Mannesmann-Prozess Essers Zorn, Ackermanns Ausrutscher

Tag zwei des neuen Mannesmann-Prozesses gehörte den Promi-Angeklagten Klaus Esser und Josef Ackermann. Der erste quälte das Gericht mit einem Dauervortrag. Der zweite sprach sachlich und kurz - doch eine beiläufige Antwort auf eine Richterfrage ließ tief blicken.

Von , Düsseldorf


Düsseldorf - Der erste Fan von Josef Ackermann steht schon am Morgen vor dem Besuchereingang, es ist 8.05 Uhr. "Meine Frau denkt, ich bin verrückt", gesteht der Pensionär mit dem Käppi von DKNY - denn aufgestanden sei er sogar um sechs. Endlich wollte er die Angeklagten im Mannesmann-Prozess sehen, ihre Argumente hören, zum ersten Mal live - darum ist er heute aus Krefeld hergefahren nach Düsseldorf.

"Josef Ackermann ist ein wichtiger Wirtschaftsführer für unser Land", betont der Mann. "Dass die Freisprüche aus dem ersten Verfahren aufgehoben wurden, fand ich erstaunlich."

Ansonsten hält sich die Zuneigung für den Chef der Deutschen Bank im Landgerichtssaal L111 in Grenzen. Als der zweite Prozesstag im neuen Mannesmann-Verfahren beginnt, ist die Kommunikationsabteilung der Bank mit einem kleinen Tross zugegen - davon abgesehen sitzen auf den Publikumsstühlen viele enttäuschte Ex-Mannesmänner. "Ich war Kleinaktionär und habe mein Geld verloren", schimpft einer. "Diese Leute gehören hinter Gitter."

"Außerordentlich, außerordentlich"

Gegen 9.20 Uhr erhebt sich Ackermann, um in seiner Einlassung auszuführen, warum die Vox populi in diesem Fall irrt und er Recht hat. Warum es legitim war, Klaus Esser und anderen Mannesmann-Managern nach der verlorenen Übernahmeschlacht mit Vodafone Chart zeigen 57 Millionen Euro an Prämien und Abfindungen zu gewähren. Ackermann saß damals im Präsidium des Aufsichtsrates, das allein für Esser eine "Anerkennungsprämie" von rund 15 Millionen Euro beschloss.

Ein Leitmotiv in Ackermanns Vortrag ist das Wort "außerordentlich". Er halte es für legitim, dass für eine "außerordentliche Leistung" und "außerordentlichen Einsatz" selbst dann ein Bonus bezahlt werde, wenn das - wie bei Esser - gar nicht im Anstellungsvertrag vorgesehen sei.

Ähnliches habe er in seiner Karriere immer wieder erlebt, sei "internationale Praxis". Präzedenzfälle dafür habe es auch bei Mannesmann gegeben. Ackermann müht sich, die Thesen des Bundesgerichtshofes (BGH) um Richter Klaus Tolksdorf zu entkräften. Der hatte im Dezember 2005 in der Revision gesagt, die Boni im Falle Mannesmann wirkten wie Geschenke, verteilt nach Art von Gutsherren. Nicht vertraglich vereinbarte Prämien seien nur in einem Fall gerechtfertigt, so der BGH - wenn der Belohnte zu weiterer Leistung für das Unternehmen angespornt werde.

Ackermanns Vokabeln: Prospektiv, Incentive-Wirkung, Corporate Governance

War das bei Esser der Fall? Es war doch absehbar, dass er nach der Niederlage gegen Vodafone das Unternehmen verlassen, die Rolle als bloße Nummer zwei nie akzeptieren würde. Ackermann versucht den Nachweis - die Prämien seien nicht nur inhaltlich gerechtfertigt, sondern natürlich auch "zukunftsbezogen" gewesen, betont er. Esser habe noch eine wichtige Rolle bei der "reibungslosen Integration" des übernommenen Konzerns gespielt. Und die Integrationsphase, hier zitiert der Banker eine Studie von Ernst & Young, sei bei Übernahmen ja immer die schwierigste.

Der Deutsche-Bank-Chef liest seine Einlassung stehend von DIN-A4-Blättern ab. Er spricht schnell, mit seinem typischen Schweizer Akzent, ohne Stocken. Er sagt Wörter wie prospektiv, Corporate Governance und Incentive-Wirkung. Am Schluss seiner Ausführungen erklärt Ackermann persönlich dem fragenden Richter Stefan Drees, was eigentlich ein Board of Directors ist.

Diese Antworten Ackermanns auf Drees' Fragen wirken weniger einstudiert, emotionaler als sein Vortrag. Sein Selbstverständnis als Aufsichtsrat beschreibt er mit den Worten: "Man kommt zur Sitzung und dann wieder zur Sitzung. Was zwischendrin intern abläuft, damit ist man nicht beschäftigt."

"Nicht im Regen stehen lassen"

Ob die Millionenprämien nicht auffällig eilig beschlossen worden seien? Bei der Deutschen Bank verteile er Boni in beachtlicher Höhe "in sehr knapper Zeit, diese Erfahrung muss man einem zutrauen". Außerdem sei es um ein Signal gegangen - das Signal an die Mannesmann-Spitze: "Wir lassen unsere eigenen Leute nicht im Regen stehen." Denn das wäre nach einer verlorenen Übernahmeschlacht "tödlich".

Das Publikum murrt. Waren die Prämien also doch nachträgliche Geschenke, willkürlich verteilt, wie der BGH mutmaßte? Oder Arbeitsanreize für die Zukunft, wie Ackermann im offiziellen Teil seiner Einlassung sagte? Vielleicht wäre es Ackermanns Anwälten lieber, er hätte sich die emotionalen Sätze verkniffen.

"Ich habe diesen Bonus nicht erbeten, ich habe ihn nicht unterstützt", sagt dann Klaus Esser, der letzte Chef der unabhängigen Mannesmann AG. Er sagt es immer wieder, insgesamt sechs Mal in drei Stunden, mit nur wenig veränderten Worten. Esser ist ab 10.20 Uhr an der Reihe - und wiederholt einige Argumente Ackermanns, nur viel, viel ausführlicher.

Man könnte den Vortrag wehleidig nennen - wenn Essers Stimme nicht so neutral dabei klänge. Von einer "Irrfahrt durch oft wechselnde, falsche Vorwürfe" spricht er. Von "Kampagne" und "persönlicher Belastung". Er appelliert an das Gericht: "Sprechen Sie mich nach diesen endlosen sieben Jahren endlich, endlich frei."

Dass er seinen Multi-Millionen-Bonus für absolut gerechtfertigt hielt und gerne annahm, das sagt Esser auch - nur nicht so oft. Die Zahlung sei durch den "unvorhersehbaren" Erfolg des Unternehmens unter seiner Führung begründet. Ja, er sei auch nach der Übernahme gebraucht worden, um Arbeitsplätze bei den Mannesmann-Röhrenwerken, der Sparte Atecs und in der Düsseldorfer Verwaltung zu retten - und ja, der Bonus habe ihn motiviert, noch ein paar Monate weiterzukämpfen. "Das hat Bedeutung gehabt."

Schnarchen in Zuschauerreihe eins

Aber was war mit Joachim Funk, dem damaligen Aufsichtsratschef? Auch der erhielt drei Millionen Euro, obwohl er aus dem aktiven Management ausgeschieden war - und stimmte im ersten Durchgang gar selbst für die eigene Prämie. Diese Funk-Zahlung, das wissen alle im Gerichtssaal L111, könnte zur Crux des Verfahrens werden.

Esser versucht sich davon zu distanzieren: Als er von Funks Beschluss in eigener Sache erfuhr, sei er "verärgert" gewesen. "Das hat mein Verhältnis zu Herrn Professor Funk belastet." Er selbst habe dafür gesorgt, Rechtsrat einzuholen. Erst als die Prämie noch einmal beschlossen wurde, diesmal ohne Beteiligung Funks, habe er sie für korrekt gehalten - zumindest formal.

Währens Esser das alles vorträgt, übt sich der Saal in Ritualen der Langeweile. Ackermanns Anwalt Eberhard Kempf durchsucht Dokumente auf seinem Notebook. Richter Drees schaut lange konzentriert auf den Angeklagten - doch nach zwei Stunden Vortrag beginnt auch sein Blick zu wandern.

Als Esser nach der Mittagspause noch mehr als eine Stunde weiter spricht, sind in den Stuhlreihen für Zuhörer und Journalisten viele Plätze frei geworden. Hinten nickt ein Anwalt einer bekannten Münchner Kanzlei ein. Er schnarcht vernehmlich, bis eine Kollegin ihn anstößt und weckt. Noch mindestens 23 Verhandlungstage bis zum Urteil.



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