Manager-Galerie Der Club der Abzocker

Das Wirtschaftsmagazin "Fortune" hat die 25 gierigsten Manager enttarnt: Führungskräfte, die ihre riesigen Aktienanteile mitten in der Börseneuphorie an ahnungslose Aktionäre verkauften - gerade rechtzeitig, bevor der Börsenwert ins Bodenlose fiel.


Henry Nicholas tat auf Anfrage von Fortune so, als würde er nichts von Wirtschaft verstehen und hätte die Aktien nur zufällig bei einem so hohen Kurs verkauft. Auf die Frage, warum er nun keine Aktien mehr verkauft, sagte er allerdings, der Preis sei nun "einfach zu niedrig". Er nahm mit seinen Aktienverkäufen seit 1999 rund 799 Millionen Dollar ein. Charles Schwab zog laut Fortune rund 353 Millionen Dollar aus seiner gleichnamigen Firma, dem größten Discount-Broker der USA. Nach Angaben eines Sprechers ist dies aber nur ein "verschwindend geringer Teil" von Schwabs Anteilen am Unternehmen. Tim Koogle belohnte sich vor seinem Abgang bei Yahoo mit 160 Millionen Dollar. Die beiden Yahoo-Gründer Jerry Yang und David Filo waren da bescheidener. Während Yang Aktien für rund 30 Millionen Dollar verkaufte, ließ Filo sein Aktienpaket bisher unangetastet. Mit dem Kauf von Aktien im Wert von neun Millionen Dollar wollte Gateway-Gründer Ted Waitt bei einem Kurs von vier Dollar bei den Investoren für Vertrauen sorgen. Die Summe ist allerdings lächerlich im Vergleich zu den 1,1 Milliarden Dollar, die er mit dem Verkauf eigener Aktien einnahm.
Gary Winnick, Ex-Chef des skandalgeschüttelten Kabelnetzbetreibers Global Crossing, ist in der Forbes-Liste "nur" mit 508 Millionen Dollar vertreten. Das ist aber nur die halbe Wahrheit: Vor 1999 hatte er sich bereits um 277 Millionen Dollar bereichert. Global Crossing hat Anfang des Jahres Gläubigerschutz beantragt. Robert ("Bob") Pittman war der Strahlemann von AOL und vor seinem Rauswurf bei AOL Time Warner Chef der Internet-Sparte. Seine momentane Arbeitslosigkeit wird durch Einnahmen aus Aktienverkäufen versüßt: Er brachte es seit 1999 auf 225 Millionen Dollar. Der ehemalige Qwest-Chef Joseph Nacchio wird vedächtigt, von der künstlichen Aufblähung der Unternehmensbilanz gewusst zu haben. Während seiner Amtszeit wirtschaftete er 230 Millionen Dollar in die eigene Tasche. Liberty-Chef John Malone ist in Deutschland besser bekannt als möglicher Käufer des Telekom-Kabelnetzes. Bei einer Übernahme seiner Firma TCI durch AT&T und dem nachfolgenden Verkauf der Aktien erhöhte sich sein Vermögen um 348 Millionen Dollar.
Mit fragwürdiger Bilanzkosmetik brachte der ehemalige Enron-Chef Kenneth Lay eine Welle der Bilanzskandale ins Rollen. Doch der Verursacher der Enronitis belegt in der Liga der gierigsten Manager mit 102 Millionen Dollar noch einen der hinteren Plätze. Cisco-Chef John Chambers hat die Börseneuphorie souverän genutzt. 239 Millionen Dollar konnte er auf sein Privatkonto retten, bevor der Kurs einbrach. Von ihrem Höchstkurs von 80 Dollar im Februar 2000 ist die Cisco-Aktie weit entfernt, sie notiert derzeit bei rund 15 Dollar. Bei Phil Anschutz, einem der reichsten Männer der USA, kommt es auf eine Milliarde mehr oder weniger nicht an. Allein der gewinnbringende Verkauf eines Qwest-Anteils an Bell South, spülte ihm 1,57 Milliarden Dollar in die Kasse, jede Aktie ließ er sich mit 47,25 bezahlen. Das Qwest-Papier wird mittlerweile für rund einen Dollar gehandelt. Steve Case galt lange Zeit als der Held der New Economy. Aktienverkäufe nach der Fusion von AOL und Time Warner brachten ihm 475 Millionen Dollar ein. Sein damaliger Geschäftspartner Gary Levin hat sich dagegen bisher nicht bedient.


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New York - 66 Milliarden Dollar - diese unvorstellbare Summe haben die Manager von 1035 Unternehmen in die eigene Tasche gewirtschaftet, indem sie Aktien am eigenen Unternehmen verkauften. Das ergab eine Studie von Thomson Financial und der Universität Chicago im Auftrag von "Fortune". Auf den ersten Blick erscheint dies nicht verwerflich - doch die betreffenden Manager haben eine Gemeinsamkeit: Sie verkauften ihre immensen Anteile, während sich die ganze Welt noch an den immer höher steigenden Kursen berauschte, und die Kleinaktionäre fleißig kauften. Als dann die Kurse abstürzten und Tausende von Privatanlegern um ihre Altersvorsorge brachten - nicht selten wegen Bilanzfälschung und immensen Fehlinvestitionen – hatten die Chefs ihre Millionen längst im Trockenen.

Illustre Namen finden sich auf der "Fortune"-Liste, doch ein relativ Unbekannter schlägt sie alle: Nicht weniger als 1,57 Milliarden Dollar kassierte der medienscheue Milliardär Phil Anschutz dafür, dass er im Mai 1999 seine Aktienanteile am Telekommunikationskonzern Qwest verkaufte – zu diesem Zeitpunkt war er Chairman des Unternehmens. Das Unternehmen BellSouth bezahlte Anschutz 47,25 Dollar für jede Aktie, was sogar noch acht Dollar über dem damaligen Marktpreis von Qwest lag. Mittlerweile liegt der Börsenkurs leicht über einem Dollar und Qwest musste zugeben, die eigene Bilanz künstlich aufgebläht zu haben.

In der hitzigen Debatte um die schlechte Managermoral in den USA stehen vor allem Firmenchefs wie Global Crossing-Chairman Gary Winnick im Brennpunkt, der mit einem nutzlosen Unterseekabelsystem die gesamte Geschäftswelt linkte, sein Unternehmen in die Pleite führte und mit 508 Millionen Dollar Gewinn aus Aktienverkäufen auf der "Fortune"-Liste auftaucht. Doch erstaunlicher ist, welche seriösen Namen man sonst noch auf der Liste der 25 größten Gierhälse findet: Steve Case etwa, heute Chairman von AOL Time Warner und einst Star der New Economy, sackte mit Aktienverkäufen 475 Millionen Dollar ein, bevor der Aktienkurs des weltgrößten Medienkonzerns über drei Viertel seines Wertes verlor und mittlerweile bei etwas über 13 Dollar gehandelt wird. Der CEO des Netzwerkausrüsters Cisco, John Chambers, brachte es durch Aktienverkäufe auf immerhin noch 239 Millionen Dollar.

Doch ein Name fehlt: "Hey - Wo ist Tyco?", fragt "Fortune". Dennis Kozlowski, der frühere CEO des Unternehmens, taucht in der Liste nicht auf. Aber selbstverständlich hat auch Kozlowski ausgesorgt: 258 Millionen Dollar erhielt er für seine Tyco-Aktien. Doch das Unternehmen verlor seit 1999 bis zum 31. Mai 2002 "nur" 72 Prozent seines Börsenwerts und fiel deshalb knapp durch das Raster der Fortune-Liste.

Die Manager der 1035 in der Studie untersuchten Unternehmen erfüllen allesamt drei Kriterien: In die Auswahl kamen ausschließlich Führungskräfte, deren Unternehmen zeitweise einen Börsenwert von mindestens 400 Millionen Dollar erreicht hatte - und deren Börsenwert seit seinem höchsten Stand um 75 Prozent und mehr gefallen war. Zum zweiten berücksichtigt die Liste nur Insider-Aktiengeschäfte, die Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzende seit dem Jahr 1999 getätigt hatten. Die dritte Einschränkung machte "Fortune" bei den Verkäufern: In die Liste kamen nur Aktienverkäufe von Top-Führungskräften und Mitgliedern der Geschäftsleitung; nicht berücksichtigt sind die Verkäufe von Risikokapitalgesellschaften, die zuerst den Boom der Dot.com-Unternehmen finanzierten, deren Aktien auf der Höhe des Booms sofort abstießen und damit riesige Gewinne einfuhren.



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