Märklin Der Segen der Heuschrecke

Umsatz stabilisiert, Ergebnis gesteigert, Schulden abgebaut - mit diesen Schlagworten beantwortet Märklin-Geschäftsführer Jan Kantowsky die Frage nach dem ersten Jahr der Sanierung. Die Geschichte liefert gleichzeitig ein Ehrenzeugnis für den Finanzinvestor Kingsbridge.


Göppingen - Am 15. Mai 2006 kaufte Kingsbridge Capital den Familienstämmen Märklin, Friz und Safft die 147 Jahre alte "Fabrik feiner Metallspielwaren" ab. Die Folge: Mehr als 300 der 1400 Arbeitsplätze wurden gestrichen, das Werk Sonneberg in Thüringen schließt bald, zugleich wurden aber auch Millionen investiert.

Als Ziele nannte Kantowsky die Erschließung neuer Produktfelder und Märkte. Märklin hatte zur Spielwarenmesse mit der Aufnahme von Militärspielzeug in die Produktpalette überrascht - ein Bruch mit einer seit dem Zweiten Weltkrieg gepflegten Tradition. Die ersten Bundeswehrfahrzeuge werden gerade ausgeliefert.

Darüber hinaus sollen Jugend und Kinder in den Fokus genommen werden. "Geographisch wollen wir Osteuropa, Japan und die USA erschließen", sagte er. Für 2008 stellte Kantowsky einen "Vorstoß im Zweileiterbereich" in Aussicht. "Da wollen wir mit Trix richtig loslegen." Das bedeutet, dass die Firma mit der bisher nicht groß ausgebauten Marke Trix offensiv die direkten Wettbewerber im Modellbahnsektor angehen wird. Märklins Modellbahnen heißen wegen der Art der Stromversorgung "Dreileiter-Wechselstromsystem", die übrigen Hersteller von Mini-Zügen im Maßstab 1:87, darunter die Märklin-Tochter Trix, nutzen das sogenannte Zweileiter-Gleichstromsystem.

Fans beider Gruppen liefern sich gerne ideologische Grabenkriege, vergleichbar mit Windows- und Apple-Usern bei den Computern.

Qualitätsmängel unbedingt beseitigen

Den neuen Besitzern war bei der Übernahme zwar klar, dass das Unternehmen kurz vor der Insolvenz stand. Danach wurde aber auch noch deutlich, dass die Qualität der Produkte hinter den Ansprüchen des Publikums erheblich zurückblieb.

Das betraf ausgerechnet zwei Herzstücke jeder Modellbahn: einen Motor, der die Märklinisten mit unregelmäßigem Laufverhalten verärgerte, und die digitale Steuerzentrale, die bei einem Preis von 500 Euro nicht den erwarteten Leistungsumfang bot. Beides wird nun mit einem kostenlosen Update und einer völlig neuen Motorentwicklung nachgebessert. "Das mussten wir unbedingt beheben", räumt Kantowsky ein. "Die neuen Produkte befinden sich jetzt in der Auslieferung." Die Aktionen hätten zwar kurzfristig Geld gekostet, lohnten sich aber langfristig, "denn wir können wieder die Qualität liefern, die die Kunden erwarten".

Seit der Übernahme ist die Situation am Modellbahnmarkt nicht wesentlich besser geworden. Schon bevor Märklin in die Krise rutschte, hatte es den österreichischen Hersteller Roco erwischt, unmittelbar nach den Göppingern ging der Gartenbahn-Hersteller LGB in die Knie. Dort musste inzwischen zum zweiten Mal Insolvenz angemeldet werden, nachdem ein erster Rettungsversuch scheiterte.

Kingsbridge hatte hier auch Interesse angemeldet, ist aber bislang nicht zum Zug gekommen, angeblich weil es einen teilweisen Abbau der 130 Arbeitsplätze plante. Die Stadt Nürnberg meldete zuletzt am Donnerstag, dass die ehemalige LGB-Tochter LGB of America ein Angebot unterbreitet habe, das "für die Banken akzeptabel sein müsste" und den Erhalt von rund 100 Arbeitsplätzen beinhaltet.

Von Thomas Rietig, AP



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