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GOLD Massiv aggeräumt

Gold- und Silberpreise rauschen von einer Rekord-Marke zur nächsten. Wie lange noch?
aus DER SPIEGEL 52/1979

Bankiers sind gewöhnlich zurückhaltende Menschen, die sich lieber mehr- als eindeutig äußern. Doch wenn Siegfried Plass, Chef-Goldhändler der Deutschen Bank, dieser Tage auf den Preis seines Metalls angesprochen wurde, dann befand er schlicht: »Auf die Dauer gibt es nur noch einen Weg, den nach oben.«

Die Plass-Prognose gilt seit Tagen für die Metailmakler rund um den Erdball. Von New York bis London, von Hongkong bis Zürich wird Rekordnachfrage gemeldet. Deutschlands prominentester Goldkäufer, Dresdner-Bank-Vorstand Hans-Joachim Schreiber: »Die ganze Windrose kauft.«

Die Goldgnomen von Zürich wurden in den letzten Tagen so sehr von Kaufwütigen bestürmt, daß sie häufig mit der Lieferung nicht mehr nachkamen. Hans Schnyder, oberster Metallhändler der zum Züricher Goldpool gehörenden Schweizerischen Bankgesellschaft, stöhnt: »Der Markt ist ausgetrocknet.«

Zwangsläufige Folge: In der asiatischen Kronkolonie Hongkong explodierte der Unzenpreis Dienstagnacht auf 490 Dollar. Wenige Stunden später, am Mittwochmorgen, raste der Preis noch näher an die einst für unerreichbar gehaltene Traummarke von 500 Dollar zu: In London und Zürich mußten vorübergehend für Gold 497 Dollar bezahlt werden.

An den größten Goldhandelsplätzen des nordamerikanischen Kontinents -- in Chicago, New York und Winnipeg -- bezahlten die Metallprofis das Gold der achtziger Jahre (Liefertermin März 1980) schon erstmals mit über 500 Dollar. Seit Anfang dieses Jahres hat sich der Goldpreis damit fast verdoppelt.

Es gibt genügend Goldgurus, die auch zukünftig dafür sorgen, daß dem Goldrausch keine Ernüchterung folgt: Die Anlageberater in den Ölstaaten wechseln immer flotter ihre Dollar in das gelbe Edelmetall um. Und in ihrem Gefolge setzen Groß- und Privatbankiers in Europa, Münzhorter in Frankreich und England, institutionelle Investoren von Versicherungs- und Pensionsfonds, Steuerflüchtlinge und Spekulanten von Liechtenstein bis zu den Bahamas aufs Gold.

Sie alle befürchten gleichermaßen, die westliche Welt könne durch den Iran-Konflikt und den jüngsten Ölpreis-Poker abermals in eine globale Wirtschafts- und Währungskrise mit exorbitanten Inflationsraten hineinschlittern. Nichts scheint da so viel Sicherheit zu gewähren wie Gold.

Und Silber: Der Handel mit den hellen Unzen, der lange Zeit im Schatten der internationalen Goldlobby stand, ist total aus den Fugen. Allein in den letzten vier Wochen schossen die Preise für das edle Metall in New York um über 50 Prozent auf die neue Traummarke von 24 Dollar je Unze. Damit haben sich die Silberpreise auf Jahressicht glatt vervierfacht.

Wie beim Gold ist auch beim Silber ein Ende des Booms noch nicht in Sicht. Der Metallchef vom Schweizerischen Bankverein aus Zürich, Herbert Kaufmann, berichtete Mitte letzter Woche: »Wir erleben große Ordereingänge von Kunden, die plötzlich lieber Silber kaufen.«

Die Gnome von der Züricher Bahnhofsstraße räumten an den Silbermärkten so massiv ab. daß die Börsenaufsicht von Chicago bereits Ermittlungen aufgenommen hat, um die Hintermänner der Schweizer Silberaufkäufer zu enttarnen.

»Das kann man«, stöhnt Werner Knies, Silberchef der Frankfurter Metallschmelze Degussa, »nicht mehr als geordnete Marktverhältnisse bezeichnen.«

Geordnete Verhältnisse sind auch in naher Zukunft nicht zu erwarten. Die indischen Silberhändler, die noch in den Vorjahren die chronische Lücke zwischen Silberförderung und industriellem Verbrauch durch Abbau ihrer Vorräte geschlossen hatten, stoppten im Februar dieses Jahres ihre Exporte in die westliche Welt. Als dann auch noch Mexiko als größter Produzent des Westens seine Ausfuhren nahezu halbierte, gab es bei den Preisen kein Halten mehr.

Vor allem die Suche der Ölproduzenten nach sicherer Anlage ihrer Petro-Milliarden treibt die Preise von Silber wie Gold. Im letzten Jahr waren die Überschüsse der Opec-Staaten auf 5,9 Milliarden Dollar geschrumpft. Nach den kräftigen Ölpreisschüben in diesem Jahr lagern bei den Förderländern gut 40 Milliarden Dollar an überflüssigen Geldern, im nächsten Jahr werden es 70 bis 80 Milliarden sein.

Bis Ende 1983 können die Ölstaaten wahrscheinlich über 350 Milliarden Dollar zu ihren Gunsten verbuchen -- Geld, das die Ölregenten, nach den Erfahrungen des Schah mit einer überstürzten Industrialisierung, längst nicht alles sogleich wieder auswerfen wollen. Wilfried Guth, Chef der Deutschen Bank: »Das Recycling der Petro-Dollars wird sehr viel schwerer.«

Da die Versorgung der westlichen Welt mit Gold und Silber weiter knapp bleiben dürfte, werden auch die Preise weiter nach oben laufen. Die Produktion der nächsten drei Jahre »kann unmöglich der steigenden Nachfrage angepaßt werden«, weiß ein Züricher Metallhändler zu berichten.

Insbesondere bei ihren Recherchen am Kap der Guten Hoffnung fanden die Eidgenossen heraus, daß die Südafrikaner in den kommenden Jahren kaum mehr Gold zur Verfügung stellen können als bisher.

Edelmetall-Profi Hans Schnyder von der Schweizerischen Bankgesellschaft ist sich daher völlig sicher: »Von der Produktionsseite her kann der Preis-Auftrieb überhaupt nicht gebremst werden.«

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