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30. Mai 2009, 21:51 Uhr

Magna-Einstieg

Opelaner bejubeln das kleinere Übel

Die Opel-Belegschaft hat ihren Wunschretter bekommen: Gewerkschafter und Betriebsräte preisen die Magna-Lösung. Doch der Jubel könnte bald verstummen, denn auch der neue Eigentümer plant Einschnitte - und die russischen Investoren freuen sich schon über deutsche Technologie zum Schnäppchenpreis.

Frankfurt am Main - Erleichterung bei der IG Metall: Nachdem sich die Bundesregierung und der US-Mutterkonzern General Motors (GM) für Magna und seinen russischen Partnern als Opel-Eigner entschieden haben, herrscht bei der Gewerkschaft Aufbruchstimmung. "Der Weg für eine gute Zukunft von Opel ist frei", sagte IG-Metall-Chef Berthold Huber am Samstag.

Pro-Opel-Fahne: "Arbeiter liegen sich in den Armen"
AP

Pro-Opel-Fahne: "Arbeiter liegen sich in den Armen"

"Mit Magna steigt ein Investor ein, dem die IG Metall zutraut, dieses Autounternehmen strategisch im Markt zu positionieren und damit Standorte und möglichst hohe Beschäftigung nachhaltig zu sichern." Ausdrücklich dankte Huber Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD).

"Ich habe jedoch meine Zweifel, inwieweit das Engagement von Herrn zu Guttenberg zum guten Gelingen beigetragen hat", sagte Huber. Hintergrund der Äußerung: Guttenberg hatte sich wiederholt für eine Opel-Insolvenz ausgesprochen - und war dafür selbst in den eigenen Reihe kritisiert worden.

Länderchefs, die SPD und Arbeitnehmer hatte vor möglichen Job-Verlusten gewarnt, sollte Opel in die Pleite schlittern. Dazu wäre es ohne den Magna-Deal wohl gekommen. Denn spätestens am kommenden Montag dürfte der amerikanische Mutterkonzern GM seinerseits Zahlungsunfähigkeit anmelden.

Auch Vizekanzler Steinmeier zeigte sich über den Durchbruch "sehr erleichtert". Dies sei ein "guter Tag für Opel und den Industriestandort Deutschland insgesamt", sagte Steinmeier am Samstagabend in Berlin. Magna werde die "größtmögliche Zahl" von Arbeitsplätzen erhalten - jetzt hoffe er, dass der geplante Wegfall von Stellen auf die vier Standorte "ausbalanciert" werde, sagte der SPD-Kanzlerkandidat weiter.

Magna plant Einschnitte

Tatsächlich wird es auch mit Magna nicht ohne Einschnitte gehen. Der Sparkurs ist vorgezeichnet. Der österreichisch-kanadische Zulieferer will alle vier deutschen Opel-Standorte erhalten. Das Konzept umfasst aber keine verbindlichen Absprachen zu den Arbeitsplätzen.

Aus Regierungskreisen hieß es am Samstag, eine Vereinbarung zum Arbeitsplatzerhalt hätte gegen EU-Recht verstoßen. Magna spreche in seinem Konzept von einem Abbau von 11.000 Arbeitsplätzen bei General Motors Europe. 2500 Stellen sollen demnach in Deutschland wegfallen, wo Opel bislang 26.000 Arbeitnehmer beschäftigt. Wie viele Arbeitsplätze tatsächlich gefährdet sind, ist offen. Dies will Magna in den kommenden Wochen untersuchen.

Erste Details zeichnen sich bereits ab. Das Opel-Stammwerk in Rüsselsheim wird nach Einschätzung des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) von Jobeinbußen weitgehend verschont bleiben. Auch der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) zeigte sich erleichtert über den Magna-Einstieg. "Auf diese Weise können die Opel-Standorte in den deutschen Bundesländern gerettet werden", sagte er am Rande einer Wahlkampfveranstaltung in Ludwigshafen.

Mit Blick auf das Opelwerk in Kaiserslautern sagte Beck, es würden zwar auch dort Stellen abgebaut. Die genannte Zahl von etwa 280 sei aber eine "vertretbare Größe", zumal keine betriebsbedingten Kündigungen ausgesprochen werden müssten.

Nicht bekannt ist noch, wie viele Jobs im Opel-Werk Eisenach gefährdet sind. Umso deutlicher fallen die Einbußen am Werk in Bochum aus. Dort stehen etwa 1800 von bislang rund 5000 Arbeitsplätzen zur Disposition.

Das berichtete Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) am Samstag in Düsseldorf. Dennoch biete das Konzept eine gute Zukunft für Opel. Wichtig sei der Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen. Zudem gebe es mit den geplanten neuen Produktlinien, etwa dem Elektroauto Ampera, gute Perspektiven.

Angesichts der sich abzeichnende Arbeitsplatzverluste hält sich die Freude bei den Opelanern selbst in Grenzen. "Es wird kein Land für uns sein, in dem Milch und Honig fließen", sagte Opel-Betriebsratschef Klaus Franz am Samstag in Rüsselsheim. "Wir werden harte Verhandlungen zu führen haben. Um jeden Arbeitsplatz, um Auslastung für die Standorte und um die Absicherung der sozialen Ansprüche der Opel Beschäftigten", betonte auch Armin Schild, Opel-Aufsichtsrat und IG-Metall-Bezirksleiter in Frankfurt.

Nach den Worten von Franz wurde die Einigung von der Belegschaft dennoch mit großer Freude aufgenommen. Die Arbeiter der Sonderschicht am Morgen seien glücklich gewesen. Teilweise hätten sie sich in den Armen gelegen. "Das war Emotion pur", sagte Franz zu Reuters-TV.

Durch den Einstieg von Magna habe Opel die Chance, sich nach 80 gemeinsamen Jahren von der kriselnden Mutter GM zu lösen, sagte Franz. "Es war gut, dass sich diejenigen durchgesetzt haben, die eine Rettung von Opel ohne Insolvenzplan haben wollen." Vorbehalte gegen die russische Sberbank, die in dem Konsortium mit Magna den Kapitalanteil von 35 Prozent an Opel halten soll, und den neuen russischen Partner Gaz hat Franz nicht. "Wenn ich mit General Motors über viele Jahre klargekommen bin, dann glaube ich auch, dass wir es schaffen werden, mit den Russen hier einvernehmlich eine Lösung für das Unternehmen zu finden."

Ähnlich positiv sieht das auch die russische Seite - wobei hier vor allem die Freude über den Preis überwiegt. Russlands größtes Finanzinstitut Sberbank bezeichnete den möglichen Einstieg bei Opel als große Chance für die russische Autobranche. "Das ist eine sehr gute Möglichkeit für das Land: Man bekommt für einen präzedenzlos niedrigen Preis einen der technologisch fortgeschrittensten Produzenten Europas", sagte der Direktor der vom Staat kontrollierten Bank, German Gref, am Samstag dem Moskauer Fernsehsender Westi.

Laut Russlands zweitgrößtem Autobauer Gaz sollen künftig 180.000 Opel-Modelle jährlich in Russland produziert werden. Die Fahrzeuge würden im Werk in der Wolga-Stadt Nischni Nowgorod etwa 450 Kilometer östlich von Moskau gebaut, sagte ein Konzernsprecher der Staatsagentur RIA Nowosti. "Dank der dortigen gut entwickelten Infrastruktur und dem von Magna ausgebildeten Personal sowie dem effizienten Service-Netz von Gaz bekommt Opel die Möglichkeit für eine Erweiterung seines Zugangs zum russischen Markt." Für den russischen Autobauer bedeute das Geschäft "einmalige Erfahrungen und eine Auslastung der Produktionskapazitäten".

Zudem kündigt Magna einen Expansionskurs nach Nordamerika an. Demnach plant der Hersteller künftig Opel-Modelle in Kanada zu produzieren. "Ich weiß, dass wir wettbewerbsfähig sind, ich weiß, dass wir in Kanada und den USA Arbeitsplätze schaffen können", sagte Magna-Chef Frank Stronach der kanadischen Tageszeitung "Globe and Mail".

suc/dpa/dpa-AFX/ddp/Reuters/AFP

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