Magnetschwebebahn Grüne warnen vor Kostenexplosion beim Bayern-Transrapid

Eigentlich soll im Herbst Baubeginn sein. Doch noch immer ist nicht klar, wer den Transrapid zum Münchner Flughafen eigentlich bezahlt. Jetzt präsentieren die Grünen ein Gutachten: Der Schwebezug kostet demnach auch noch über eine Milliarde Euro mehr als behauptet.

Von , München


München - Er ist der große Traum des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU): der Transrapid. Auf der knapp 40 Kilometer langen Strecke zwischen Münchner Hauptbahnhof und Flughafen soll er in naher Zukunft im Zehn-Minuten-Takt verkehren. Baubeginn: Herbst 2007. Eigentlich. Denn die Einwendungen der betroffenen Bürger gehen in die Zehntausende, die Finanzierung ist nach wie vor ungeklärt.

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DDP

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Und jetzt prognostiziert ein Experte auch noch eine Kostensteigerung in Milliardenhöhe. Ein von der bayerischen Grünen-Fraktion in Auftrag gegebenes Gutachten kommt zu dem Schluss: "Die Transrapid-Trecke erfordert nach aktuellem Planungsstand Investitionskosten von rund 2,8 Milliarden Euro." Inklusive zusätzlicher Vorkehrungen zur Sicherheit kommt Gutachter Karlheinz Rößler auf einen Gesamtbetrag von 3,36 Milliarden Euro.

Experte: Lücke von mindestens 1,9 Milliarden Euro

Bisher kalkulierte Bayerns Wirtschafts- und Verkehrsminister Erwin Huber (CSU) mit Kosten von 1,85 Milliarden Euro. Der Bund könnte maximal die Hälfte - also 925 Millionen Euro - beisteuern. Bayern will 300 Millionen berappen, die Deutsche Bahn 185 Millionen - und die Industrie hält sich raus. Fehlten also noch rund 400 Millionen. Erwin Huber machte in den letzten Wochen in Optimismus, hoffte auf EU-Gelder oder die pragmatische Lösung: "Es bleibt ein Regelungsbedarf von 400 Millionen - da sind der Freistaat Bayern und die Bundesrepublik ja potent genug, das in vier Jahren Bauzeit aufzubringen", versicherte er jüngst der Münchner CSU.

Doch nach der Berechnung von Gutachter Rößler klafft eine Finanzierungslücke von mindestens 1,9 Milliarden Euro. Warum? Zum einen habe man die Kosten der Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2002 auf den Stand der Preise von 2007 hochgerechnet, erklärt Rößler. Die Planer hätten bisher mit einer Preissteigerung von 1,5 Prozentpunkten pro Jahr gerechnet - doch habe es etwa bei den Baumaterialien in den letzten Jahren wesentlich höhere Kostensteigerungen gegeben.

Außerdem müsse man die Planänderung beachten: "Die Strecke soll jetzt insgesamt einen Kilometer länger und auf zwei zusätzlichen Kilometern untertunnelt sein", so Rößler. Zudem sollten die Tunnel nun tiefer im Erdreich liegen als geplant. Ergebnis: "Die Tunnelkosten haben sich durch die Umplanung mehr als verdoppelt."

Kritik am Sicherheitskonzept

Karlheinz Rößler, der bereits mehrfach für die Grünen, für Umweltorganisationen, aber auch für die CDU-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen kritische Gutachten zum Transrapid angefertigt hat, hält zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen für erforderlich. Die schlagen mit 358 Millionen Euro zu Buche: So sei es etwa "grob fahrlässig", wenn man bei den tiefliegenden Tunnels keine dritte Röhre baue, um Fahrgäste im Notfall darüber evakuieren zu können. Bereits Anfang März hatte Münchens städtische Branddirektion die Flucht- und Rettungswege massiv kritisiert: Das bisher Vorliegende genüge nicht, um die Rettung Verunglückter zu gewährleisten.

Gutachter Rößler weist heute außerdem noch auf die Notwendigkeit von "Schutzbauten" gegen Vogelschlag und Steinewerfer hin: "Der Transrapid fährt 100 Stundenkilometer schneller als jedes Flugzeug bei Start und Landung." Ein 20-Kilo-Schwan etwa könne sich dadurch "in eine Bombe" verwandeln.

Grünen-Wirtschaftsexperte Martin Runge spricht von einer "Kostenexplosion": Der Transrapid könne sich schnell "von einem Schwebetraum zu einem Industriedenkmal entwickeln."

Huber: Baurecht "noch in diesem Jahr"

Wirtschaftsminister Huber indes weist die Kritik heute umgehend zurück: "Unseriöse Spekulationen über angebliche Kostenexplosionen und Gefälligkeitsgutachten mit aus der Luft gegriffenen Zahlen ändern nichts an den Tatsachen." Die Finanzierungsverhandlungen seien auf gutem Wege, "bis Mitte 2007" solle ein Konzept stehen.

Huber rechnet "noch in diesem Jahr mit dem Baurecht". Seit Februar läuft das Erörterungsverfahren, die Münchner haben 23.527 Einwendungen gemacht. Voraussichtlich im Sommer soll die Regierung von Oberbayern dann eine Stellungnahme beim Eisenbahn-Bundesamt abgeben, das letztendlich über die Baugenehmigung entscheiden wird.

An vorderster Front kämpft seit jeher Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) gegen den "teuersten Vorort-Zug der Welt", wie er den Transrapid nennt. Ude setzt sich stattdessen für eine Express-S-Bahn zum Flughafen ein, die 625 Millionen Euro kosten soll. Das Problem: Das vom Bund für den Transrapid bereit gestellte Geld kann nicht einfach auf ein Münchner Nahverkehrsprojekt umgeschichtet werden. Denn der Transrapid steht als industriepolitisches "Leuchtturmprojekt" im Berliner Koalitionsvertrag.

Das hilft Erwin Huber allerdings auch nicht bei der Finanzierungslücke. Ihm bleibt die Hoffnung auf EU-Mittel. Beim Politiker-Derblecken auf dem NockherbergAnfang März wurde Huber von Kabarettist Django Asül, der den Transrapid als "bayerischen Zombie schlechthin" bezeichnete, aufs Korn genommen: "Huber, Ihrer Meinung nach ist die Transrapid-Finanzierung ein Klacks. Wie haben Sie gesagt: 'Wir erwarten aus Brüssel einen Beitrag XYZ.' Huber, drei Unbekannte in einer Zahl! Wollen Sie den Transrapid aus dem Gesundheitsfonds finanzieren?" Und Django Asül schloss mit der Bemerkung: "Da trinken wir doch gleich mal auf den Transrapid - möge er in Frieden ruhen."

Erwin Huber wollte da nicht wirklich mitlachen.

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