Markt und Moral Wettbewerb ist janusköpfig

4. Teil: Neue Gefahren durch Bad Banks


Inzwischen wird über staatliche Bad Banks diskutiert, die die notleidenden Kredite der Banken übernehmen sollen. Doch selbst wenn sie die Banken verpflichten, sich an der Finanzierung zu beteiligen, würden die Staaten in die Rolle des lender of last resort geraten. Dies kann die Finanzmarktakteure erneut zu moral hazard verführen: Sie können große Risiken eingehen, weil bei Scheitern der Staat eintritt. Dadurch werden massive Fehlanreize gesetzt, die so weit wie möglich zu reduzieren sind.

Die klassische Lösung für dieses nie ganz zu beseitigende Moral- hazard-Problem sind Selbstbehalte wie bei der Kasko-Versicherung für das Auto. Für die Finanzmarktakteure müsste man so einen Selbstbehalt einführen, nicht, um sie zu bestrafen oder zum Schadensersatz heranzuziehen, sondern um sie bei ihren Aktivitäten zur Vorsicht anzuhalten. Selbstbehalte sind weder Strafen noch Schadensersatzleistungen, sondern Instrumente zur Prävention gegen zu große Risikobereitschaft (moral hazard). Deren Höhe müsste sich nach diesem Gesichtspunkt richten und nicht nach dem Gesichtspunkt, den Schaden zu kompensieren, notfalls mit dem gesamten Vermögen, was für Manager ebenso wenig möglich wäre wie für Politiker, die oftmals noch größere Schäden anrichten.

In der Marktwirtschaft mit Wettbewerb müssen ethische Prinzipien also in die Regeln der Rahmenordnung inkorporiert werden. Doch das allein genügt nicht. Sie müssen auch im eher traditionellen Sinn von moralischer Einstellung des Einzelnen zur Geltung kommen. So brauchen Führungskräfte eine Idee, eine Vision davon, was sie wollen, welchem Zweck ihr Tun letztlich dient. Wenn man so will, kann man hier auch von Werten, regulativen Ideen oder Utopien reden.

Die Ethik bietet als Kandidaten für diese letzten Ziele an: klassisch die "Glückseligkeit" oder modern ein "gelingendes Leben" für alle Menschen; eine Stufe heruntergebrochen heißt das: die Würde und Freiheit jedes Einzelnen und die Solidarität aller. Diese Ideen werden in der Ethik begründet, reflektiert und expliziert. Aufgabe der (Unternehmens-)Politik und der Führungskräfte ist es, sich diesen Werten unter konkreten Bedingungen anzunähern, wozu auch gehört, Glaubwürdigkeit und Vertrauen zu schaffen und als Vorbild aufzutreten. Die Werte allein geben keine Handlungsanweisungen. Sie fungieren eher wie ein Kompass, nicht wie ein Navigationsgerät: Den konkreten Weg müssen die Führungskräfte situativ selbst suchen, und dafür brauchen sie einen ethischen Kompass.

Da Regeln immer allgemein sind, muss schließlich auch konkret entschieden werden, wie genau welche Regeln in konkreten Situationen anzuwenden sind. Das beginnt schon mit der Interpretation der Situation und setzt sich fort mit der Interpretation der Regeln und endet bei Entscheidungen unter zum Teil großer Unsicherheit, Entscheidungen, die nicht selten auch korrigiert oder revidiert werden müssen. Hier kommt es darauf an, Sinn und Zweck des Spiels Marktwirtschaft zu verstehen und in den Grauzonen, die jedes Regelsystem lässt, im Sinne dieses Spielverständnisses zu entscheiden.

In der aktuellen Finanzkrise kann die Ethik also zur genaueren Problembestimmung und damit vielleicht auch zur Problemlösung durchaus beitragen; sie muss sich allerdings über weite Strecken der ökonomischen Logik bedienen.



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