Mannesmann Ungereimtheiten um Essers Millionen-Abfindung

Haben Mannesmann-Chef Klaus Esser und einige Getreue die Wirren der Übernahmeschlacht genutzt, um sich aus Konzernkassen zu bedienen? Die Staatsanwaltschaft prüft.

Von Georg Bönisch und


Auf Klaus Zwickel ist Verlass, wenn es gilt, die Verfehlungen der Kapitalisten zu geißeln. Die Abfindung für Mannesmann-Chef Klaus Esser sei "unanständig hoch und für keinen Arbeitnehmer mehr nachvollziehbar", wetterte der IG-Metall-Boss am 18. Februar vergangenen Jahres in einer öffentlichen Erklärung.

In der gerade begonnenen Tarifrunde sollten sich Arbeitnehmer mit einem Inflationsausgleich begnügen. Gleichzeitig würden einem Unternehmenschef fast 60 Millionen Mark auf einen Schlag ausbezahlt. "Solche Auswüchse des globalen Kapitalismus", klagte Zwickel, "seien der Öffentlichkeit nicht zu vermitteln."

IG-Metall-Chef Klaus Zwickel: Kritik an der Esser-Abfindung
DPA

IG-Metall-Chef Klaus Zwickel: Kritik an der Esser-Abfindung

Merkwürdig nur, dass derselbe Zwickel, in seinem Nebenjob als Mannesmann-Aufsichtsrat, und sein Metaller-Kollege Jürgen Ladberg im so genannten Ausschuss für Vorstandsangelegenheiten nur einen Tag zuvor keinen Einspruch gegen die Esser-Millionen einlegten. Dies belegen ihre Unterschriften unter einem geheimen Protokoll des Mannesmann-Ausschusses für Vorstandsangelegenheiten vom 17. Februar vergangenen Jahres, das dem SPIEGEL vorliegt.

Einen Tag später aber behaupteten Ladberg und Zwickel, "weder der Aufsichtsrat noch der Ausschuss" habe sich mit der üppigen Abfindung des Ex-Mannesmann-Chefs jemals beschäftigt.

Zwickel sieht darin keinen "wirklichen Widerspruch". Die zusätzliche Abfindung von rund 32 Millionen Mark durch Mannesmann-Käufer Vodafone sei "Teil der Verhandlungen zwischen Esser und Vodafone-Chef Chris Gent" gewesen, sagt er: "Daran hat von uns niemand mitgewirkt." Deshalb habe man den Deal im Ausschuss für Vorstandsangelegenheiten "nur noch förmlich zur Kenntnis nehmen können".

Wenn das stimmt, dann droht dem ehemaligen Mannesmann-Chef Esser gewaltiger Ärger, vielleicht sogar ein Verfahren. Knapp ein Jahr nach der Übernahme von Mannesmann durch Vodafone mehren sich die Zweifel, ob damals wirklich alles mit rechten Dingen zugegangen ist ­ oder ob Entscheidungen bewusst manipuliert, vielleicht sogar gekauft wurden.

Bislang geheime Aufsichtsratsprotokolle nähren den Verdacht, dass Esser und eine Reihe seiner Mitarbeiter die Wirren der Übernahmeschlacht zum eigenen Vorteil zu nutzen wussten. "Es ging zu wie auf einem Basar", sagt ein Ex-Aufsichtsrat.

Von einer "unerträglichen Selbstbedienungsmentalität" sprechen die beiden Anwälte Mark Binz und Martin Sorg. Die Stuttgarter Juristen, selbst Aktionäre von Mannesmann und in zahlreichen Aufsichtsräten, hatten bereits im Frühjahr letzten Jahres Strafanzeige gegen Esser, mehrere Manager und Mitglieder des Aufsichtsrates erstattet ­ wegen "Untreue zum Nachteil der Aktionäre".

Oberstaatsanwalt Hans-Otto Sallmann konnte "zureichende tatsächliche Anhaltspunkte" für eine Straftat jedoch nicht erkennen, eine Untreue sei nur anzunehmen, "wenn die beanstandeten Maßnahmen nicht mit den Grundsätzen eines ordentlichen Kaufmannes zu vereinbaren wären". Sallmann knapp: "Hierfür ist jedoch nichts ersichtlich."

Die Aufsichtsratsprotokolle werfen freilich neue Fragen auf. Binz und Sorg legten deshalb beim Düsseldorfer Generalstaatsanwalt Beschwerde ein ­ und erweiterten ihre Anzeige auf Bestechlichkeit.

Goldener Handschlag: Gent, Esser
AP

Goldener Handschlag: Gent, Esser

Es dränge sich "der Verdacht geradezu auf", so die Anwälte, die Vodafone-Millionen seien keine "Anerkennungsprämie" im aktienrechtlichen Sinn gewesen, sondern "nützliche Zahlungen" mit dem Ziel, den Widerstand des Mannesmann-Vorstands bei der Übernahme zu brechen.

Generalstaatsanwalt Lothar Sent hat Essers Anwälten bis kommenden Mittwoch eine Erklärungsfrist eingeräumt. Noch im Februar will er entscheiden, ob es bei der Rückweisung der Strafanzeige bleibt oder ob die Kollegen der Staatsanwaltschaft angewiesen werden, gegen Esser und Co. ein förmliches Ermittlungsverfahren einzuleiten.

Merkwürdig ist jedenfalls, dass Esser und sein Aufsichtsrat offenbar bereits mit Versorgungsfragen beschäftigt waren, als nicht mal ein offizielles feindliches Übernahmeangebot der Briten vorlag. Am 10. Dezember 1999 legte der Aufsichtsrat fest, dass Esser nicht nur sein Grundgehalt für die "Restlaufzeit" seines Vertrags von damals 4,5 Jahren erhält, sondern auch leistungsabhängige Boni. Und das, so heißt es in einem späteren Protokoll des Ausschusses für Vorstandsangelegenheiten, "auf der Basis von 100 % Zielerreichung". Dabei, sagt Zwickel, habe es sich jedoch nicht um eine Abfindungsregelung gehandelt, sondern um eine "Konkretisierung des Vertrages". Der Gewerkschafter: "Das hatte mit Vodafone nichts zu tun." Warum eine Konkretisierung ­ die Esser immerhin knapp 30 Millionen Mark sicherte ­ nach nur halbjähriger Amtszeit nötig war, darüber schweigen sich die Beteiligten aus.

Am 23. Dezember 1999 platzierte Vodafone nach zahlreichen erfolglosen Versuchen einer friedlichen Einigung ein offizielles Tauschangebot an die Mannesmann-Aktionäre. Eindeutige Angebote von Gent, sich friedlich auf eine gleichberechtigte Partnerschaft zu einigen, schlug Esser aus.

Anfang Februar aber änderte er abrupt seine Meinung und gab sich sogar mit einer Minderheitsbeteiligung Mannesmanns an dem fusionierten Konzern zufrieden. In einem für Esser abgefassten Schreiben an die Staatsanwaltschaft vom 13. März 2000 begründeten die Mannesmann-Juristen das plötzliche Einlenken des Konzernchefs seit Anfang Februar mit völlig geänderten Rahmenbedingungen. Zahlreiche Großaktionäre, heißt es in dem Schreiben, hätten signalisiert, dass sie "nicht mehr an einen erfolgreichen Abwehrkampf glaubten".

Schon wenige Stunden nach Abschluss der Verhandlungen entschied der Ausschuss für Vorstandsangelegenheiten über ein Versorgungspaket für den Mannesmann-Chef in Höhe von weiteren 32 Millionen Mark. "Herr Esser", heißt es im Beschlussprotokoll des Ausschusses vom 4. Februar, "soll auf Initiative des Großaktionärs Hutchison Whampoa und nach einer zwischen Hutchison und Vodafone getroffenen Abstimmung eine Anerkennungsprämie in Höhe von 10 Millionen Britischen Pfund erhalten. Der Ausschuss stimmt diesem zu. Die Prämie wird gezahlt, wenn Vodafone die Aktienmehrheit erworben hat."

Außerdem wurden die Esser-Vertrauten Kurt Kinzius und Albert Weismüller "trotz des sehr wahrscheinlich stattfindenden Aktienerwerbs durch Vodafone" zu Vorständen ernannt und mit entsprechenden Verträgen ausgestattet.

Bereits zwei Wochen später befasste sich der Ausschuss für Vorstandsangelegenheiten erneut mit Zuwendungen an Esser und seine Gefolgsleute. Neben der Anerkennungsprämie in Höhe von rund 32 Millionen Mark und den vertraglichen Leistungen in Höhe von knapp 30 Millionen Mark wurden Esser ein nicht näher beziffertes Aktienpaket, Pensionsansprüche ab 2004 und ein lebenslanges Recht auf Dienstwagen, einen Fahrer, ein Büro und eine Sekretärin zugestanden.

Außerdem wurden Vertraute Essers mit Zuwendungen in Höhe von insgesamt 32 Millionen Mark bedacht. Dieser Beschluss wurde von Zwickel und Ladberg, wie es im Protokoll heißt, "aus grundsätzlichen Erwägungen nicht mitgetragen".

Insgesamt soll Esser nach der Rechnung der Anwälte Binz und Sorg Leistungen von "wahrscheinlich über 100 Millionen Mark" erhalten haben. Die stünden ihrer Meinung nach in keinem Verhältnis zu seinen normalen vertraglichen Bezügen. Schon deshalb, heißt es in ihrer Strafanzeige, habe sich der Aufsichtsrat der Untreue gegenüber den Mannesmann-Aktionären schuldig gemacht. Mannesmann, Vodafone und Esser selbst weisen alle Vorwürfe zurück. Die Entscheidung über die Anerkennungsprämie sei erst nach Abschluss der Fusionsverhandlungen gefallen. Beides habe nichts miteinander zu tun.

Nun ist die Staatsanwaltschaft am Zug. Um einen Punkt der schwierigen Abfindungsregelung müssen sich die Ermittler nicht mehr kümmern. Seinen Anspruch auf Sekretärin, Dienstwagen, Fahrer und Büro hat Klaus Esser vor wenigen Wochen mit Antritt seines neuen Jobs als Berater abgegeben ­ gegen Zahlung von rund zwei Millionen Mark durch Vodafone.



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