Zur Ausgabe
Artikel 27 / 69

PRESSE Marx und Mäuschen

Konkret« ist pleite -- Schuldenberg: zwei Millionen Mark -- und soll neu erstehen: als Kampf blatt für die »Volksfront«.
aus DER SPIEGEL 48/1973

Das Antlitz der Mao-Büste auf dem Redaktionskorridor war mit einem Toilettenhandtuch verhüllt, zwei Etagen höher sangen die Redakteure die internationale -- zum Abschied: Am Dienstag letzter Woche stellte das Hamburger Linksmagazin »Konkret« Zahlungen und Erscheinen ein. Das erste Blatt mit vollem Mitbestimmungsrecht der Redaktion war pleite.

Die Schuld am Scheitern mit Verbindlichkeiten von rund zwei Millionen Mark -- schoben die ehemaligen Drittel-Teilhaber Klaus Hübotter (DKP) und Klaus Rainer Röhl (SPD) sich gegenseitig in die Schuhe.

Röhl. so Hübotter. habe durch »ungedeckte Wechsel« und »Unterschlagungen« mindestens eine halbe Million Mark Schulden aufgehäuft. Hübotter, so Röhl. habe den »wesentlichen Anteil« afn Schuldenberg selbst verursacht -gemeinsam mit den am Blatt beteiligten Redakteuren: »Die haben marktmäßiges Verhalten durch stramme Haltung ersetzt« (Röhl).

Dem kapitalistischen Exitus erlag ein Blatt. das sich seit seiner Gründung (als »Studenten-Kurier") vor 18 Jahren an -- freilich nie erreichten -- Vorbildern der zwanziger Jahre orientierte: »Fackel«. »Sturm«. »Weltbühne«. »Es war«, so Ex-Herausgeber Röhl, eine Zeitung »für Unzufriedene, für Kritische, Unbequeme«. Doch Auflage machte das Sozialistenorgan erst mit busenfreien Covergirls, Sexphotos und Porno ("Sein Schwanz zuckte wie wild in meiner Möse"). Verkaufte Höchstauflage. im 1. Quartal 1971: 173 000 Exemplare.

Gegen die kompromittierende Koexistenz von Marx und Mäuschen rebellierte 1969 als erste die von Röhl und »Konkret« geschiedene Kolumnistin Ulrike Meinhof ("weil das Blatt im Begriff ist, ein Instrument der Konterrevolution zu werden"). Von 30 Berliner Apo-Freunden ließ sie an einem Maitag Röhls Blankeneser Jugendstilvilla mit einem aufgemalten Penis markieren und das teure Inventar zerkleinern; zwei Jahre später kam Verleger Röhl, damals 70-Prozent-Teilhaber, einer Redakteurs-Revolte zuvor, als er das -- nach seiner Meinung -- »fortschrittlichste Redaktionsstatut der Bundesrepublik« unterschrieb. Das Mitbestimmungspapier stellte freilich vorübergehend alle redaktionellen Kompetenzen »einer Zweidrittelmehrheit der Redaktionskonferenz« anheim und ermöglichte mithin Alleinbestimmung: Im März wählten die Redakteure ihren Verleger als Redaktionschef ab, weil -- so die Wortführer Hermann Gremliza und Peter Neuhauser -- er »das Image des Blattes ... durch unseriösen Journalismus in den Keller« befördert habe.

Wie zuvor das Niveau, so geriet nun die Auflage in den Keller, als die »Konkret«-Crew unter Gremliza und Neuhäuser das Konzept änderte: kein Sex mehr, nur noch Politik und Kapitalismus-Kritik. »Es genügt eben nicht«. triumphierte der gefeuerte Blattmacher Röhl, »ein Dutzend guter Redakteure zu haben, die alle wissen, daß der Kapitalismus Scheiße ist.« Mutmaßlicher Tiefstand der (noch nicht ausremittierten) Schlußauflage: knapp über 40 000.

Der Niedergang begann freilich schon, als sich Röhl und Redakteure zwei Monate vor der letzten Bundestagswahl -- damals noch im Guten

auf das wöchentliche Erscheinen ihres 14-Tage-Blattes einigten, um in politischer Selbstüberschätzung der SPD den Wahlsieg zu bescheren (Röhl-Kolumne: »700 000 »Konkret«-Leser entscheiden die Wahl")Bald darauf stand der Verleger samt Partner Klaus Steffens bei den Hamburger »Konkret«-Druckern Broschek und Auer mit Wechselschulden von mehr als 200 000 Mark in der Kreide und blieb für die April-Gehälter seiner Belegschaft sogar Lohnsteuern und Sozialabgaben schuldig. Die gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft, die heute ebenfalls zu den Hauptgläubigern zählt, ist nach »Konkret«-Angaben freilich »hundertprozen-

* Links: Ausgabe vom 5. Juli, rechts: letzte Ausgabe vom 15. November 1973.

** Der ursprüngliche Titel »Sprit« (SPIEGEL 41/ 1973) mußte nach Erscheinen der ersten Ausgabe geändert werden, da das Bonner Monatsblatt »Esprit« Verwechslungsgefahr geltend machte.

tig abgesichert« -- vor allem bei Klaus Hübotter.

Der, kommunistischer Häusermakler aus Bremen, muß nun als Hauptgeschädigter »mit dem Spott fertig werden": Der promovierte Jurist, einst Mitgründer des »Studenten-Kurier« (SPIEGEL 23/1973), war Anfang Juni auf Vorschlag politisch gleichgesinnter Redakteure als »Konkret«-Teilhaber eingesprungen; zugleich wurde die Belegschaft über ein Gewinnbeteiligungsmodell mit einem Drittel am Blatt beteiligt.

Während die Mitarbeiter-GmbH ("Rotation") infolge ausbleibender Gewinne Röhl ihre 300 000-Mark-Einlage schuldig bleiben mußte, bezuschußte ihr Bremer Kompagnon das untergehende Objekt aus seinem Privatvermögen mit ungesicherten Darlehen und Bürgschaften von rund einer Million Mark.

Hübotter über Röhl, der den Verlag als schuldenfrei deklariert hatte: »Ein zumindest objektiv betrügerischer Verkauf.« Röhl über Hübotter, der seine Kaufsumme von 300 000 Mark für Steuerschulden und eine Bankburgschaft Röhls einbehielt: »Betrug«.

Für die Belegschaft blieben Novembergehälter und Weihnachtsgeld aus, die nun der Konkursverwalter bevorrechtigt auszahlen muß. Die Mitarbeiter-GmbH »Rotation« kann infolge verlagsinternen Haftungsausschlusses zwar nicht zum Ausgleich der Konkurs-Verbindlichkeiten herangezogen werden; doch 17 einzelne Kollegen hatten sich für 150 000 Mark BfG-Kredite selbstschuldnerisch verbürgt. Produktionsleiter Neuhauser: »Wir werden versuchen, einige durch Verhandlungen mit der BfG und Geld aus der Konkursmasse herauszuholen. Ein paar müssen wohl voll zur Kasse.«

Der »außerordentlich viel raffinierte re« Röhl. meint Hübotter, habe den Kollaps noch beschleunigt, als er dem vom Sex gereinigten Volksfront-Anzeiger Anfang Oktober »Das da"** entgegenstellte: ein Linksblatt mit Haut und Haaren, wie einst »Konkret«. Hübotter: »Eine andere Art von Diebstahl«.

Daß sich Röhl fürs neue Blatt den alten Titel zurückkauft (was der freilich bestreitet: »Man kann die Geschichte nicht zurückdrehen"). will der Rivale verhindern. Donnerstag letzter Woche bekundete er beim Konkursverwalter die Absicht, den Titel selbst zu erwerben. um spätestens nach Weihnachten »Konkret« neu zu starten: »Ein Großteil der Belegschaft würde sofort wieder mitmachen.« Neuhauser hingegen: »Das ist alles noch sehr neblig.«

Unklar ist vor allem, so Neuhauser: »Wer bringt das Geld auf?« Sichtbar ist indessen schon die Linie, so Hübotter: »Volksfront«.

Zur Ausgabe
Artikel 27 / 69
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.