MacKenzie Bezos Geben ist seliger denn Steuernzahlen

MacKenzie Bezos, Ex-Frau des Amazon-Chefs, will von ihrem Vermögen spenden, "bis der Safe leer ist". Andere US-Milliardäre gebärden sich ähnlich philanthropisch. Kritiker sehen darin ein Problem. Warum?

MacKenzie Bezos, die 25 Jahre lang mit Amazon-Boss Jeff Bezos verheiratet war und jetzt den Großteil ihres Vermögens spenden will. Kernfrage: für welchen Zweck?
Daniel Acker/ Bloomberg via Getty Images

MacKenzie Bezos, die 25 Jahre lang mit Amazon-Boss Jeff Bezos verheiratet war und jetzt den Großteil ihres Vermögens spenden will. Kernfrage: für welchen Zweck?

Von , Washington


Die Gratulation an die Ex-Frau ließ freundliche Zuneigung erkennen. "Ich bin stolz auf sie", twitterte Amazon-Gründer Jeff Bezos und gab sich sicher, dass "MacKenzie wundervoll und überlegt und effektiv" vorgehen werde.

Bezos' gönnerisches Lob galt einer Sache, die er selbst bislang ablehnt: Kurz nach der Scheidung vom reichsten Mann der Welt hat MacKenzie Bezos diese Woche erklärt, aus ihrem Vermögen so lange spenden zu wollen, "bis der Safe leer ist".

Die 49-Jährige hat sich damit allerhand vorgenommen. Ihr vierprozentiger Aktienanteil an Amazon ist rund 36 Milliarden Dollar wert, das entspricht dem zweieinhalbfachen Bruttoinlandsprodukt von Malta. Ihr Geld mit anderen zu teilen, werde "Zeit, Anstrengung und Sorgfalt erfordern", schreibt die Schriftstellerin in der Erklärung, mit der sie sich einer Bewegung anschließt, die sich unter Amerikas Milliardären zunehmender Beliebtheit erfreut, "the Giving Pledge", auf Deutsch ungefähr: das Spendeversprechen.

204 Mitglieder hat der Klub der superreichen Guten, neun Jahre, nachdem er von Warren Buffett gemeinsam mit Bill und Melinda Gates gegründet wurde. Mitmachen darf nur, wer eine Milliarde besitzt - oder besitzen würde, wenn er nicht versprochen hätte, mindestens die Hälfte des eigenen Reichtums abzugeben. Manche der Philanthropen wollen wie MacKenzie Bezos ihr Geld schon zu Lebzeiten verteilen ("Ich habe eine unverhältnismäßige Menge"), andere wollen lieber bis zum eigenen Ableben warten. Beides geht bei "The Giving Pledge".

Kein einklagbarer Spendenschwur

Außer Bezos sind letztes Jahr unter anderem die Mitgründer von WhatsApp und Pinterest, Brian Acton und Paul Sciarra, dazugestoßen. Auch Nicht-Amerikaner sind inzwischen willkommen. Geld kennt schließlich auch keine Grenzen.

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Fotostrecke: Amazon-Chef Bezos und Ehefrau lassen sich scheiden

Einklagbar ist der Spendenschwur nicht, die Zusage ist rein moralischer Natur. "The Giving Pledge" kontrolliert weder, ob noch wofür das Geld ausgegeben wird. Kritiker sehen darin eine Schwachstelle, weil die Geber im Testament auch ihre eigene Stiftung begünstigen können, die dann weiter von der Familie kontrolliert wird. Dieses "Schlupfloch" mache das Versprechen "praktisch wertlos", hat der inzwischen verstorbene Hedgefonds-Manager Robert Wilson in einer E-Mail an Gates kritisiert, als der ihn nach der Gründung von "The Giving Pledge" zum Beitritt aufforderte. Wilson ließ den umtriebigen Super-Mäzen abblitzen.

MacKenzie Bezos hat zunächst offengelassen, wo sie mit ihren Milliarden hinwill. Nach einer Analyse von Wissenschaftlern der Universität von San Diego sehen die meisten der Geber Handlungsbedarf bei Bildung und Gesundheit. Aber auch soziale Gerechtigkeit und Umwelt werden oft genannt. MacKenzie Bezos scheint da keine Ausnahme.

Spenden gilt in Amerika als Bürgerpflicht

2013 hat sie die Anti-Mobbing-Organisation Bystander Revolution gegründet und letztes Jahr dann mit ihrem Mann Jeff den Zwei-Milliarden-Dollar "Day One Fund" aufgelegt, der Vorschulen finanzieren und obdachlosen Familien helfen soll. Jeff - der auch nach der Scheidung mit einem Vermögen von 108 Milliarden Dollar so reich ist wie niemand sonst auf der Welt - katapultierte sich damit auf Platz eins der Rangliste der größten Spender. Lange war ihm vorgeworfen worden, dass er sich ziemlich geizig gab.

Weltberühmte Geldgeber: Warren Buffett (links) und Bill Gates, Initiatoren des "Giving Pledge"
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Weltberühmte Geldgeber: Warren Buffett (links) und Bill Gates, Initiatoren des "Giving Pledge"

Spenden gilt in Amerika als Bürgerpflicht, als Bringschuld aus einer Art Gesellschaftsvertrag zwischen Arm und Reich, der sich so zusammenfassen lässt: "Du darfst mit kapitalistischen Methoden so viel Geld anhäufen, wie Du willst, solange Du dann Gutes tust." Der Stahlbaron Andrew Carnegie hat den Pakt 1889 so charakterisiert: Die Wohltätigkeit des Kapitalisten sei "Gegengift gegen die zeitweilig ungleiche Verteilung des Wohlstandes, die Versöhnung von Reich und Arm".

Der Philanthrop irrte. Heute besitzen die 400 reichsten Amerikaner - die oberen 0,00025 Prozent der Bevölkerung - mehr als die 150 Millionen Amerikaner des unteren 60-Prozent-Segments. Den Safe zu leeren, ist in einer Lebensspanne kaum mehr zu schaffen. Als Microsoft-Mitgründer Paul Allen 2010 bei "The Giving Pledge" unterschrieb, lag sein Vermögen bei 13,5 Milliarden Dollar - als er starb, waren es 20 Milliarden Dollar. Trotz hoher Spendenfreudigkeit. Allein die 204 "Giving Pledge"-Mitglieder kommen nach Schätzungen auf ein Vermögen von insgesamt knapp einer Billion Dollar.

"Zahl Steuern, Jeff"

Doch dieser Pakt zwischen Philanthropen und Plebs ist brüchig geworden. "Zahl Steuern, Jeff", antwortete einer von Bezos' Followern auf dessen Tweet zu MacKenzies Spendeversprechen. "All diese blödsinnigen Philanthropie-Programme" lenkten nur vom eigentlichen Thema ab, schimpft auch der Historiker Rutger Bregman: nämlich der Steuervermeidung. Er komme sich vor wie "auf einer Konferenz der Feuerwehrleute, und niemand darf über Wasser sprechen", schleuderte der 31-Jährige den Weltverbesserern des diesjährigen Davoser Weltwirtschaftsforums entgegen. Das Video des Auftritts wurde im Netz zum Hit.

Doch genauso wie viele Durchschnittsamerikaner wollen die Superreichen lieber selbst entscheiden, wofür sie ihr Geld ausgeben, als höhere Steuern zu zahlen. Der Philanthrokapitalismus glaubt, dass er es besser kann als der Staat. Sein Vermögen sei in den Stiftungen von Gates und den eigenen Kindern besser aufgehoben, hat auch Großinvestor Buffett argumentiert. Die hätten nicht nur niedrigere Verwaltungskosten als der Staat, sondern seien auch erfolgreicher bei der Auswahl der Nutznießer. Der ziemlich erfolgreiche Anti-Malaria-Kampf der Gates-Stiftung scheint ihm recht zu geben.

Kritikern allerdings graut vor der Philanthropenherrschaft. Zumal Spender eben nicht nur sozial, sondern teils auch mit politischer Agenda unterwegs sind. So wie die mächtigen Koch-Brüder die populistische Tea Party groß gemacht haben, setzt der "The Giving Pledge"-Unterzeichner Tom Steyer sein Vermögen ein, um den Kongress in ein Amtsenthebungsverfahren gegen den US-Präsidenten Donald Trump zu zwingen.

Nicht jeder, der gibt, ist gut

Und nicht jeder, der gibt, ist gut. Das Guggenheim Museum in New York hat jüngst mitgeteilt, auf Zuwendungen der Sackler-Familie künftig verzichten zu wollen. Das von den Sacklers kontrollierte Pharmaunternehmen Purdue Pharma steht in der US-Öffentlichkeit in der Kritik, weil es mit aggressiven Vermarktungsmethoden stark zur Opioid-Krise beigetragen haben soll. 20 Jahre lang hatte das Guggenheim mittelbar an den satten Profiten des Konzerns partizipiert: Familienmitglieder der Sacklers spendeten insgesamt neun Millionen Dollar.

"The Giving Pledge"-Mitbegründerin Melinda Gates räumt ein, dass manche Milliardäre ihrer Geber-Runde nur beitreten, "weil es gut aussieht". Doch sehr viele der Philanthropen wollten "bessere Ergebnisse für Menschen mit geringem Einkommen in diesem Land", versicherte sie im "New York Times Magazine". "Sie wollen, dass die Dinge besser werden."

Knapp 400 Studenten des Morehouse College in Atlanta immerhin dürften das für gelungen halten. Als der "Giving Pledge"-Milliardär Robert Smith, der vermutlich reichste schwarze US-Unternehmer, vor knapp zwei Wochen bei einem Auftritt an der Universität ankündigte, die Studienschulden eines ganzen Jahrgangs zu übernehmen, fielen sich die Zuhörer begeistert in die Arme. Denn vielen Amerikanern gelingt es ein Leben lang nicht, sich aus der Falle der Ausbildungskredite zu befreien.

"Gott hat mich angelächelt", sagte Elijah Dormeus der Zeitung "USA Today". Der 22-Jährige muss nun nicht mit 100.000 Dollar Schulden ins Berufsleben starten. Er wolle nun seinen Bruder finanziell unterstützen, sagte Dormeus. Aber er habe auch einen Traum: Eine Stiftung aufzubauen, die anderen dabei helfe, sich aus den Schulden zu befreien und studieren zu können.

insgesamt 211 Beiträge
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Seite 1
cmolen 01.06.2019
1. Wo ist das Problem??
Immer wieder die Kritiker. Wo ist das Problem? Man spendet eine Million und spart dadurch die Hälfte des gespendeten Betrags durch eine Steuerrückerstattung. Na und? Eine Million geht dorthin wo es wirklich gebraucht wird und eine halbe Million wird weniger an Waffen und sonstige unnütze Subventionen ausgegeben. Gute Sache...bitte mehr Spenden von Reichen mit dem Herzen am richtigen Fleck.
RalfHenrichs 01.06.2019
2. Schlicht asozial
Es gibt zwei moralisch vernünftige Vorschläge: Steuern zahlen (wurde angesprochen) und den Arbeitern ein vernünftigen Lohn zahlen. Spenden aus einem solchen Vermögen hat nichts mit Moral zu tun, da sie so oder so bestimmen, was mit dem Geld passiert. Solche Leute stehen außerhalb der Gesellschaft.
Lelas 01.06.2019
3.
Klar wird auch hier wieder rumgemeckert und das noch so dünnste Haar in der Suppe gesucht. Reiche können machen was sie wollen, gegenüber dem links-ideologischen Milieu, den Nachplapperern und denen, die es mangels Intellekt und Bildung (!) nicht besser wissen, haben die keine Chance auf objektive Beurteilung.
gruenerfg 01.06.2019
4. Beruhigend
Es ist ja sehr beruhigend, daß man für alles, was so passiert, immer Kritiker finden kann. Generell befürworte ich auch das Steuerzahlsystem. Aber wenn ich jetzt zum Beispiel in Deutschland sehe, daß gezahlte Steuern nur dafür verwendet werden, Militär-, Auto- und die Pharmazeutische Industrie zu mästen, ohne dazwischen mal an Bildung, Wohnungsbau ect. zu denken, dann gefällt mir das System, immerhin kommt was rein.
m.w.r. 01.06.2019
5. Nö Danke.
Zitat von cmolenImmer wieder die Kritiker. Wo ist das Problem? Man spendet eine Million und spart dadurch die Hälfte des gespendeten Betrags durch eine Steuerrückerstattung. Na und? Eine Million geht dorthin wo es wirklich gebraucht wird und eine halbe Million wird weniger an Waffen und sonstige unnütze Subventionen ausgegeben. Gute Sache...bitte mehr Spenden von Reichen mit dem Herzen am richtigen Fleck.
"....Eine Million geht dorthin wo es wirklich gebraucht wird.." und das bestimmt ein Millionär der unter schlechten Umständen gar keine Ahnung hat sondern Eigeninteressen? Nö Danke das ist alles andere als gut.
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