Mannesmann-Prozess Ackermann und Esser watschten die Ankläger ab

Am zweiten Tag des Mannesmann-Prozesses äußerten sich die prominenten Angeklagten wie Deutsche-Bank-Chef Ackermann und Ex-Mannesmann-Boss Esser erstmals selbst zur Sache. Den Staatsanwälten warfen sie dabei Inkompetenz vor - und sogar böse Absichten.

Aus Düsseldorf berichtet




Ex-Mannesmann-Chef Esser, Deutsche-Bank-Chef Ackermann: Sprachsachverständige für Fachausdrücke
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Ex-Mannesmann-Chef Esser, Deutsche-Bank-Chef Ackermann: Sprachsachverständige für Fachausdrücke

Düsseldorf - Die Verhandlung läuft gerade zwei Minuten, da muss Josef Ackermanns Anwalt schon eine Schwäche eingestehen. Gerade hat die Richterin referiert, in welcher Abfolge die sechs Angeklagten an diesem Tag ihre "Einlassungen zur Sache" vortragen sollen. Ackermann wäre als Vierter an der Reihe. Er müsse bald sprechen, sehr bald - noch am Vormittag.

Ackermanns Verteidiger Eberhard Kempf klingt angespannt. Damit habe er nicht gerechnet, wirft er ein. Man habe angenommen, dass Ackermann wegen seines Alters der Letzte der Vortragenden sei - und dass er an diesem Tag gar nicht mehr reden müsse.

Richterin Brigitte Koppenhöfer versteht sofort. "Darf ich daraus schließen, dass Ihr Mandant - in Anführungszeichen - nicht bereit ist?", fragt sie. Kempf gesteht: "Die Anführungszeichen können sie streichen." Und Koppenhöfer lenkt ein. Wenn nötig und möglich, signalisiert sie, könne Ackermann auch später auftreten.

Ackermanns englisches Vokabelheft

So hat der Mannesmann-Prozess vor dem Düsseldorfer Landgericht, in dem sich sechs Manager und Gewerkschafter gegen die Anklage der Untreue oder der Beihilfe dazu verteidigen müssen, schon am zweiten Tag eine neue Note bekommen. Noch am Mittwoch hatte Ackermanns Star-Advokat mit einer Rüge gar angezweifelt, ob Koppenhöfer und mit ihr die 14. Strafkammer überhaupt zuständig seien für das Verfahren.

Nur 24 Stunden später ist die Konfrontation der vorsichtigen Kooperation gewichen. Kempf und Ackermann können es sich nicht leisten, die Richterin in diesem wichtigsten Wirtschaftsprozess seit Jahrzehnten im Übermaß zu provozieren. Später wird Kempf sich vorsichtig bei Koppenhöfer erkundigen, ob Ackermann das Gericht auch wirklich um 16 Uhr verlassen könne. Er kann. Der Mann muss im Hauptjob schließlich noch eine Bank führen. Da kann er sich Ärger mit der Verfahrensführung nicht leisten.

Der Bank-Boss wird an diesem Donnerstag doch noch sprechen. Vorher hat Koppenhöfer ihm "zehn Minuten Vorbereitungspause" genehmigt - eine weitere Konzession. Ackerman redet schnell, als er aufsteht. Er muss erklären, warum er und andere Aufsichtsratpräsiden der Mannesmann AG dem Ex-Chef Klaus Esser und weiteren Managern rekordverdächtige Geldsummen zubilligten - direkt nach der Übernahme durch Vodafone im Februar 2000. Um immerhin 111 Millionen Mark ging es dabei. Ackermann streut viele englische Vokabeln in seinen 45-minütigen Vortrag ein: "Corporate citizen", "Best practices" und "Performance pay". Eine Sprachsachverständige wird sie dem Gericht am Ende des Prozesstages noch einmal erläutern.

"Nie da gewesener Erfolg"

Irgendwann spricht er den Satz: "Auch das sind eigentlich Binsenweisheiten, das kann man in jeder Tageszeitung nachlesen." Die Formel zeigt: Der Bankchef balanciert vor Gericht auf einem Grat. Er will selbstbewusst wirken, die Anklagen möglichst in allen Punkten als absurd abkanzeln, damit seine Aktionäre nicht nervös werden. Aber er riskiert, dabei zu übertreiben - und allzu kühl und siegessicher zu wirken.

Gleich der Beginn seiner Einlassung gleicht einer Belehrung. Die Diskussion über angemessene Vorstandsentlohnung werde bekanntlich seit Jahren geführt, sagt er. "Diese Diskussion ist nicht auf Deutschland beschränkt - aber nirgendwo sonst wird deswegen ein Strafprozess geführt." Später folgt ein Exkurs über die drei Gattungen der Bonus-Zahlung "nach dem heute international üblichen System".

Die nachträgliche Entlohnung - wie im Falle Esser - sei "im Wirtschaftsleben üblich", belehrt Ackermann. Und niemand habe einen solchen Bonus mehr verdient als Klaus Esser. Der nämlich habe den Mannesmann-Aktienkurs dramatisch gesteigert und so "einen in der deutschen Unternehmensgeschichte nie da gewesenen Erfolg erzielt." Zu den Vorwürfen sagt Ackermann noch: Er habe die Beschlüsse nach bestem Gewissen und Wissen gefasst. Führende Aktienrechtler hätten bestätigt, dass alles korrekt lief. Und da es keine Geschädigten gebe, könne wohl schwerlich von Untreue die Rede sein.

"Schlimme Rolle gespielt"

Nach Ackermanns Auftritt beginnt der von Klaus Esser. Der frühere Mannesmann-Chef, einst Zentralfigur im Abfindungsdrama - immerhin erhielt allein er rund 60 Millionen Mark - ist inzwischen zur Randfigur degradiert. Das öffentliche Interesse konzentriert sich auf Ackermann, zumal Esser nur wegen Beihilfe angeklagt ist, nicht wegen Untreue.

Hier im Gerichtssaal L 111 will Esser wieder eine Protagonistenrolle spielen - und seine volle Rehabilitation erreichen. Der Mann fühlt sich verletzt, persönlich geschmäht. So ist Essers Einlassung die längste des Tages - und noch ist sie nicht beendet. Teil zwei soll am kommenden Mittwoch folgen. Essers Vortrag war auch der rhetorisch am stärksten ausgefeilte, der Detail verliebteste - und der mit den meisten Äußerungen persönlicher Wut und Verbitterung.

Die Wortwahl ist aufschlussreich: Esser attestiert den Staatsanwälten, sie hätten eine "schlimme Rolle gespielt", eine "Kampagne" der "Verleumdung" angeführt, böswillige "Geschichten" über ihn erfunden. Esser deutet an, dass er politische Motive dahinter vermutet. Seine Millionen-Prämie sei nicht nur legal beschlossen worden, sondern voll gerechtfertigt. Zweimal sagt Esser: "Die Mannesmann-Geschichte ist eine Management-Geschichte."

"Die ungute Tradition gebrochen"

Ein weiteres rhetorisches Manöver: Esser versucht, seine Entlohnung vom Ruch des Skandalösen zu befreien - sie gar als Vorbild hinzustellen. Sein Argument: Immerhin habe er als erster Topmanager in Deutschland freiwillig offen gelegt, wie viel er erhalte. Esser findet: "Diese Veröffentlichung war ein unerhörtes Ereignis. Die ungute Tradition der Geheimhaltungen von Vergütungen in Deutschland war damit gebrochen."

Gegenüber Ackermanns und Essers Auftritten verblassen die der anderen Angeklagten. Klaus Zwickel etwa, Anfang 2000 noch Chef der IG Metall und Mannesmann-Aufsichtsrat, beginnt mit einem Rückblick auf die Geschichte der Mitbestimmung im Nachkriegsdeutschland. Zwickels Fazit für die Gegenwart: Die Veto-Macht der Arbeitnehmervertreter werde überschätzt. "Mitbestimmung heißt nicht, die Entwicklung eines Unternehmens zu blockieren." Es sei naiv zu glauben, dass Gewerkschafter im Aufsichtsrat "in offener Schlacht Konflikte austragen."

Das soll wohl bedeuten: Man hätte von ihm gar nicht erwarten können, dass er die Prämien und Abfindungen im Aufsichtsrat blockiert. Immerhin, wiederholt Zwickel, habe er sich beim Votum über Essers Millionen enthalten - obwohl die Arbeitgeberseite sie als völlig korrekt dargestellt habe. Dem habe er auch geglaubt.

Murmeln und Kichern im Saal

Besonders stark unter Feuer genommen wird die Anklage von den Anwälten der Nebenfiguren: Dietmar Droste und Jürgen Ladberg, früher Betriebsratschef bei Mannesmann. Droste äußert sich am Donnerstag gar nicht, Ladberg nur kurz und allgemein. Die Anwälte beider rügen, die Staatsanwälte hätten eine "völlig unzureichende" Anklageschrift eingereicht. An keiner Stelle werde im Detail dargelegt, was Droste und Ladberg überhaupt vorgeworfen werde. Beide könnten sich gar nicht verteidigen - sie wüssten nicht wogegen. Solcherlei Generalkritik an der Arbeit der Ankläger wird wohl noch oft folgen an den nächsten 38 Prozesstagen.

Eine Breitseite hat auch Ackermann sich nicht verkniffen. Vielleicht störe sich die Staatsanwaltschaft ja an dem raschen Tempo, mit dem die Aufsichtsräte im Februar 2000 die Prämien berieten und genehmigten, spekuliert er. "Aber bedenken Sie bitte, dass die Abläufe im Unternehmen ganz andere sind als in der Verwaltung oder beispielsweise der Justiz." Undiplomatisch klingt das, sarkastisch fast. Ein paar Zuhörer hinten im Saal murmeln und lachen.

Die drei Staatsanwälte am Tisch ganz rechts verziehen keine Miene.

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