Mannesmann-Prozess Vorhang zu und viele Fragen offen

Nach fünf teilweise turbulenten Monaten Beweisaufnahme und zahlreichen Zeugenauftritten beginnt die Staatsanwaltschaft im Mannesmann-Prozess mit ihrem Schlussplädoyer. Ein Rückblick auf den Verlauf des Justizspektakels.

Von Arne Stuhr


Hamburg/Düsseldorf - Den Mantel hochgeschlagen inspiziert ein Sicherheitsmann der Deutschen Bank Chart zeigen jeden Mülleimer in der Nähe des Landgerichts. Er schaut unter die parkenden Fahrzeuge in den Gassen der Altstadt und hält per Funk-Knopf im Ohr Kontakt zu seinen Kollegen.

Vodafone-Zentrale in Düsseldorf: Der spektakulärste Prozess der deutschen Wirtschaftsgeschichte
AP

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Auch bei den Journalisten ist die Anspannung an diesem 21. Januar, dem ersten Tag des Mannesmann-Verfahrens, deutlich sichtbar. Vor jedem Eingang des Landgerichts haben sie sich mit Kameras postiert. Dann rauscht um kurz vor halb neun die erste schwarze Limousine - eine S-Klasse versteht sich - um die Ecke. Prominenter Insasse: Joachim Funk, Ex-Aufsichtsratsvorsitzender der Mannesmann AG.

Vor allem Josef Ackermann steht im Mittelpunkt des Interesses. Zu Beginn des Verfahrens hatte der Vorstandssprecher der Deutschen Bank davon gesprochen, dass sein Alltagsgeschäft nicht unter seiner Anwesenheitspflicht in Düsseldorf leiden werde. Auf der Hauptversammlung Anfang Juni aber sprach er von "besonderen Herausforderungen". Die Zeiten von Victory-Zeichen und Justizschelte ("Deutschland ist das einzige Land der Welt, in dem man für Leistung vor Gericht gestellt wird") sind vorbei.

Neben Ackermann und IG-Metall-Rentner Klaus Zwickel ist Klaus Esser, Ex-Mannesmann-Chef, der dritte Promi-Angeklagte. Er wirkt den ganzen Prozess über ein bisschen so, als würde er nicht mehr so richtig zur ersten Garde der hiesigen Manager dazugehören. Vielleicht war er auf Grund seiner kurzen Amtszeit an der Spitze des Mannesmann-Konzerns aber auch nie wirklich ein Teil der Deutschland AG, die ihn dennoch so fürstlich nach der Niederlage gegen Vodafone Chart zeigen entlohnte.

Juristen unter sich: Klaus Esser und Verteidiger Sven Thomas
DDP

Juristen unter sich: Klaus Esser und Verteidiger Sven Thomas

In stundenlangen Ausführungen kämpft Esser um seine Reputation und wirft der Staatsanwaltschaft Populismus und Inkompetenz vor. Von der Vorsitzenden Richterin Brigitte Koppenhöfer fängt Esser sich gar eine Rüge ein.

Doch dann, gleich zu Beginn, zwei echte Belastungszeugen. Ein ehemaliger hochrangiger Mannesmann-Hausjurist wirft Esser vor, bei allen Verdiensten um die Expansion des Traditionskonzerns die innere Führung vernachlässigt zu haben. Am selben Tag berichtet ein damals von Mannesmann engagierter Investmentbanker von einer Szene, über die an den kommenden Verhandlungstagen immer wieder gestritten wird.

Canning Fok, Geschäftsführer des einstigen Mannesmann-Großaktionärs Hutchison Whampoa Chart zeigen, soll vom "chinesischen Weg" gesprochen haben, als er Anfang Februar 2000 zu vorgerückter Stunde in ein Gespräch zwischen Esser und dem damaligen Vodafone-Chef Chris Gent geplatzt sei. Gent selbst sagt aus, sich an diese Begebenheit gar nicht erinnern zu können. Auch Fok selbst, der in einer Vernehmung per Satellitenschaltung nach Hongkong befragt wird, will sich an diese Worte nicht erinnern.

"Mir gefällt der Stil Ihrer Befragung nicht"

Nachdem zahlreiche Zeugen - vielleicht einer der wenigen Fehler der Vorsitzenden Richterin - sich zu sehr als schwatzhafte Selbstdarsteller gerieren konnten, bringen die Herren der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG wieder Substanz in die Verhandlung. Günter Nunnenkamp und Ulrich Maas sagen aus, dass sie früh ihre Bedenken gegen strittige Zahlungen und vor allem das Procedere angemeldet hätten, mit dem diese abgesegnet worden seien.

Alles im Griff: Richterin Brigitte Koppenhöfer
DPA

Alles im Griff: Richterin Brigitte Koppenhöfer

Esser-Anwalt Sven Thomas bietet sein ganzes Können auf, um die Aussagen der Zeugen in Zweifel zu ziehen. "Mir gefällt der Stil Ihrer Befragung nicht", weist da die Richterin den Verteidiger zurecht. Darauf Thomas: "Meinen Sie die Ironie?" - "Unter anderem auch die Ironie, ja" - "Dann möchte ich hier festhalten, dass Ironie manchmal auch zur Klarheit und Aufklärung von Sachlagen führen kann", gibt Thomas zurück.

Entspannte Gesichter bei den Angeklagten dann am 31. März. Nach einem so genannten Rechtsgespräch aller Parteien stellt das Gericht fest, dass Ackermann und die anderen zwar gegen das Aktienrecht verstoßen, sich aber nicht der Untreue oder der Beihilfe dazu schuldig gemacht hätten. Die Einschätzung der Strafkammer ist kein Urteil und zieht nicht automatisch die Einstellung des Verfahrens nach sich. Dennoch müssen die Angeklagten nur mit zivil- und nicht mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen.

Konnten nicht überzeugen: Staatsanwälte Puls, Schröter, Negenborn
DDP

Konnten nicht überzeugen: Staatsanwälte Puls, Schröter, Negenborn

Selbst die Staatsanwälte gehen wohl davon aus, dass der Prozess in Düsseldorf mit einem Freispruch enden könnte und planen schon die Revision beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Dennoch lassen Johannes Puls, Dirk Negenborn und Lothar Schröter nicht locker und stemmen sich mit neuen Beweisanträgen und der Forderung nach Einbeziehung weiterer Anklagepunkte gegen die drohende Niederlage.

Starverteidiger Thomas freut sich diebisch, wenn er Puls' Redefluss unterbrechen und damit den Druck von den Zeugen nehmen kann. Auch die Ackermann-Advokaten Eberhard Kempf und Klaus Volk haben stets eine Überraschung parat und reichen Ende April eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Ermittler ein. Der Vorwurf: Verleumdung ihres Mandanten.

Wollte sich zuerst selbst eine Prämie zahlen: Ex-Mannesmann-Chef Funk
DPA

Wollte sich zuerst selbst eine Prämie zahlen: Ex-Mannesmann-Chef Funk

Im Schnellverfahren werden die letzten Zeugen vernommen. Am 16. Juni schließt Richterin Koppenhöfer knapp fünf Monate nach Prozessauftakt die Beweisaufnahme. Dennoch ist vieles weiterhin ungeklärt.

Die einstige Jugendrichterin Koppenhöfer hat den spektakulärsten Prozess der deutschen Wirtschaftsgeschichte souverän geführt und Zweifel ausgeräumt. Die Staatsanwaltschaft enttäuschte. Ganz im Gegenteil zur Garde der Edelverteidiger, die stets Herr des Verfahrens waren und ihre Trümpfe fast immer zur rechten Zeit zogen.

Das zwischenzeitlich abgeflaute Medieninteresse wird zum Showdown im Mannesmann-Prozess anziehen. Die Sicherheitsleute dürften dann wieder in Alarmbereitschaft sein.



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