Mannesmann-Prozess Gents eiskalte Ehrenrettung für Esser

Der 17. Tag im Mannesmann-Prozess war einer der wichtigsten: Sir Christopher Gent sagte aus, der frühere Vodafone-Boss und Rivale des Millionen-Pensionärs Klaus Esser. Zur Sache sagte Gent vieles, das Esser hilft - der Tonfall aber war alles andere als herzlich.

Düsseldorf - Bei der Dolmetscherin im Schwurgerichtssaal L 111 liegt Nervosität in der Stimme. Als sie die ersten Fragen an den Zeugen übersetzt, stockt sie mehrfach, muss neu ansetzen. Dabei spricht sie mit deutlichem deutschen Akzent. Zwei englische Reporter im Zuschauerraum stöhnen. Sie fürchten, wenig zu verstehen vom Ablauf des Prozesses, für den sie eigens nach Düsseldorf eingeflogen sind.

Die Übersetzerin war sicher nicht die einzige, die angespannt war an diesem 17. Tag des Mannesmann-Prozesses. Mit der Aussage des Mannes, der in den offiziellen Aushängen nur als Sir Christopher G. abgekürzt wird, hat das Verfahren einen Höhepunkt erreicht.

Chris Gent, bis Mitte 2003 CEO bei Vodafone, war der prominenteste Zeuge, der bisher Platz nahm im L 111 - und vielleicht einer der letzten. Die Beweisaufnahme geht dem Ende entgegen, schon kommenden Mittwoch könnte Richterin Brigitte Koppenhöfer eine Verkürzung des Mammutverfahrens beschließen. Für die drei Staatsanwälte, die bisher kaum punkten konnten, wird die Zeit knapp.

Der starre Blick an Esser vorbei

Schon am Mittwochabend war Chris Gent nach Düsseldorf geflogen. Das rosa Oberhemd, die Hosenträger, die ihn sonst als ur-britischen Businessman entlarven, ließ er daheim in Gloucestershire. Stattdessen nur Nadelstreif, dunkle Krawatte, eine weniger wuchtige Hornbrille als früher. Gent lehnt die Arme auf den Tisch, sitzt leicht vorgebeugt, als er gegen 9.15 Uhr seine Aussage beginnt.

Er spricht über jene Wochen vor dem Februar 2000, als Vodafone für eine Rekordsumme von 360 Milliarden Mark die Mannesmann AG schluckte und später zerschlug. Ohne diese Übernahme hätte es die 111 Millionen Mark an Pensionen und Prämien nie gegeben, die an Ex-Chef Klaus Esser und andere Top-Mannesmänner flossen - und über deren Höhe und Bewilligung seit Januar verhandelt wird im L 111.

Gent schaut nicht zu Klaus Esser herüber, den Blickkontakt vermeidet er fast fünf Stunden lang. Gent sieht auch nicht zu den anderen Angeklagten - der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ist darunter, auch IG-Metall-Veteran Klaus Zwickel. Stattdessen schaut der Zeuge steif auf 20 Seiten Manuskript, die er vorliest, unaufgeregt, leise, alle paar Sätze unterbrochen von der Stimme einer der Dolmetscherinnen.

Urbild britischer Absahnerkultur

Eine halbe Stunde vergeht, bis Chris Gent sich endlich zu einer Würdigung seines einstigen Widerparts durchringt. Esser habe sich nicht nur stets professionell verhalten, sondern anständig, sagt er. "Er kämpfte in erster Linie für seine Firma, und dann erst für seine Karriere. Im Verlauf dieser Zeit hat er immense Werte für seine Aktionäre geschaffen."

Ein Satz, den auch Essers Star-Advokat Sven Thomas oder Joseph Ackermann hätten sagen können. Gent legt nach: "Es tut mir leid, dass Esser Gegenstand so vieler grundloser Verdächtigungen und ungerechter Kritik ist." Vielleicht zeigt das die innere Verbundenheit zweier Männer, die beide angefeindet wurden wegen ihrer Millionenpensionen. Für den "Guardian" schließlich ist Sir Christopher Urbild der Absahnerkultur auch in britischen Vorstandsetagen.

Trotzdem spricht Gent mit großer Distanz über den Mann auf der Anklagebank. Charakterlich haben die beiden wenig gemein, vielleicht den Ehrgeiz. Auf dem Höhepunkt des Fusionspokers machte sich Gent einmal lustig über den Deutschen, über dessen Akzent und exzentrische Liebe zur Lyrik. Umso ironischer, dass Esser Gent jetzt als Entlastungszeugen braucht.

Manchmal nennt Gent Esser "Klaus". Dann benutzt er den vollen Namen. Die Anreden purzeln durcheinander in Gents Aussage. Immer wieder spricht er auch kühl von "Doktor Esser". Gent rügt, dass Esser sich lange sehr unkooperativ verhalten habe, provokativ sogar. Er, Gent, habe anfangs keine feindliche Übernahme gewollt. Die implizite These: Esser war an allem selbst schuld.

"Das ist nicht Ihre Firma"

Noch im Dezember 1999 habe Esser ihn abblitzen lassen: "Meine Firma ist viel mehr wert als das, was Sie bieten." Da habe er geantwortet, sagt Gent, dass Mannesmann mitnichten Essers Firma gewesen sei - sondern die der Aktionäre. Es klingt fast ein wenig feindselig, wie Gent das vorträgt. Dabei tut er es mit derselben nüchternen Stimme.

"Doktor Esser" sitzt gerade mal fünf Meter entfernt. Auch er schaut Gent nicht an. Höchstens zehn Grad nach links in Richtung Zeugenstand dreht Esser seinen Kopf, weiter nicht. Oft blickt auch Esser auf seinen Tisch, er macht sich Notizen. Essers Anwaltsteam wird später keine weiteren Fragen stellen an den Zeugen Gent. Das müssen sie auch nicht. Sie können sich weit gehend bestätigt fühlen, trotz des eisigen Tonfalls und obwohl Gent in Details früheren Aussagen Essers widersprach.

In den sachlich wichtigsten Punkten stützt Gent Thesen der Verteidigung. Seine Version einer Schlüsselszene vom 2. Februar 2000 passt in Essers Konzept. Gent sagt, er könne sich nicht daran erinnern, dass während der Verhandlungen mit Esser auf einmal Canning Fok in den Raum stürzte - der Geschäftsführer des Mannesmann-Großaktionärs Hutchison Whampoa.

"Mit welcher Airline sind Sie geflogen"

Die Staatsanwälte glauben, dass Fok die Millionenprämie für Esser vorschlug, um ihn zum Einlenken zu bewegen. Das riecht nach Korruption. Ein Investmentbanker von Morgan Stanley hatte diesen Verdacht genährt. Fok habe damals gesagt: "We need to do this the Chinese Way" und sei ins Verhandlungszimmer gestürmt. Einige Zeit lang sei Fok bei Esser und Gent geblieben. Unsinn, sagt Gent. Über Essers Prämie sei erst gesprochen worden, als der Deal besiegelt war.

Auf einem Zuschauerplatz sitzt Bobby Leach im Saal, der Pressechef des Vodafone-Konzernes. Er hat Gents Aussagemanuskript vor sich liegen, liest mit. Immer wieder hackt er E-Mails in seinen Blackberry-Pager. Leach sagt, ein Prozess wie dieser sei in Großbritannien nicht denkbar - und anderswo auf der Welt auch nicht, eben nur in Deutschland. Als Staatsanwalt Johannes Puls Fragen stellt wie "Sir Christopher, mit welcher Airline sind Sie damals nach Düsseldorf geflogen?" verbirgt Leach seine Ungeduld nicht.

"Dieselbe Sorte Mensch"

An einer Stelle lacht der Pressechef. Gent spricht über Essers Prämie. Zehn Millionen britische Pfund seien ihm und Fok nicht überzogen vorgekommen. Man hätte Essers Leistung honorieren müssen, und Esser habe ja weder Aktien besessen noch Optionen. Außerdem: Als Vodafone den US-Mobilfunker Airtouch übernahm, sei dessen Chef mit 250 Millionen Pfund verabschiedet worden. Für Leach zeigt der Vergleich den Irrsinn des Düsseldorfer Verfahrens.

Einige deutsche Zuhörer murren angesichts der astronomischen Zahl. Es ist so voll wie lang nicht mehr hinten im Saal, kein Stuhl ist frei. Auf der Treppe stehen noch immer Neugierige, die auf Eintritt hoffen. Wieder sitzen viele Ex-Mannesmänner im Gericht, die oft Jahrzehnte für den Konzern arbeiten. Von Gent fühlen sie sich beraubt, von Esser verkauft.

Von der Aussage des Briten hatten sie sich von Beginn an wenig versprochen. Ein Pensionär mit grauem Kinnbart sagt: "Der Gent und die Angeklagten - das ist dieselbe Sorte Mensch. Die sehen zu, dass sie möglichst viel in die eigene Tasche bekommen."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.