Manager-Sozialtraining Im Dschungel des realen Lebens

Durch Überlebenstraining im Urwald versuchen Unternehmen ihre Führungskräfte hart zu machen. Auch das Projekt Seitenwechsel soll die Persönlichkeit von Managern stärken - allerdings durch soziale Arbeit. Peter Hofmann besuchte einen Drogenentzug für Jugendliche.

Von Sebastian Siegloch


Hamburg - Peter Hofmann sitzt in einem Stuhlkreis mit zehn Jugendlichen und hört zu, was Felix* erzählt. "Gestern Abend hab' ich direkt gekotzt", sagt der 15-Jährige. Auch jetzt sei ihm noch schlecht. Seit gestern Mittag ist der Teenager im Drogenentzug. Er ist freiwillig gekommen und hat sich bis zur Fachklinik Bokholt durchgeschlagen. Seine Beine sind ständig in Bewegung, rastlos. Er trippelt vom linken aufs rechte, wippt pausenlos.

Peter Hofmann: Seitenwechsler im Jugenddrogenentzug
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Peter Hofmann: Seitenwechsler im Jugenddrogenentzug

Felix will clean werden. Bis zu zehn Gramm Gras hat er am Tag geraucht. Das hat er zumindest dem Arzt erzählt. Auch andere Drogen hat der Realschüler genommen: Crack, Koks, Ecstasy - das volle Programm. Als Felix im Entzug ankam, war er high. Auf der Fahrt hatte er noch einen Joint geraucht - vorerst den letzten.

Peter Hofmann sitzt ganz ruhig auf seinem Stuhl und hört Felix zu. Seine Beine bewegen sich gar nicht. Aus seinen Reaktionen lässt sich nicht ablesen, ob ihn die Erzählungen des Jugendlichen schockieren. Er guckt interessiert, aber nicht neugierig. Hofmann ist 40 Jahre alt und Finanzvorstand bei der Bremer Straßenbahn AG.

Suchtdruck statt Flip-Chart

Seitenwechsel heißt das Projekt, in dem Führungskräfte aus der Wirtschaftswelt ein Praktikum in einer sozialen Einrichtung machen. Hofmann hat sich für die Fachklinik in Bokholt-Hanredder bei Hamburg entschieden. An die Stelle von Flip-Charts, Kick-Off-Meetings und Monitoring-Systems tritt für fünf Tage der Suchtdruck von jugendlichen Drogenabhängigen.

Fachklinik Bokholt: High zum Entzug
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"Wir wollen kein Managertraining im Dschungel", sagt Seitenwechsel-Leiterin Doris Tito, "sondern ein Persönlichkeitstraining in der realen Welt." Die Führungskräfte arbeiten in einem Team aus Sozialarbeitern und nehmen am Alltag einer sozialen Institution teil. Für diese Zeit müssen sie sich unterordnen und mitarbeiten. Sie treffen keine Entscheidungen, sondern bekommen erklärt, was zu tun ist. "Sie sollen Anzug und Krawatte zu Hause lassen, das Handy ausschalten und mit Bus und Bahn zur ihrer Praktikumsstelle fahren", sagt Tito.

Peter Hofmann kommt mit der Bahn. Aus Hamburg bedeutet das: zwei Mal umsteigen, rund 90 Minuten Fahrzeit mit Bummelzügen. Pünktlich um neun Uhr sitzt der Vorstand mit beiger Leinenhose, Kragenpullover und braunen Freizeitschuhen in der Morgenrunde. Hier treffen sich die Patienten des Jugendentzugs mit den Sozialarbeitern, Ärzten und Heilpädagogen und erzählen, wie es ihnen geht und wie ihre Nacht war.

"Ich weiß nicht, was ich machen soll"

"Mir geht's Scheiße", sagt der 18-jährige Tim*. "Ich habe heute Nacht vielleicht zwei Stunden geschlafen und nur geschwitzt." "Hast du Drogengedanken?", fragt der Arzt. "Ja, natürlich", sagt Tim. Seine Körpersprache bestätigt das: Auch er ist unruhig und wippt pausenlos mit den Beinen. "Ich weiß nicht, was ich machen soll."

"Die Führungskräfte haben nicht die Aufgabe, den Menschen irgendwelche Lösungsvorschläge zu unterbreiten", sagt Projektleiterin Doris Tito. Die Manager müssten erkennen, dass es Probleme gibt, die sie nicht lösen können. Peter Hofmann hat das verstanden. "Wie soll ich da helfen? Ich habe doch gar nicht die Qualifikation, das wäre anmaßend", sagt der 40-jährige Seitenwechsler.

Als Finanzvorstand der Bremer Straßenbahn AG und ehemaliger Geschäftsführer der Hamburger S-Bahn hatte Hofmann immer nur am Rande seiner Arbeit mit Drogenabhängigen zu tun - zum Beispiel als unliebsame Gäste in U-Bahnhöfen. "Ich bin ein bisschen nervös und habe ein mulmiges Gefühl", hatte er vor seinem Seitenwechsel gesagt.

Im Mai hatte sich Peter Hofmann für die Fachklinik nördlich von Hamburg entschieden. Er hätte seinen Seitenwechsel auch in einem Sterbehospiz, einem Behindertenwohnheim oder im Frauengefängnis machen können. Auf einer Marktbörse stellen sich die sozialen Einrichtungen den Führungskräften vor. In Einzelgesprächen können die Manager mehr über die Arbeit in den Institutionen erfahren. Sie können fragen, was sie in der Einrichtung erwartet und was von ihnen erwartet wird.

Die Kunst des Gesprächs

Während der Tage in Bokholt hat Hofmann am meisten bei den Unterhaltungen zwischen Sozialarbeitern und Jugendlichen gelernt. "Ziel der Gespräche ist, die Beziehung zum Gegenüber zu verbessern", so der Finanzvorstand. In seinem Berufsalltag stünden stets die Ergebnisse im Vordergrund. "Da habe ich einen Flip-Chart mit fünf Punkten. Wenn ich nachher hinter jedem Punkt ein Häkchen machen kann, dann war das Gespräch gut."

Marktbörse: Die Manager suchen sich Institution selbst aus

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Hofmann glaubt, dass ihm diese Erkenntnis auch in seinem Unternehmen helfen wird. "Ich werde in Zukunft sicher besser zuhören und mich mehr in die Lage meines Gesprächspartners versetzen", sagt der 40-Jährige. Er ist so begeistert vom Seitenwechsel, dass er das Projekt auch bei der Bremer Straßenbahn AG vorstellen will. "Ich könnte mir vorstellen, dass wir unseren Mitarbeitern einen Seitenwechsel ermöglichen - natürlich auf freiwilliger Basis."

Nadeln im Kopf

Nach der Morgenrunde geht es zur Suchtakupunktur - eine halbe Stunde entspannen und ruhig werden. Peter Hofmann hat in jedem Innenohr fünf Nadeln stecken. Er sitzt mit Tim, Felix und vier anderen Jugendlichen in einem hellen Raum. Auch bei ihnen stecken Nadeln im Kopf. Die Spätsommersonne scheint durch das große Fenster. Tim hat sich beruhigt. Er ist ganz tief in seinen Stuhl gerutscht, hat die Beine auf einen zweiten Stuhl gelegt und schaut aus dem Fenster. Im Hintergrund läuft Entspannungsmusik.

Felix' Blicke wandern pausenlos durch den Raum. Der 15-Jährige wippt permanent mit den Beinen - immer schneller, immer nervöser. Nach zehn Minuten hält der Jugendliche die Stille nicht mehr aus: Er springt auf, reißt sich die Nadeln aus den Ohren und stürmt raus. "Rauchen", ruft er in die Stille. Schlagartig folgen ihm die anderen, als wäre ihre Entspannung von jetzt auf gleich verflogen. Nadeln weg und raus. Bewegen. Langsam steht auch Peter Hofmann auf und sagt: "Die Akupunktur dauert fast immer nur 15 Minuten. Kaum ein Jugendlicher schafft es ruhig zu werden." Er hält kurz inne und überlegt. "Das ist ein Problem, das man nicht kurzfristig ändern kann. Das braucht Zeit."

* Name von Redaktion geändert



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