mögliche Kündigungen beim Autobauer aufbrachte. Sein Noviziat vergleicht Eckert seither mit einem »Trainee-Programm«. Zudem entwickelte er eine Checkliste für Klosterneueinsteiger, »vergleichbar mit einer Qualitätskontrolle im Benchmarking«.

Die Führungsseminare bereitet Eckert mit Prior Anselm Bilgri vor, dem wirtschaftlichen Leiter des Klosters. Bilgri, 49, ist das Gesicht der Marke Andechs. Er moderiert eine eigene Sendung für das Bayerische Fernsehen und schreibt kulinarische Bestseller mit Titeln wie »Cooking and Healing with Beer«. Zu seinen Vertrauten zählen Wirtschaftsgrößen wie Siemens-Chef Heinrich von Pierer.

Über dem Flachbildschirm in Bilgris Büro hängt Zigarrenrauch. Im Regal stehen monströse Humpen. Bilgri spricht von Demut und dem Willen zum Dienen und davon, dass Führungsgrundsätze »früher eindeutiger« waren. »Da gab es noch eine Identifizierung mit dem Unternehmen, so wie früher bei Krupp«, schwärmt Bilgri und faltet seine Hände.

Von der Kruppschen Kasernenhofmentalität und dem »Generalregulativ«, der Arbeitern untersagte, ihre Arbeitsstätten ohne Erlaubnis zu verlassen, und sie anhielt, ihre Arbeitsuniform auch in der Freizeit zu tragen - davon spricht Bilgri nicht. Es bleibt auch gar keine Zeit für so was. Der nächste Termin drängt. Den »Zeitkorridor«, den der Pater eingeräumt habe, bittet Pressesprecher Schott genau zu befolgen. NILS KLAWITTER

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