Markenwelt 2067 Einmal Duden-Duschgel, Nike-Muskeln und das Wiki-Hirn, bitte!

2067 verkauft Ford Ihnen Kniescheiben und Nike Beinimplantate. Singvögel von B&O singen am Blaupunkt-Himmel, unter dem Sie sich mit Duden-Duschgel Vokabeln in den Sprachschatz massieren. Der Hamburger Werbeagentur-Chef Stephan Rebbe verheißt eine schöne neue Markenwelt.

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"Papa, ich will die neuen Run-Muscles von Nike!"

Wenn Sie trotz dieser Bitte selig grinsen, obwohl Sie wissen, dass die hoch gezüchteten Muskeln von Nike, mit denen man knapp 60 Kilometer in der Stunde laufen kann, gut und gerne 800.000 Euro kosten – dann wird es daran liegen, dass Sie die Sony-Gedankenübertragungs-Flatrate haben und gerade spannendes Synapsenkino erleben. Neundimensional.

Und wenn Sie Ihrem Kind Nike-Muskeln nicht kaufen wollen, dann vielleicht ja welche von Aral, oder wenigstens eine gebrauchte Kniescheibe von einem der ältesten Mobilitätsdienstleister, von Ford. Die genetisch modifizierten Organe werden Sie, wenn Sie an alten Verhaltensweisen genauso sehr hängen wie die vier Gummireifen an Ihrem antiquierten Auto, wahrscheinlich per Internet bestellen.

Raritätenliebhaber, zum Beispiel solche der verbalen Kommunikation, werden ab und zu das neue Duden-Duschgel nutzen, das gut zur sonnengegerbten Haut ist und neben Vitaminen und Duftstoffen auch jede Menge Vokabeln enthält. Diese werden durch leichte, kreisende Bewegungen an den Schläfen in den Sprachschatz einmassiert.

Es wird aber auch anders gehen: Italienisch können Sie auch mit dem intelligenten Pizzabelag von Dr. Oetker lernen, wenn Sie wollen. Die Informationen werden direkt auf die Zunge übertragen. Business-Englisch lernt man mit schalem Bier, und den Jugendslang wird man von Zeit zu Zeit mit einem iBurger von McDonald's auffrischen.

Sie selbst werden - genau wie die anderen 50 Millionen Deutschen - bei der Evolution in Richtung knochenloser Fleischsack wieder ein gutes Stück vorangekommen sein. Bewegung ist in 60 Jahren für den hauptsächlich virtuell existierenden Menschen nur noch eine lästige Pflicht.

Und sollten Sie doch mal raustapsen in die Natur, um Ihrem Körper ein bisschen der gesetzlich verschriebenen Bewegung zu gönnen, werden Sie staunen, wie brillant die Bang-&-Olufsen-Rotkehlchen trällern, wie glatt die Kanten der quaderförmigen Siemens-Wolken am wunderschönen Blaupunkt-Himmel sind und wie verführerisch Lindenblätter aussehen, weil sie sich per 4D-Projektion in leckere, knusprige Chips verwandeln.

Ein Grollen.

Gewitter kann es nicht sein, da die ARD, die für das Wetter zuständig ist, Gewitter aus dem Programm genommen hat. Also kann es nur eines sein: der eigene, knurrende Magen.

Man kann Sie also doch überlisten. Und das, obwohl Sie mit großer Wahrscheinlichkeit jemand sein werden, der mit einer Microsoft-Firewall eine Immunität gegen Werbeinformationen hat. Und die Informationen über Produkte, die Sie wirklich brauchen oder wollen, wird Ihnen Ihr persönlicher eBay-Produktberater schon besorgen.

Aber jetzt wollen Sie nur noch eines: Chio Chips. Herrliche, knusprige Kartoffelchips. Hauchdünn und riesengroß, perfekt gewürzt, dunkelgelb frittiert und beim ersten Zubeißen in Hunderttausend Teile zersplitternd. Ihre Speichelproduktion wurde angeregt, Sie müssen jetzt Chio-Chips haben. Sofort!

Sie bestellen sich das Geschmackserlebnis und sind wenige Sekunden und Bytes später der glücklichste Mensch der Welt.

Auch, weil Chio Chips nicht mehr dick machen, denn Chips gibt es nur noch virtuell. Echte, fettige Chips sind schon seit 2034 gesetzlich verboten.

Und während Sie da ausruhen auf Ihrer Liege, ans Netzwerk 9.0 angeschlossen, knabbern Sie Ihre Chio-Chips und geben sich dem Geschmackserlebnis hin, während Ihrem Körper die nötige Dosis Nährpaste zugeführt wird.

Denken Sie mal drüber nach - mit einem Gehirn von Wikipedia

Werbung orientiert sich auch in 60 Jahren an den Produkten, die es zu bewerben gilt. Die Produkte orientieren sich an den Bedürfnissen der Menschen. Die Menschen orientieren sich an Inszenierungen. Und die Werbung wird zu den Produkten passen. Auch in 60 Jahren noch.

Klassische Medien, und Kanäle, Plakate und TV-Spots, Radiospots oder Internet-Banner werden durch neue Medien ergänzt: durch alles. Denn alles wird medial genutzt werden.

Klassische Werber mit Werbekaufmannausbildung oder Grafikdesignstudium wird es nicht mehr geben. Klassische Werbeagenturen mit einem Jaguar oder einem Porsche vor der Tür auch nicht. Turnschuh tragende, Witz-T-Shirt liebende Milchkaffeejunkies werden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr durch die in exklusiven Lagen gelegenen Büros hüpfen.

Nur zwei Dinge werden, was die Werbung betrifft, auch in 60 Jahren noch aktuell sein: Gute Werbung wird immer eine gute Idee als Grundlage haben. Und die Werbung wird immer noch das Schmiermittel der Wirtschaft sein.

Und 2067 wird die Übermittlung der Werbeinformationen vielleicht wirklich per Gedankenübertragung stattfinden: In Neuromarketingstudien wurde längst erkannt, dass die Schlafenszeit eine für Kaufentscheidungsprozesse leicht zu beeinflussende Zeit ist. Deshalb wird es auch Dreamvertising geben, gesponsorten Schlaf mit vielen bunten Träumen. Wenn Sie Pech haben, von RTL 2000 - wenn Sie Glück haben, vielleicht von dem Mondreiseunternehmen Budnikowski. Wer weiß.

Mitarbeit: Alexander Baron

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