Zur Ausgabe
Artikel 36 / 115

Börse »Manche bereichern sich schamlos«

aus DER SPIEGEL 31/1994

Welteke, 52, befürwortet seit langem eine starke staatliche Aufsicht über die Börsengeschäfte.

SPIEGEL: Staatsanwälte in Frankfurt ermitteln gegen fünf Börsenhändler, die angeblich Millionengewinne dem Fiskus verheimlicht haben. Spielt an der deutschen Börse jeder nach seinen eigenen Regeln?

Welteke: Das ist zu harsch. Es gibt viele Aktienhändler und Makler, die ihre Aufgaben entsprechend den gesetzlichen Regeln wahrnehmen. Aber leider bereichern sich manche Börsianer derart schamlos, daß der Ruf des Finanzplatzes Deutschland darunter leidet.

SPIEGEL: Die Händler haben offensichtlich jahrelang ihr Wissen über größere Kaufaufträge genutzt, um vorab Aktien zu kaufen und diese dann zu den gestiegenen Kursen wieder abzugeben. Vernachlässigt die hessische Landesregierung ihre Aufsichtspflichten?

Welteke: Das Börsenkommissariat hatte so gut wie keine Möglichkeit, solche Vorfälle zu erkennen und dagegen vorzugehen. Bisher ist es in Deutschland nicht strafbar, Vorabinformationen zu nutzen, auch wenn die Kunden dadurch benachteiligt werden. Wir können gegenwärtig gegen schwarze Schafe nur vorgehen, wenn sie ihre Millionengewinne nicht versteuert haben. Erst durch das neue Finanzmarktförderungsgesetz, das am 1. August in Kraft tritt, drohen Insidern bei mißbräuchlicher Ausnutzung ihrer Kenntnisse Gefängnisstrafen bis zu fünf Jahren.

SPIEGEL: Seit 1991 wird gegen Hunderte von Börsianern wegen Steuerhinterziehung ermittelt. Die börseninterne Insider-Prüfungskommission hat offenbar versagt.

Welteke: Das kann man durchaus so sehen. Pikant dabei ist, daß die Insider-Kommission nachträglich behauptet hat, diese Verfahren hätten mit der Börse nichts zu tun. Es handele sich ausschließlich um individuelle Steuerprobleme. Diese Ignoranz hat dem Image der Aktie schwer geschadet.

SPIEGEL: Warum konnten die Banken, die doch die Börseninstitutionen beherrschen, so lange verhindern, daß Insider bestraft werden? In Großbritannien gibt es schärfere Gesetze schon seit 1980.

Welteke: Die Banken hatten in der Vergangenheit kein sonderliches Interesse an einer scharfen Aufsicht. Erst seit den Skandalen wissen sie, daß sie auch selbst zu den Geschädigten gehören.

SPIEGEL: Was ändert sich mit dem neuen Gesetz?

Welteke: Die Unternehmen werden gezwungen, alle kursrelevanten Informationen möglichst schnell zu veröffentlichen. Das verringert die Chance für Insider, von ihrem Wissen zugunsten eigener oder fremder Interessen zu profitieren. Auch die Banken müssen sich anstrengen. Sie dürfen keine Informationsvermischung mehr zwischen den einzelnen Abteilungen zulassen. Das führte in der Vergangenheit immer wieder zu Interessenkonflikten, bei denen die Kleinanleger übervorteilt wurden.

SPIEGEL: Wer darf seine speziellen Kenntnisse über ein Unternehmen nicht mehr für Börsengeschäfte nutzen?

Welteke: Vorstände, Aufsichtsräte oder beispielsweise Unternehmensberater gelten als Insider. Auch die Chefsekretärin oder der Forscher, der an einem neuen Produkt für sein Unternehmen arbeitet, muß sich zurückhalten. Journalisten und Analysten, die von heißen Betriebsgeheimnissen erfahren, geraten in Verdacht, wenn sie an der Börse spekulieren.

SPIEGEL: Welche Möglichkeiten hat das neugeschaffene Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel, Insider zu überführen?

Welteke: Die Kontrolleure können insbesondere alle Dokumente an der Börse einsehen. Da die Banken und Händler alle Wertpapiergeschäfte lückenlos speichern und dem Bundesaufsichtsamt melden müssen, läßt sich bei jedem Auftrag nachvollziehen, wann wer mit wem gehandelt hat.

SPIEGEL: Wird es wie in den USA Undercover-Agenten geben, die mitzocken, um unehrliche Kollegen zu überführen?

Welteke: Ich weiß nicht, ob das unbedingt erforderlich ist. Zunächst sollten wir die Instrumente ausloten, die das neue Gesetz vorsieht. Dann müssen wir überprüfen, ob diese ausreichen.

SPIEGEL: Kritiker befürchten, daß im Kompetenzgerangel zwischen dem neuen Bundesaufsichtsamt, den Börsenaufsichtsbehörden der Länder und der Selbstverwaltung der Börsen keine wirksame Kontrolle möglich ist.

Welteke: Da gibt es durchaus Probleme. Aber wenn ich die Neuregelung mit dem Status quo vergleiche, der keinerlei strafrechtliche Sanktionen für Insider vorsieht, sehe ich einen erheblichen Fortschritt.

SPIEGEL: Wird es in Deutschland zu einer Jagd auf mögliche Insider kommen?

Welteke: Das glaube ich nicht. Vor allem Banken sind bereits im eigenen Interesse gefordert, betriebsintern künftig verstärkt zu kontrollieren, welche Geschäfte ihre Mitarbeiter machen. Damit wäre schon ein gewichtiger Teil des Problems gelöst.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 36 / 115
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.