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AFFÄREN Mann mit Schatten

Die Fahnder des Bundesrechnungshofs ermittelten, daß der ehemalige CSU-Landwirtschaftsminister Hermann Höcherl 1968 einem eidgenössischen Jesuiten 5,7 Millionen Mark Steuergelder zugesteckt hat.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Der katholische Oberpfälzer Hermann Höcherl beschwor den Leibhaftigen nebst Verwandtschaft: »Wir müssen das Zeug loswerden. Und wenn"s bei des Teufels Großmutter wäre.

Sein treuer Untergebener Otto Stalmann. 1968 Ministerialdirektor unter dem CSU-Bundesminister im Landwirtschaftsministerium, schlug das »Zeug« los -- bei der anderen Adresse.

Anfang Februar 1968 führte Stalmann seinem Chef einen ungewöhnlichen Gast mit einem ungewohnten Anliegen zu. Der damals ranghöchste deutschsprachige Jesuit, der Schweizer Pater Mario Schoenenberger. sprach im Bonner Ministerzimmer vor und gelobte dem obersten Dienstherrn, die Last des Butterberges von ihm zu nehmen.

Er versprach, der Bundesregierung einen Käufer für mehrere tausend Tonnen der in Kühlhäusern langsam verderbenden Butter aus der Überschußproduktion deutscher Kühe zu verschaffen und verlangte dafür eine milde Millionengabe als Maklerprovision. Das Spendengeld sollte der Entwicklungshilfe zugute kommen. Höcherl schloß den Pakt mit dem Pater.

Dem Frankfurter Bundesrechnungshof erscheint dieser Pakt heute nicht geheuer. In einem Geheimbericht über den Bundestag klagt er den CSU-Politiker an, »das Eingehen auf die finanziellen Forderungen« des Jesuiten entsprach nicht den Grundsätzen einer wirtschaftlichen und sparsamen Verwaltung«. Die findigen Fahnder vom Rechnungshof urteilten über Höcherls Großzügigkeit im Umgang mit Steuergeldern: »Die wirtschaftliche Seite der im übrigen außergewöhnlichen Abmachung« sei »nicht ausreichend untersucht, den finanziellen Forderungen ohne weiteres entsprochen worden«.

Mario Schoenenberger, der ein Jahr nach seinem Bonner Coup unter geheimnisvollen Umständen seinen Dienst als Assistent des Jesuiten-Generals Pedro Arrupe in Rom quittierte und aus der Gesellschaft Jesu ausschied, hatte bewiesen, wie leicht jemand in der Bundeshauptstadt Millionen abkassieren und ohne Belege verschwinden lassen kann.

Der hohe Ordensmann ließ sich, so erinnert sich Höcherls inzwischen pensionierter Stalmann, von der apostolischen Nuntiatur zu Bad Godesberg in der Duisdorfer Landwirtschaftskaserne anmelden. Dort stellte er sich als Vertreter einer »internationalen Treuhandstelle für Entwicklungshilfe« mit dem christlich klingenden Namen »Humanitas«, Sitz in Zürich, Postfach 725, vor. Bonns ehrfürchtige Bauernbeamte empfingen den geistlichen Herrn aus der Ewigen Stadt ohne Arg.

Sie hegten keinen Zweifel, daß hinter Humanitas der Jesuiten-Orden stand. Wolfgang Wittig, damals Unterabteilungsleiter und Gesprächspartner Schoenenbergers, glaubte noch am Montag vergangener Woche: »Humanitas ist eine kaufmännische Organisation, die von den Jesuiten gegründet worden ist.«

Die Ministerialen hatten den frommen Gast nicht mit Routinefragen nach dem Woher und dem Wofür belästigt. Schoenenberger entsann sich am vergangenen Donnerstag: »Mich hat man natürlich gekannt und wegen meiner Legitimation nicht weiter gefragt.«

Unbeschwert brachte er Höcherl und Beamte dazu, daß sie dankbar der Humanitas 2000 Tonnen Lagerbutter zu EWG-konfornien Preisen und zum Weiterverkauf in Italien überließen. Bei der damaligen Butterschwemme in Europa war der deutsche Brotaufstrich kaum abzusetzen, und Schoenenberger hatte nun in Italien einen Abnehmer an der Hand. »Es sind«, so der abtrünnige Jesuit. »erfahrungsgemäß auf Grund persönlicher Beziehungen Geschäfte möglich, die ohne diese Beziehungen nicht möglich sind.«

Die Abwicklung des Butterhandeis trat der christliche Makler an die Edeka ab, als Provision für Humanitas verlangte der gelernte Exportkaufmann und studierte Nationalökonom Geld. das der Bund bei Nichtzustandekommen des Handels ohnehin hätte zahlen müssen: 5,7 Millionen Mark, die »den Kosten für die Lagerung von 2000 Tonnen Butter für 36 Monate bei einem Kostensatz von 2850 Mark für eine Tonne« (Rechnungshof) entsprachen.

Bonn zahlte prompt. In vier Raten wies Höcherls Kasse in der Zeit zwischen dem 6. Juni und dem 16. Juli 1968 den »Geschenkbetrag des Bundes« (Rechnungshof) auf das eigens für den Buttertransfer eröffnete Humanitas-Konto Nr. 19 29 90 bei der Dresdner Bank AG. Filiale Bonn. Münsterplatz. an.

Dort verliert sich die Millionen-Spur. Das Geschäft war für Höcherl damit erledigt. Wittig: »Wir haben nicht mehr Geld ausgegeben, als wenn wir die Butter weitergelagert hätten. Das Geld ist in die Welt gegangen, wohin auch immer.« Und Ex-Minister Höcherl. derzeit einfaches CSU-MdB, am vorigen Donnerstag: »Für mich kam es darauf an. daß die Butter wegkam. Ich fand nichts Unkorrektes dabei, das mit Entwicklungshilfe zu kombinieren.«

In seiner Angst, die 1968 auf über 50 000 Tonnen angewachsene Butterhalde könne trotz staatlicher Subventionen ranzig werden, hatte der verantwortliche Minister seine Sorgfaltspflicht im Umgang mit öffentlichen Geldern nicht allzu ernst genommen. Er informierte nicht den Haushaltsausschuß des Bundestages, was er nach Auffassung der Frankfurter Kommissare hätte tun müssen: »Diese Unterlassung erscheint dem Bundesrechnungshof besonders schwerwiegend. weil eine rechtzeitige Einschaltung des Haushaltsausschusses sicherlich dazu geführt hätte, daß der Vertrag mit der Humanitas nicht abgeschlossen worden wäre:«

Schlimmer noch. Höcherl verzichtete sogar darauf, die Weiterverwendung der 5,7 Millionen Mark Steuermittel durch die Humanitas zu kontrollieren:

* Die Abrede, zur Entlastung der deutschen Landwirtschaft mit der gezahlten Summe andere deutsche Agrarprodukte für Entwicklungsländer zu kaufen, wurde nicht in den Kontrakt aufgenommen;

* das Ministerium begnügte sich mit dem Priesterwort, das Geld solle »für die weltweiten Aufgaben« in der Humanitas »vornehmlich in den Entwicklungsländern«, verwendet werden (Rechnungshof).

Scharf rügte die Frankfurter Kontrollbehörde: »Das Bundesministerium hat ... keinen Nachweis über die Verwendung gefordert.« Dem SPIEGEL gegenüber pries der Ex-Pater sein damaliges Verhandlungsgeschick: »Es ist vereinbart worden, daß Humanitas über den Einsatz der Mittel dem Geldgeber keine Rechenschaft ablegen muß. Das war Geschäftsgrundlage.«

Hinzu kommt: Weder fiel dem gelernten Juristen Höcherl damals, noch fiel dem Bundesrechnungshof heute auf, daß Schoenenberger Anfang Februar 1968 im Bundeslandwirtschaftsministerium als Repräsentant einer Organisation auftrat, die es noch gar nicht gab: Der Verein Humanitas wurde erst am 27. Februar gegründet, eingetragen ist er bis heute nicht. Und es handelt sich nicht, wie Höcherl noch vergangene Woche wähnte, »um eine kirchliche Einrichtung«, sondern um einen privaten Klub, »dem heute so sieben bis acht Laien angehören und der mit dem Jesuitenorden nichts zu tun hat« (Schoenenberger).

Die Namen der Vereinskameraden möchte Humanitas-Präsident Schoenenberger »nicht preisgeben«. Im Dunkel bleibt auch der Zweck des Zirkels: »Durch einen gegenseitigen Austausch humaner Werte soll nach den Intentionen von Humanitas das Gefälle zwischen gebenden und empfangenden Partnern überwunden werden« (Artikel vier der Humanitas-Satzung).

Der Art und Weise der Finanzierung von Humanitas. die sich bislang nur als Ein-Mann-Verein in der Person Schoenenbergers nach außen darstellt, sollen keine Grenzen gesetzt sein. Die Auskunft des Klubchefs: »Geld kommt durch Beiträge oder gewisse Vergütungen für Leistungen anderer Art herein. Ich bevorzuge unkonventionelles Vorgehen.«

Konkret sind nur Verfügungsgewalt über die Vereinsmittel und die Haftungsfrage geregelt: Nach Artikel 9 der Satzung verwaltet der Präsident allein die Finanzen des Vereins. Und das kann er ohne Sorge tun -- denn »für die Erfüllung der eingegangenen Verpflichtungen haften ausschließlich die vereinseigenen Mittel, unter Ausschluß jeglicher persönlicher oder solidarischer Haftbarkeit der Mitglieder«.

Mißtrauischer als die gutgläubigen Deutschen war bislang allein ein Spanier. Der Jesuiten-General Arrupe hatte. als er von dem Bonner Fischzug seines Jüngers erfuhr, den Untergebenen zum Rapport bestellt: Es kam zum Streit um die Millionen.

Pater Willi Schnetzer, Hausherr in der Jesuitenakademie in Zürich, erinnert sich an ein vertrauliches Gespräch mit seinem Kommandeur: »Der General war persönlich besorgt. hier ist Geld. und was geschieht mit diesem Geld?« Schnetzer weiter: »Ich habe damals in Rom gehört, es handele sich um zwei Millionen Mark.«

Ob Schoenenberger die tatsächliche Höhe der Bonner Spende seinem Orden verschwiegen hat, weiß Schnetzer hingegen nicht. Er weiß aber wohl, daß sich die frommen Brüder in Rom damals immer wieder fragten: »Haha, da liegen solche Mengen Geld in der Gegend herum, wem gehört nun das Geld. dem Orden oder Mario Schoenenberger.

Pater Schoenenberger, »ein sehr komplexer Charakter« (Schnetzer), fiel die Antwort nicht schwer; die Millionen gehörten seinem Verein. Offen gab er vergangene Woche zu. daß sich »General Arrupe ausdrücklich von Humanitas und dem Geschäft mit dem deutschen Landwirtschaftsminister distanziert hat«. Und für seinen einstigen Mitbruder Schnetzer ist es keine Frage, daß nicht nur Differenzen über den Kurs des Ordens, sondern »die ganze zwielichtige Angelegenheit mit dem Butterfeld auch ein Grund für den Austritt« des hohen Jesuiten-Generalstäblers war.

Den Argwohn der Klerikalen in Rom hatte Schoenenberger allerdings schon vor seinem Bonner Geschäft geweckt. Aufgrund von Zuwendungen finanzstarker Schweizer Freunde konnte er sich neben seiner kargen Zelle im römischen Jesuiten-Generalat ein Fünf-Zimmer-Appartement leisten. Und er erhielt auch immer, wenn er telephonisch darum bat, aus der Schweiz Gratis-Sekretärinnen geschickt -- bis zu sechs Damen per Anna. Der nach den Ordensvorschriften zu einfachem Leben und zur Armut verpflichtete Mönch hatte »den Lebensstil der höheren Klasse und fuhr und flog so in der Welt herum wie ein Fabrikdirektor« (Schnetzer).

Schoenenberger achtet weiter auf Stil und Diskretion. In Lausanne betreibt er heute einen privaten Beratungsservice für Entwicklungsprojekte ("ein Verbindungsdienst. der Fäden knüpft, ist wirklich gefragt"). Weil Lausanne jedoch kein »Weltniveau« besitze, will der von römischem Flair und Komfort verwöhnte Manager bald den Firmensitz wechseln.

Hartnäckig verheimlicht er den Verbleib der deutschen Millionen. Den größten Teil des Geldes will er in Entwicklungsvorhaben in Brasilien, Peru und Chile gesteckt haben -- »in welche Projekte, darüber möchte ich keine Auskunft geben«. Und: »Den Beleg über die Verwendung der Gelder kann ich nicht geben. Das ist ein wichtiges Prinzip, um kreativ zu arbeiten.«

Getreu dieser Maxime hat er noch immer einen Teil der deutschen Etat-Millionen zinsbringend auf seinen Schweizer Konten liegen. Seine Zurückhaltung gab der Lausanner Firmenchef erst auf, als er sich zu Gerüchten äußerte, ein Teil der von CSU-Höcherl gespendeten Steuermillionen sei vom dankbaren Schoenenberger auf Umwegen in die Parteikasse der CSU weitergeleitet worden.

Der eidgenössische Manager mutmaßte nun, derartige Spekulationen könnten von verärgerten Geschäftspartnern in Bayern gestreut worden sein, denen er seinerzeit den Auftrag für die Entwicklung eines Jeeps mit BMW-Motor für Urwald und Wüste wieder entzogen hatte.

Schoenenberger. der sich selber »einen Mann mit Schatten« nennt: »Ich würde es bedauern, wenn das Ganze eine innenpolitische Komponente anti CSU und CDU erhielte. Aber ich muß doch nicht alle Karten aufdecken.«

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