Mannesmann-Prozess SPD-General wettert gegen Angeklagte

"Unglaubliche Arroganz, "Zynismus", "Raffgier" - mit deftigen Worten haben Politiker die angeklagten Top-Manager im Mannesmann-Prozess attackiert. Die Einlassungen vor Gericht von Deutsche-Bank-Chef Ackermann, Ex-Mannesmann-Boss Esser und Co. bewiesen, wie sehr sie unter Realitätsverlust litten, sagte SPD-General Scholz.



Ex-Mannesmann-Chef Esser, Deutsche-Bank-Chef Ackermann: "Sie vertiefen die Gräben in der Gesellschaft"
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Ex-Mannesmann-Chef Esser, Deutsche-Bank-Chef Ackermann: "Sie vertiefen die Gräben in der Gesellschaft"

Berlin/Düsseldorf - SPD-Generalsekretär Olaf Scholz sprach am Donnerstag in Berlin von "unglaublicher Arroganz" und dem "Zynismus hoch dotierter Manager". Ackermanns Standpunkt, die Millionen-Prämien für Esser und sein Team seien eine außergewöhnliche Anerkennung für eine außergewöhnliche Leistung gewesen, belege nur, wie weit der Realitätsverlust der Angeklagten vorangeschritten sei, sagte Scholz.

Ackermann und seinen Kollegen fehle offenbar jeder Bezug zu den Menschen im Lande. "Sie vertiefen die Gräben in der Gesellschaft." Es gehe bei dem Prozess auch um Moral. "Das zu verstehen, fällt den Männern auf der Anklagebank offenbar schwer. Das ist die eigentliche Tragödie dieses Prozesses." Die juristische Anklage laute auf Untreue. "Die moralische Anklage lautet: Verhöhnung der arbeitenden Menschen in Deutschland", erklärte Scholz.

CDA-Chef Hermann Josef Arentz kritisierte im Zusammenhang mit dem Prozess die erschütternde Raffgier einzelner Manager. In der "Westfalenpost" sprach er von einem Lehrstück für den Verfall der Moral. "Dieselben Leute, die den Arbeitnehmern Bescheidenheit predigen, schieben Vorständen 111 Millionen Mark Prämien zu", sagte der CDA-Vorsitzende. Arentz forderte eine Selbstverpflichtung der Wirtschaft, damit die erschreckenden Fälle des Missbrauchs zu Gunsten einiger weniger ein Ende fänden.

Im gleichen Tenor äußerte sich auch der Präsident des Münchner ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn. Gegenüber der "Welt" bezeichnete er es als einen Skandal, dass sich die Leitung von Mannesmann offenkundig nur so lange gegen die Übernahme durch Vodafone gewehrt habe, bis die privaten Abfindungsbeträge geklärt waren.

Zu den Zahlungen in Gesamthöhe von 57 Millionen Euro an Mannesmann-Manager sagte Sinn, bei der Übernahme sei "extrem viel Geld" in Prämien und Abfindungen geflossen. Die Hintergründe dieses Vorgangs aufzuklären stärke den Rechtsstaat und könne zu höherer Rechtssicherheit führen. "Jedenfalls darf es nicht sein, dass sich deutsche Manager mit exzessiven Abfindungen die Zustimmung zur Verlagerung von Unternehmenszentralen ins Ausland abkaufen lassen."

Daher sei der Prozess "notwendig und unerlässlich", betonte Sinn. "Es ist falsch, wenn behauptet wird, dass der Prozess in Düsseldorf eine Gefährdung des Standortes Deutschland darstellt. Vielmehr ist der Standort durch die Übernahme von Mannesmann geschwächt worden."

Fälle erschreckenden Missbrauchs

Am zweiten Verhandlungstag hatten alle sechs Angeklagten die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft in teilweise scharfer Form zurückgewiesen. Als Letzter hatte der frühere Vorstandschef Esser sein Plädoyer gehalten. Die Untreue-Vorwürfe der Staatsanwaltschaft seien eine "Verleumdung" und "Beleidigung", sagte Esser.

Esser: "Einzigartige Erfolgsgeschichte"
DDP

Esser: "Einzigartige Erfolgsgeschichte"

Einen Schaden für Mannesmann habe es nicht gegeben, nur "riesige Gewinne für die Aktionäre", sagte Esser am Donnerstag zu Beginn seiner fünfstündigen Erklärung vor dem Landgericht Düsseldorf. Da ihm auch nach Auffassung des Gerichts keine Untreue nachzuweisen gewesen sei, habe man den Vorwurf der Käuflichkeit und Verschwörung gegen ihn "erfunden", sagte Esser, der sich wegen Beihilfe zur Untreue verantworten muss.

"Es gab weder Täter noch Gehilfen bei unrechtmäßigen Handlungen", so Esser. Er schilderte die Steigerung des Aktienkurses von Mannesmann im Zuge der Übernahme als "einzigartige Erfolgsgeschichte", womit die Bonuszahlungen an ihn selbst gerechtfertigt gewesen seien. Dem Erfolg für die Aktionäre habe allerdings die Niederlage für Mannesmann gegenübergestanden. Die Mitarbeiter seien in ihrer Trauer "ziemlich einsam" geblieben. Esser hatte nach der Übernahme neben der Erfolgsprämie auch eine Abfindung von 30 Millionen Mark erhalten.

Angeklagte beteuern ihre Unschuld

Zuvor hatten bereits die anderen fünf Angeklagten ihre Unschuld beteuert. In dem spektakulären Verfahren geht es um Prämien und Pensionen an Mannesmann-Vorstände und Pensionäre von rund 57 Millionen Euro.

Besonders offensiv verteidigte sich Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Er selbst habe sich nicht bereichert, sagte er. "Ich habe nach Wirtschaftsrecht richtig gehandelt."

Die öffentliche Diskussion über die Bezüge von Managern werde nur in Deutschland zum Anlass für einen Strafprozess genommen. Die Vorwürfe gegen ihn, etwa dass er an einem Komplott zur Bereicherung beteiligt gewesen sei oder dass es bei Mannesmann keine ordnungsgemäßen Beschlüsse des Aufsichtsrats gegeben habe, bezeichnete er als falsch und unsinnig. Ihm werde in nicht nachvollziehbarer Weise ein Straftatbestand zur Last gelegt, der noch dazu unklar und unbestimmt sei.

Ackermann lobt Esser

Ackermann hob die Verdienste des damaligen Mannesmann-Vorstandsvorsitzenden Klaus Esser hervor. So habe sich der Börsenwert des Konzerns während dessen Mitgliedschaft im Vorstand bis November 1999 auf 75 Milliarden Euro verzehnfacht, während der Dax Chart zeigen im gleichen Zeitraum nur um 190 Prozent zugelegt habe. Im Verlauf der Übernahmeschlacht sei es Esser dann gelungen, den Unternehmenswert noch einmal auf 160 Milliarden Euro mehr als zu verdoppeln. An diesem in der deutschen Wirtschaftsgeschichte nie zuvor dagewesenen Erfolg sei Esser lediglich mit 0,01 Prozent beteiligt worden, sagte Ackermann.

Ehemaliger Aufsichtsratschef Joachim Funk: "Die Situation glich einem Schlachtfeld"
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Ehemaliger Aufsichtsratschef Joachim Funk: "Die Situation glich einem Schlachtfeld"

Bei dieser Prämie habe sich der Aufsichtsrat bewusst nicht an das vertraglich Geschuldete gehalten, sondern am Prinzip der Leistungsgerechtigkeit orientiert, sagte Ackermann. Esser sei bei der Übernahmeschlacht an die Grenzen der Belastbarkeit gebracht worden. "Hätten wir zu ihm sagen sollen, der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen?", fragte der Angeklagte.

Funk und Zwickel weisen jede Schuld von sich

Der frühere Aufsichtsratsvorsitzende von Mannesmann, Joachim Funk, bezeichnete den Beschluss über die Ausschüttung der umstrittenen Prämien als "rechtlich in Ordnung". Bei der Übernahme von Mannesmann durch Vodafone vor vier Jahren sei es hektisch zugegangen. "Manche Entscheidungen wurden in Eile getroffen, die Situation glich einem Schlachtfeld", meinte Funk.

Der Gewerkschafter Klaus Zwickel äußerte sein Unverständnis über die Anklage. Nach 50 Jahren Arbeit habe er sich viel vorstellen können, aber "niemals, dass ich eines Tages wegen Veruntreuung angeklagt sein könnte", sagte Zwickel. Alle Entscheidungen, an denen er beteiligt gewesen sei, waren nach seiner Überzeugung aktienrechtlich korrekt.



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