Managergehälter Bischof Huber geißelt ungerechte Lohnverteilung

Unerwartete Rückendeckung für SPD und Gewerkschaften: Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Bischof Huber, kritisiert ein "grundlegendes Gerechtigkeitsproblem" in Deutschland - und fordert die Offenlegung von Managergehältern sowie einen flächendeckenden Mindestlohn.


Frankfurt am Main - Er bezieht klar Stellung - und schlägt sich ungewollt auf die Seite von SPD und Gewerkschaften: Der Vorsitzende der Evangelischen Kirche, Bischof Wolfgang Huber, hat eine Ausweitung von Mindestlöhnen auf andere Branchen gefordert. "Wir haben ein Gerechtigkeitsproblem", sagte Huber in einem Interview. Mit der Umsetzung des Mindestlohns bei der Post sei das noch nicht gelöst, "weil es andere Bereiche gibt, die von dieser Problematik mindestens genauso betroffen sind - etwa die Pflege", sagte Huber. Man brauche deshalb Arbeitsplätze, mit denen die Menschen ihr Auskommen haben könnten.

Bischof Huber: "Mehr Transparenz ist notwendig"
AP

Bischof Huber: "Mehr Transparenz ist notwendig"

Huber kritisierte in diesem Zusammenhang auch zu hohe Managergehälter und Abfindungen in Millionenhöhe, die die durchschnittlichen Lohnsteigerungen um ein Vielfaches überträfen. "Wenn ein Manager 100-mal so viel verdient wie ein einfacher Arbeiter und in dem entsprechenden Unternehmen zugleich 100 Arbeitsplätze aus Kostengründen wegfallen, dann kann das niemandem vermittelt werden, das wird einfach als ungerecht empfunden", sagte Huber. Jeder, der solche Gehaltsspannen festlege, möge dafür Gründe der Marktentwicklung oder internationale Vergleiche anführen, aber Gerechtigkeitsargumente gebe es dafür nicht.

Seit Wochen kritisieren Politiker und Gewerkschafter eine "Abzocker-Mentalität" einzelner Manager, die trotz schlechter Leistungen mit Millionenabfindungen ihr Unternehmen verließen. Zuletzt hatte Post-Chef Klaus Zumwinkel für Empörung gesorgt, als er kurz nach der Koalitionsentscheidung für einen Post-Mindestlohn Aktienoptionen im Wert von 4,7 Millionen Euro eingelöst hatte. Auch das Gehalt von Porsche-Chef Wendelin Wiedeking oder die Abfindung des ehemaligen Siemens-Chefs Klaus Kleinfeld waren auf Kritik gestoßen. Gestern hatten Wirtschaftsvertreter das Ende der "populistischen" Diskussion gefordert.

Bischof Huber hält die Debatte jedoch für wichtig. "Notwendig ist die Erhöhung der Transparenz und die Einsicht, dass man in solchen Fällen rechenschaftspflichtig ist." Eine gesetzliche Begrenzung der Managergehälter wie sie etwa die SPD debattiert, ist für ihn allerdings zweitrangig. "Die Transparenz kann man an der einen oder anderen Stelle gesetzlich fördern. Aber meine Priorität liegt auf der Debatte in der Gesellschaft", erklärte Huber.

"Es ist gut, dass welche anfangen, sich zu wehren"

Auch die Gewerkschaften schalteten sich heute noch mal in die Diskussion um soziale Gerechtigkeit ein. So teilte Ver.di mit, der zähe Kampf für Mindestlöhne verschaffe ihnen auch neuen Zulauf. "Eigentlich können wir zufrieden sein. Wir haben den Diskurs gedreht", sagte Ver.di-Chef Frank Bsirske. "Es gibt nun in großen Teilen der Gesellschaft die Stimmung: Es reicht, genug jetzt. Es ist gut, dass welche anfangen, sich zu wehren."

Bsirske kritisierte das Auseinanderfallen der sozialen Verhältnisse: Inzwischen stünden 1,9 Millionen Beschäftigte mit Stundenlöhnen unter fünf Euro da, und auf der anderen Seite explodierten die Gehälter der Manager. Das empfänden die Menschen als ungerecht - "genauso wie die Tatsache, dass Unternehmen Rekorddividenden ausschütten und gleichzeitig den Abbau Tausender Jobs verkünden".

Nach Einschätzung von DGB-Chef Michael Sommer wird auch eine erweiterte Beteiligung der Arbeitnehmer am Unternehmenskapital den Abstand zwischen Arm und Reich vorerst nicht verringern. "Es gibt wenig Hoffnung, dass damit die ungleiche Vermögensentwicklung in Deutschland schnell gestoppt oder gar umgekehrt werden kann", sagte Sommer.

Um das Modell überhaupt erfolgreich umzusetzen, bedarf es seiner Einschätzung nach "einer erheblichen staatlichen Anschubfinanzierung". Dazu seien aber weder Union noch SPD bereit. "Ob nennenswert mehr Unternehmen als bisher ihren Beschäftigten unter diesen Bedingungen Kapitalbeteiligungen anbieten, bleibt abzuwarten", sagte Sommer zu den Plänen der Koalition. Diese will im Frühjahr ein abgestimmtes Eckpunktekonzept zur Mitarbeiterbeteiligung vorlegen.

"Arbeitnehmer werden in die Illegalität getrieben"

Widerstand gegen den Mindestlohn kommt von Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU), der vor einer flächendeckenden Einführung warnt: "Die Gefahr eines allgemeinen Mindestlohns liegt in einer völlig undifferenzierten Anwendung", sagte Glos der Wochenzeitung "Die Zeit". Viele Arbeitnehmer würden dadurch in die Illegalität getrieben, weil bei gesetzlich verordneten Löhnen viele Beschäftigungen nicht mehr möglich wären. "Vor allen Dingen würde dies auch die nicht sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze treffen. Es käme zu einem Abwandern von Produktionen und Dienstleistungen."

Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Andrea Nahles sieht die Einführung flächendeckender Mindestlöhne dagegen als das entscheidende arbeitsmarktpolitische Ziel ihrer Partei für das Jahr 2008. "Die SPD will flächendeckende Mindestlöhne, da bleiben wir zäh", sagte Nahles der "Thüringer Allgemeinen". Sie glaube nicht, dass die Union noch lange Argumente finden werde, "Arbeitnehmern einen Mindestlohn vorzuenthalten, den es nun für Briefzusteller und Gebäudereiniger gibt". "Der Zug rollt", sagte Nahles.

sam/AP/dpa/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.