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UNTERNEHMER Macht und Moneten

Die Unternehmerfamilie Benteler aus dem Westfälischen bekriegt sich seit Jahren mit ungewöhnlicher Leidenschaft.
aus DER SPIEGEL 29/1989

Anderthalb Stunden dauerte die Aktionärsversammlung. Dann ließen Erich und Helmut Benteler Champagner reichen.

Die beiden Brüder, Eigentümer des Paderborner Röhren- und Autoteile-Herstellers Benteler AG, feierten am Dienstag vorvergangener Woche mit Aufsichtsratschef Klaus Kuhn und dem Vorstand das beste Geschäftsjahr in der Firmengeschichte.

Rund 125 Millionen Mark Gewinn machte der Konzern 1988. 20 Millionen Mark werden an die Gesellschafter ausgeschüttet. Soviel auf einmal gab es noch nie.

Der Teilhaber Erich Benteler, 76, hatte besonderen Anlaß zur Freude. Er darf, nach Abzug der Steuern, einen großen Batzen der Dividende behalten. Das war bis kurz vor der Hauptversammlung noch gar nicht so sicher, erst wenige Tage vor der Aktionärsversammlung waren ihm 20 Prozent der Aktien per Gerichtsvergleich zugesprochen worden.

Erich Benteler hatte seinem Sohn Henry, 37, in den Siebzigern diesen Anteil an der Familienfirma geschenkt. Die großzügige Geste mußte der Alte bald wieder bereuen, der Filius zeigte sich nach Ansicht des Vaters undankbar.

Benteler senior kannte keine väterlichen Gefühle mehr, er verklagte den Sohn auf Herausgabe der Anteile wegen »groben Undanks«. Anfang Juli, nach jahrelangem Gerichts-Hickhack, erschienen beide Bentelers zu einem Vergleichstermin vor dem Oberlandesgericht in Hamm. Die Hauptversammlung hatte der Alte wegen eines Augenleidens um zwei Wochen verschieben lassen.

Das zahlte sich aus. Sohn Henry erklärte sich vor den Richtern bereit, dem Vater die Aktien zurückzugeben. Der Alte überweist dem Sohn in Raten fünf Millionen Mark, die letzte Rate ist am 50. Geburtstag des Filius fällig. Henry, sagen die Anwälte, hatte keine andere Wahl.

Szenen einer Unternehmer-Familie, es geht munter zu im Hause Benteler.

Fehden in Unternehmer-Clans gehören eher zur Regel als zur Ausnahme. Je mehr man hat, desto verbissener wird aufeinander eingedroschen. Die Kräche bei Pierburg, Underberg, Dornier oder Sachs stehen für Hunderte ähnlicher Auseinandersetzungen in deutschen Landen.

Der Dauerstreit bei den Bentelers ist allerdings von besonderer Qualität. Dort streiten nicht wie meistens zwei verfeindete Lager. Dort kämpfte zeitweise jeder gegen jeden: Stamm gegen Stamm, Alt gegen Jung. Rechtsanwälte waren in der Familie Benteler viele Jahre lang die am meisten gefragten Leute.

Den Streithähnen aus dem Westfälischen gehört ein Unternehmen von beachtenswerter Größe. Die Benteler AG setzt zwei Milliarden Mark um und beschäftigt knapp 8000 Mitarbeiter. Das Unternehmen ist nach Mannesmann der zweitgrößte deutschen Röhrenhersteller, es verdient zudem Geld mit Achsträgern für Autos oder Zubehör für Skilifte.

Gegründet wurde die Firma vor 113 Jahren von einem Carl Benteler. Dessen Erbe Eduard, der eigentliche Pionier, hatte wohl geahnt, wie rauflustig seine Nachfahren sich gebärden würden; die Nachfolge für die Söhne Erich und Helmut war bis in viele Details geregelt.

Zunächst lief alles gut. Erich studierte Maschinenbau und übernahm die Verarbeitungssparte. Helmut lernte Kaufmann, er arbeitete bei Klöckner und BMW.

Daß jeder mal im Gebiet des anderen wilderte, störte die Brüder in den Aufbaujahren nicht. Der Nicht-Techniker Helmut konstruierte und baute ein kostensparendes Mini-Stahlwerk bei Paderborn. Er gilt in der Branche als »Erfinder des Stahlwerks des kleinen Mannes«. Nicht-Kaufmann Erich erwarb im Konzern seine Verdienste, als er Großkunden wie Autokonzerne, Kühlschrankhersteller und Explorationsfirmen gewann.

Privat gingen die Brüder meist ihre eigenen Wege. Erich war ein begeisterter Schützenbruder. Jährlich gab er zum Schützenfest in Heepen, einem Vorort von Bielefeld, eine zünftige Sause mit grandiosem Feuerwerk. Oft flog er im firmeneigenen Flugzeug zu seinem Haus in St. Moritz.

Helmut, 73, liebte die feinere Gesellschaft. Er ging so oft wie möglich zur Jagd. In seiner Jugendstilvilla am Bielefelder Johannisberg feierte er muntere Champagner-Feste.

Anfang der Achtziger teilten sich die Brüder die Macht in der Firma neu auf. Helmut wurde Chefmanager, Erich Aufsichtsratsvorsitzender. Von da an ging es zur Sache. Mißtrauen, Zwietracht und Intrige herrschten an der Firmenspitze.

Der Aufsichtsratschef griff dem Vorstandsvorsitzenden viel zu oft in das Tagesgeschäft ein. Der Manager verheimlichte nach Meinung des Bruders an der Spitze des Aufsichtsrats viele Vorgänge. Dann kam es zum Eklat. Erich verweigerte Helmut die Entlastung, Helmut beschimpfte Erich als einen »unfähigen Aufsichtsrat«. Erich verlängerte schließlich Helmuts Vertrag als Vorstandschef nicht mehr.

Zur gleichen Zeit, da sich die Senioren untereinander bekriegten, gab es Krach zwischen Vätern und Söhnen. Da stritt nicht mehr nur Erich mit seinem undankbaren Henry. Es gab auch Zoff zwischen Helmut und dessen einzigem Sohn Rolf Peter, 41.

Eigentlich war ja wieder mal alles bestens zwischen den Generationen geregelt worden. 1973, kurz vor Änderung des Erbschaftsteuergesetzes, hatten die beiden Senioren 80 Prozent des Konzernbesitzes auf den männlichen Nachwuchs übertragen. Auch Hubertus Benteler, 43, Erichs Ältester, bekam 20 Prozent.

Durch das Vermächtnis sparte die Sippe eine Menge Erbschaftsteuer. Die Verträge waren so geschickt verfaßt, daß nicht mal Schenkungsteuer anfiel. Auf die Macht im Unternehmen mochten und mußten die Väter nicht verzichten. Sie behielten die Stimmrechte.

Was das bedeutete, bekam Rolf Peter Benteler deutlich zu spüren. Der hatte als Ingenieur promoviert und assistierte in Bielefeld der Geschäftsleitung. Großzügig wie ein Chef machte er Spesen in fünfstelligen Beträgen. Schließlich beanspruchte er für sich den Spitzenposten. Das war dem Papa zuviel. Fristlos feuerte er den Filius; vorher hatte der Alte sich formgerecht die Zustimmung des Betriebsrats eingeholt.

Wie Bruder Erich von seinem Sohn Henry wollte auch Helmut von seinem Rolf Peter die geschenkten Firmenanteile zurückhaben wegen »feindlicher Gesinnung«. Der Vater bekam vor Gericht recht, der Sohn muß seine 40prozentigen Geschäftsanteile herausrücken. Der Filius kann jetzt nur noch hoffen, daß er in der Revision, beim Bundesgerichtshof, besser abschneidet.

Der verstoßene Rolf Peter brauchte allerdings nicht zu darben. Bislang zahlte die Firma Dividende, 2000 Mark monatlich kassierte er von der Arbeitslosenversicherung. Rolf Peter fuhr natürlich seinen Porsche weiter und kaufte sich eine herrschaftliche Villa.

Aus Gram über die Fehde im eigenen Stamm und die Unerbittlichkeit von Helmut nahm sich dessen Frau Ilse das Leben. Der Witwer trauerte nicht lange. Wenig später nahm er an der traditionellen Drückjagd des Detmolder Regierungspräsidenten teil.

Was Helmut Benteler seinem Sohn verwehrte, wollte er auch anderen aus der Verwandtschaft nicht zugestehen. Den von Bruder Erich vorgeschlagenen Hubertus lehnte er als Vorstandschef ab. Der Techniker leitet im Betrieb die frühere Sparte seines Vaters, die Weiterverarbeitung.

Am Ränkespiel um Macht und Moneten nahm auch Henry teil. Der Erbe, Mitglied der bundesdeutschen Schickimicki-Szene, hatte sich auf die Seite seines Vetters Rolf Peter geschlagen. Er engagierte sich in windigen Immobiliengeschäften in der Schweiz. Vor Gericht bezeichnete ihn sein Vater als geschäftsschädigenden »Lügner«.

Wie stets bei solchen Hahnenkämpfen in Unternehmer-Familien litt auch die Benteler AG unter den Dauerkrächen im Eigentümer-Clan.

Rund zwei Jahre lang konnten keine familienfremden Spitzenleute für Management und Aufsichtsrat angeheuert werden, weil sich die Familienstämme gegenseitig lahmlegten. Sobald ein Kandidat das Vertrauen eines Gesellschafters hatte, lehnte der andere ihn ab.

So sollte Anfang der Achtziger Carl Hahn, heute VW-Chef und damals an der Spitze des Reifenkonzerns Continental, Aufsichtsratschef von Benteler werden. Die Berufung hatte Erich Benteler vorbereitet. Es wurde nichts draus, Bruder Helmut lehnte ab.

Die Entscheidungsblockade zeigte bald Wirkung. Der Umsatz sank rapide, und unaufhaltsam schienen die Erträge zu verfallen.

In letzter Minute drückte die Hausbank, die Bank für Gemeinwirtschaft, den Querköpfen einen Aufsichtsratschef auf - das frühere Thyssen-Vorstandsmitglied Klaus Kuhn, 62.

Der Sanierungsexperte, wegen seines Kleinwuchses von 1,63 Meter und seiner Durchsetzungskraft in der Stahlbranche »Dschingis-Kuhn« genannt, schaffte den Umschwung. Er verpflichtete den Salzgitter-Vorstand Peter Adams, 60, als Vorstandschef und ordnete das auf fünf Firmen zersplitterte Benteler-Imperium. Die störrischen Alten hielt der familienfremde Kuhn von der Firma fern.

Die Kundschaft honorierte die Sanierungsarbeit. Daimler-Benz gab den Ostwestfalen kürzlich den Auftrag zur Lieferung der Achsträger für die neue S-Klasse.

Auch VW-Chef Carl Hahn war nicht nachtragend. Die Bestellungen der spanischen VW-Tochter Seat sind so riesig, daß Benteler bei Barcelona eine neue Fabrik baut.

Kuhn und Adams sorgten dafür, daß der Ruf der Firma nicht neuen Schaden nahm, als die Benteler-Senioren vor einigen Jahren wegen Steuerhinterziehung belangt wurden. Ohne Murren akzeptierten die Sünder den Strafbefehl und die Nachzahlung in Höhe von knapp 30 Millionen Mark. Die Beweise waren allzu stichhaltig. Helmut Benteler vermutet, daß sein Sohn Rolf Peter den Fahndern wichtige Tips gab.

Mit einem Grundkapital von 100 Millionen Mark und anderthalbmal soviel in den Rücklagen glaubt Aufsichtsratschef Kuhn den Konzern »gut abgepolstert« zu haben. »Auf alle Fälle« will er verhindern, daß die Firma in fremde Hände fällt.

»Wenn die Krise der dritten Generation überwunden ist«, so Kuhn, habe auch ein Familienunternehmen die Chance, selbständig zu bleiben.

Ganz sicher ist allerdings nicht, daß bei den Bentelers bald Friede herrscht. Die Familie wird auch zukünftig bei der Benteler AG die Kommandos geben. Am 22. Juni wurde Hubertus Benteler aus dem Erich-Stamm vom Aufsichtsrat als Nachfolger des in einigen Jahren pensionsreifen Vorstandschefs Adams nominiert.

Das war nur möglich, weil die Kontrolleure zugleich dem zweiten Technik-Vorstand Gert Vaubel eine Vertragsverlängerung in Aussicht stellten. Vaubel ist verheiratet mit einer geborenen Benteler, Tochter von Senior Helmut. #

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