Massenprotest in Mexiko Biosprit-Boom treibt Tortilla-Preise in Rekordhöhen

Die USA entdecken den Biokraftstoff - und lassen damit den Preis für Mais in Mexiko steigen. Mehr als 100.000 Menschen protestierten jetzt, weil sie sich ihr Grundnahrungsmittel - Tortillas - nicht mehr leisten können.


Mexiko Stadt - Die Schuldigen für die gestiegenen Mais-Preise sind schon ausgemacht: die Amerikaner, deren Bedarf an Biosprit gestiegen ist, sowie der neu gewählte mexikanische Staatspräsident Felipe Calderon, der mit einer hauchdünnen Mehrheit ins Amt kam. Die Opposition erkennt seinen Wahlsieg bis heute nicht an und wirft ihm Wahlbetrug vor. "Calderon hat die Wahl gestohlen, jetzt stiehlt er Tortillas", steht auf einem Plakat, das ein Demonstrant durch Mexiko-Stadt trägt.

Mehrere zehntausend Menschen haben dort bis heute Nacht gegen die dramatisch gestiegenen Lebensmittelpreise protestiert. Auf dem zentralen Zocalo-Platz forderten die Demonstranten eine Erhöhung der Mindestlöhne. Zu der Kundgebung hatten Bauernverbände, Gewerkschaften und die Opposition aufgerufen.

Oppositionsführer Andres Manuel Lopez Obrador nahm ebenfalls an der Demonstration in Mexiko-Stadt teil. Die Protestierenden ließen ihn jedoch als Redner auf der Hauptkundgebung nicht zu. Maisbauer Servando Olivaria, einer der Demonstrierenden, sagte: "Ich denke, dies ist eine spontane Kundgebung der Menschen, ohne politische Ausrichtung." Politiker dürften gerne mitmarschieren, sollten den Protestzug aber nicht anführen. Oscar Aguilar, ein anderer Demonstrant, sagte: "Obrador ist ein Opportunist, der jetzt auf den Zug aufspringt und die Demonstration zu seinen Zwecken nutzen will."

Obrador trat daher erst im Anschluss an die Hauptkundgebung auf. Mexiko brauche eine Transformation von der Tragweite der mexikanischen Revolution von 1910 bis 1917, forderte er.

Es war die erste große Demonstration seit dem Amtsantritt Calderons am 1. Dezember. Der konservative Politiker hatte im Wahlkampf die Bekämpfung der Armut im Lande versprochen. Tatsächlich zogen die Preise für Grundnahrungsmittel Ende Dezember jedoch kräftig an. Der Preis für Tortillas, die aus Mais gemacht werden und zu den Hauptlebensmitteln der armen Bevölkerung gehören, verteuerte sich je nach Region zwischen 40 und hundert Prozent. An manchen Orten hat sich der Preis sogar vervierfacht. Auch die Milchpreise stiegen kräftig. Im Schnitt kostet ein Kilo der flachen Maisfladen jetzt etwa zehn Pesos, umgerechnet 0,70 Euro.

Mehr als die Hälfte der rund 103 Millionen Mexikaner lebt in Armut. Die Regierung hob zwar den Mindestlohn von umgerechnet 3,30 auf 3,50 Euro pro Tag an. Dies wird von den Gewerkschaften aber als nicht ausreichend kritisiert. Neben einer weiteren Erhöhung und einer Arbeitsplatzsicherheit fordern sie die Herausnahme von Grundnahrungsmitteln wie Mais, Milch und Bohnen aus der amerikanischen Freihandelszone Nafta. Dem Nafta-Abkommen zufolge sollen ab 2008 Preiseinschränkungen für bestimmte Produkte auslaufen.

Calderon hat seit seinem Amtsantritt mehrfach betont, er sei gegen staatliche Preiskontrollen. Mexikanische Zeitungen berichten, Calderon habe Mitte Januar zwar mit großen Einzelhändlern vereinbart, den Tortilla-Preis bei 8,50 Pesos zu begrenzen, aber die meisten Tortilla-Verkäufer würden sich nicht daran halten.

kaz/AFP/AP



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