Manager-Karrieren Lenny, das Comeback-Kid

Keiner der prominenten Absteiger des Jahres 2002 fand so rasch einen neuen Chef-Job wie Leonhard Fischer, Ex-Boss der schrumpelnden Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein. Doch das neue Amt dürfte mindestens genauso undankbar sein wie das alte.

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Leonhard Fischer: Ein Visionär, sicher - aber auch ein Sanierer?
[M] DPA;SPIEGEL ONLINE

Leonhard Fischer: Ein Visionär, sicher - aber auch ein Sanierer?

Frankfurt am Main/Winterthur – Zum Beginn des Herbstes schien es, als sei Leonhard Fischer noch tiefer gestürzt, als ohnehin für jedermann offensichtlich war. Der Mann, der einst als jüngster Vorstand in die Chroniken des deutschen Bankwesens einging, war auf einmal die Zentralfigur in einem absonderlichem Gerücht.

Nach seinem erzwungenen Abgang bei der Dresdner Bank, tuschelten Finanzleute in Frankfurt, könnte "Lenny" Fischer schon bald in einen neuen Vorstand aufrücken: bei der Gontard & Metallbank. Die freilich war dem Normalkunden nie ein Begriff gewesen - und obendrein seit Monaten insolvent und ohne sichtbares Sanierungskonzept.

Alle überrascht, sich selbst auch

Gar so schlimm kam es für Fischer dann doch nicht. Der kleine, eloquente Mann mit dem immer kahleren Kopf und dem großen Charisma, der in diesen Tagen 40 Jahre alt wird, zieht statt dessen in die Schweiz um. Seit Jahresanfang führt er als Vorstandschef die Winterthur, die an Tradition reiche Versicherungstocher der Credit Suisse (CS).

Fischer hat damit alle überrascht, sich selbst wohl auch. Es galt als unwahrscheinlich, dass er nach seinem Abgang als Vizechef der Dresdner Bank und als Vorstand ihrer ungeduldigen Mutter Allianz - im September verkündet, Ende Oktober vollzogen - schnell einen neuen Karrieregipfel erreichen könnte.

Kein Sabbatical für den Philosophen

Fischer selbst plante angeblich ein längeres Sabbatical - wohl stilgerecht für einen Mann, der Nachdenken als Hobby angibt und mit Lektüre der alten Griechen kokettiert. Sein Büro in Frankfurt aber hatte er noch nicht geräumt, als er die Offerte des Credit-Suisse-Chefs Oswald Grübel annahm.

"Lenny" Fischer war eben immer schneller als andere - und lange Zeit muss er das genossen haben. Der forsche Mann, der in den USA studierte und am Finanzplatz Frankfurt oft wie ein angelsächsischer Import wirkte, fing als Händler von Aktienderivaten und Anleihen bei JP Morgan am Main an, avancierte rasch zum jüngsten Geschäftsführer der US-Bank in Deutschland.

Schneller befördert, schneller gescheitert

Ähnliche Superlative bei seiner nächsten Station, der Dresdner: jüngster Vize-Vorstand, jüngster Vorstand. Im Jahr 2000 zudem CEO der Investmentbank, damals noch Dresdner Kleinwort Benson genannt. Nach der Übernahme durch die Allianz 2001 Einzug ins Spitzengremium des größten deutschen Versicherers. Eine magische Karriere. Bis zu dem Zeitpunkt, als der Mann aus Nordholz mit 39 auch der Jüngste wird, der je aus einem deutschen Bankvorstand ausschied.

Fischers Plus, sein hohes Tempo, geriet am Ende zum Minus. Seine Feinde empfanden ihn oft als brüsk, selbstverliebt, sozial herzlos. Freundlicher gesonnene Zeitgenossen meinen, dass dieser New-Economy-Typ, dieser auf Gewinne fixierte, saloppe Investment-Banker, einfach nicht recht passen wollte zur Dresdner Bank in Zeiten ihrer schwersten Krise - vor allem zur Welt des Firmenkundengeschäfts mit seinen konservativen Regionalfürsten. Zu direkt, zu ehrlich, und ohne Sinn für das Taktieren, das einem den Kopf retten kann.

Alle, alle gegen einen

Fischer legte sich mit allen an: mit den Arbeitnehmervertretern, weil er mitunter schneller reformieren und sparen wollte, als in Deutschland möglich und üblich. Mit den Dresdner-Diadochen in den Provinzen, weil er die Bank rascher und klarer in zwei Teile zerlegen wollte – womöglich auch, um seine Sparte, Firmenkunden und Investmentbanking, mit einem Partner im Ausland vermählen zu können. Mit Vorstandssprecher Fahrholz, der um Einfluss bangte, soll Fischer schließlich im Dauerclinch gelegen haben – und angeblich befand selbst der einflussreiche Ex-Chef Wolfgang Röller, Fischer gehe zu weit.

Gut möglich, dass Fischers Ideen die richtigen und nur er am falschen Ort war. Für viele Sünden, für die er büßen musste - die erdrückende Zahl faulender Kredite etwa - war auch gar nicht er verantwortlich, sondern Vorgänger und Vorvorgänger.

Doch Fischers Ungeduld trieb ihn zu mancher ganz persönlichen Fehlentscheidung. Weil er nach Beginn der Börsenbaisse nicht vom Ziel abrückte, Dresdner Kleinwort zum global strahlenden Branchenstar aufzubauen, kaufte er die Investment-Boutique Wasserstein Perella für 1,5 Milliarden Dollar. Fischer habe sich über den Tisch ziehen lassen, lautet das rückblickende Verdikt der Branche. Und weil Fischer abwanderungswillige Investment-Banker mit Garantie-Boni zu binden versuchte, brach inmitten der Krise eine Kostenlawine über sein einst effizientes Haus herein.

Reparieren, polieren, verkaufen

In seiner neuen Heimat, der Welt der Schweizer Assekuranz, wird Fischer wohl so manches Déjà-vu erleben. Die Credit Suisse folgte, ähnlich wie Fischers alte Mutter Allianz, der Vision vom Allfinanzkonzern, der Bankprodukte und Versicherungen aller Art für jede erdenkliche Kundenschicht feilbietet. Wie die Allianz büßt CS jetzt mit Milliardenverlusten - und wieder sitzt Fischer im Epizentrum des Bebens. Im dritten Quartal schockierte die Winterthur mit einem Verlust von 1,4 Milliarden Franken - und zog das Mutterschiff mit in den Morast.

Schon wundern sich Analysten und Händler, warum CS-Chef Grübel ausgerechnet Fischer rekrutierte - schließlich habe der Deutsche keinerlei Erfahrung im Versicherungsgeschäft. Wahrscheinlich solle Fischer die kranke Sparte einfach kurieren, aufpolieren, sie dann schnell verkaufen, mutmaßen viele.

Der impulsive Manager sei aber ein Stararchitekt mit Visionen, kein systematischer Sanierer, urteilte die "Börsen-Zeitung". Für den neuen Chef der Winterthur ist das kein gutes Zeugnis.



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