Zur Ausgabe
Artikel 48 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Spirituosen Mächtige Erleichterung

Ein kleiner Familienbetrieb aus dem Erzgebirge hat mit eigenwilligen Schnäpsen Erfolg.
aus DER SPIEGEL 8/1994

Im Prinzip ist alles ganz einfach. »Die Kräuter kommen in einen Sack«, sagt Manfred Ullmann, 57, und lugt kurz in einen seiner Steingutbottiche, »dann muß Wasser drüber und natürlich Alkohol.«

Der Erfolg steckt im Detail. In welchem Beutel wie viele der 16 Kräuter stecken und wie lange das Gebräu in den braunen Behältern ziehen muß, verrät der Schnapsbrenner nicht. »Das«, sagt er stolz, »ist die Kunst des Destillateurs.«

Diese Kunst hat den kleinen Familienbetrieb aus dem Erzgebirgsnest Lauterbach schon unversehrt durch vier Jahrzehnte Sozialismus gebracht. Nun scheint mit den ebenso eigenwilligen wie hochprozentigen Spritkreationen auch der Sprung in die Marktwirtschaft zu gelingen.

Das Erfolgsprodukt des Hauses heißt, damals wie heute, Lauterbacher Tropfen. Der giftgrüne Kräuterschnaps ist, im Gegensatz zu Konkurrenzprodukten, ungezuckert und ungetrübt und genießt im Erzgebirge beinahe kultische Verehrung.

»Sterbe nie« nennen die Einheimischen den begehrten Tropfen liebevoll oder, mit etwas Respekt, »Waldbenzin«. Diesen Titel verdankt der 40prozentige weniger seinem pelzig-herzhaften Geschmack als vielmehr der mitunter explosiven Wirkung im Magen-Darm-Trakt. Der grüne Bitter hilft, so Ullmann, »wenn nichts mehr geht«.

»Mächtige Erleichterung« empfand etwa eine von Unwohlsein geplagte Dame aus Strausberg nach dem Genuß »dieses Tropfens«. Dankbar empfiehlt sie in ihrem Schreiben das »edle und gute Getränk«.

Die Medizin galt zu sozialistischen Zeiten als Hartwährung. Nur selten kamen einige tausend Flaschen, vorbei am staatlichen Handel, in den freien Verkauf. Dann herrschte in Lauterbach Verkehrschaos, bis zum Ortseingang standen Trabis und Wartburgs aus Chemnitz oder Marienberg.

Nach der Wende reisten sogar »drei vornehme Herren in einer schweren Limousine« an, erinnert sich Ullmann. Die wollten aber nicht bloß ein paar Flaschen aus dem kleinen Schnapsladen im Parterre des Produktions-, Lager- und Wohnhauses der Familie kaufen, sondern gleich den ganzen Betrieb samt Rezepturen.

Der Erzgebirgler schickte die Unterhändler des West-Konkurrenten Underberg mit einem freundlichen Händedruck zurück in den Westen. »Wir haben nicht 40 Jahre gegen die DDR gekämpft«, sagt Ullmann, »um gleich alles wegzugeben.«

Der Schnapsunternehmer weiß, daß er, mit einigen Investitionen im Marketing, in Vertrieb und Produktion, weit mehr verkaufen könnte als die im vergangenen Jahr abgefüllten 200 000 Flaschen.

Doch Ullmann hat es nicht eilig. »Ich will ja keinen Konzern aufbauen«, sagt er bedächtig. »Wir wachsen lieber Stück für Stück.«

Immerhin steht in der Garage, gleich neben dem Gabelstapler, schon eine kleine automatische Abfüllanlage. Eine zweite wird Ende des Jahres angeschafft. Dann soll der alte Ballsaal des früheren »Gasthofs Ullmann« zur Produktionshalle umgebaut sein.

Noch füllen die Frauen Lauterbacher Tropfen, Blaue Maus (Kokos-Kakao) oder Kräuterweib'l von Hand ab. Das modernste Gerät in der Kellerfabrik ist ein Volksmusik dudelndes RFT-Transistorradio, Typ Stralsund.

Werbung macht das Unternehmen noch gar nicht. Ullmann schaltet keine Anzeigen, er läßt keine Reklamespots laufen, es gibt nicht einmal einen Prospekt. Lediglich ein paar weiße T-Shirts mit dem grünen Aufdruck »Der Lauterbacher« liegen in den Größen M und S im Laden aus, das Stück für neun Mark.

Doch der Absatz steigt. Die Flaschen mit den oft jahrzehntealten, überhaupt nicht bunten Etiketten profitieren nicht nur von der neuen Liebe der Ostdeutschen zu Ostwaren, sie treffen offenbar auch den Nerv der Westkunden. Neuerdings muß sich ein Mann extra um den Postversand kümmern.

»Unsere Aufmachung ist vielleicht nicht so raffiniert«, sagt Schnapsbrenner Ullmann und betrachtet zufrieden eine Flasche seines Grünbitters, »aber dafür ist es der Inhalt.« Y

Zur Ausgabe
Artikel 48 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.