Massive Einbrüche Alarm an den Börsen - Finanzhüter stemmen sich gegen Kreditkrise

Hektik und riesige Handelsumsätze an den Börsen in Frankfurt, New York, London - die Hypothekenkrise versetzt die Märkte in Alarmstimmung. Die Europäische Zentralbank und die US-Notenbank pumpen massiv Geld in den Markt, um die Lage zu stabilisieren. Analysten warnen: "Es ist Feuer unterm Dach."

Hamburg - Zwei riesige Geldspritzen binnen 24 Stunden - die Europäische Zentralbank (EZB) sieht offenbar großen Handlungsbedarf, um der Panik an den Finanzmärkten entgegenzuwirken. 94,8 Milliarden Euro stellten die Währungshüter den Banken schon gestern zur Verfügung. Heute kamen noch einmal 61,05 Milliarden Euro dazu. So viel wie seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 nicht mehr. Die japanische Zentralbank versorgte zuvor den Markt mit rund sechs Milliarden Euro. Am Nachmittag zog auch die US-Notenbank Fed nach und stellte den Kreditinstituten in zwei Schritten insgesamt 19 Milliarden Dollar bereit.

Zuvor hatten die US-Börsen ihre Talfahrt zu Handelsbeginn fortgesetzt - erst nach den Finanzspritzen der Fed beruhigte sich die Lage, zeitweise waren die Indizes sogar im Plus. Am Abend schlossen der Dow Jones  mit 0,23 Prozent, der Index der Technologiebörse Nasdaq mit 0,45 Prozent im Minus.

Analysten zeigten sich besorgt: "Wenn sich Notenbanken rund um den Globus zu so etwas veranlasst sehen, dann ist Feuer unter dem Dach", kommentierte Händler Dirk Müller von IFC-Kursmakler. "Es ist schwer abzuschätzen, was da noch hochkommt", so der Experte über das internationale Börsenbeben, das die Krise am US-Immobilien und -Hypothekenmarkt hervorgerufen hat. Über Derivate seien alle Marktteilnehmer weltweit miteinander so verquickt, dass keiner mehr durchblicke. "Wenn es an einem Ende zwickt, kann das das ganze Finanzsystem zum Einsturz bringen", warnte auch ein anderer Börsianer. Die Analysten von ABN Amro schrieben: "Das Kartenhaus beginnt zu wackeln."

US-Präsident George W. Bush versicherte, seine Regierung beobachte die Lage genau. Auch der britische Premierminister Gordon Brown bemühte sich um beruhigende Worte: "Die Märkte sind immer ein Thema, und wir können uns natürlich nicht von den Dingen isolieren, die in der Welt passieren." Es sei alles getan worden, um die britische Wirtschaft zu stabilisieren. Dennoch wuchs die Sorge unter Bankern auch in der Londoner City, dem wichtigsten Finanzzentrum Europas. "Alle sind unglaublich nervös. Und es ist die Unsicherheit, die die Märkte tötet", sagte ein Analyst der britischen Großbank Barclays der BBC.

Darauf wiesen auch die heutigen Entwicklungen an den internationalen Börsen hin: Der EuroStoxx 50   ging mit einem Minus von 2,66 Prozent auf 4161,29 Zähler aus dem Handel. Auch die Börsen in London und Paris verzeichneten deutliche Verluste. Der Londoner Aktienindex FTSE 100  verlor zeitweilig 3,1 Prozent und näherte sich den 6000 Punkten an. Der Dax  verlor bis zum Abend 1,48 Prozent auf 7343,26 Punkte. Zeitweise ging es für den Leitindex bis auf 7293 Zähler runter. Der MDax  der mittelgroßen Werte gab 2,65 Prozent auf 9931,75 Zähler ab. Der TecDax   verlor 3,71 Prozent auf 882,23 Zähler.

Vor allem die Bankenwerte setzten angesichts der Liquiditätssorgen ihre Talfahrt fort. Das Papier der Deutschen Bank   gab bis zum Abend um 3,46 Prozent auf 95,19 Euro ab. Der Commerzbank-Kurs   rutschte um 2,87 Prozent auf 29,11 Euro. Aktien der Postbank   büßten 4,21 Prozent auf 53,75 Euro ein.

Die Hintergründe der Krise - "niemand weiß, welche Bank noch Probleme mit den faulen Krediten aus den USA bekommen wird"

Auch größere Banken wie die WestLB und SachsenLB gerieten derweil in den Strudel der Verdächtigungen, dass sie an den risikoreichen Investments beteiligt waren. Als erste war in der vergangenen Woche die Industriebank IKB   in eine massive Schieflage geraten und konnte nur mit einer riesigen Finanzspritze der KfW-Bank gerettet werden.

Die Analysten sind erstaunt, dass sich deutsche Banken überhaupt mit so großen Summen im Subprime-Markt engagiert haben (allein die IKB soll zwischen 20 und 25 Milliarden Dollar investiert haben). Denn als Subprime werden Kreditgeschäfte bei Kunden mit niedriger Bonität bezeichnet. Über Jahre hatten Drückerkolonnen sozial schwachen Amerikanern Immobilienkredite verkauft, bei denen klar war, dass sie kaum zurückgezahlt werden können. Amerikanische Banken und Bausparkassen hatten genau diese Kredite dann aber an Investoren weitergereicht, die die Darlehen in Form komplexer Pakete an den Kapitalmarkt brachten. Hier kaufte dann unter anderem die IKB Anteile.

"Mir war nicht bekannt, dass die IKB   und einige Landesbanken so tief in die Hypothekenkrise verstrickt sind und tatsächlich dreistellige Summen in den sogenannten Subprime-Markt investiert haben", sagt Jens Ehrhardt, Vermögensverwalter und Fondmanager der gleichnamigen Fondsgesellschaft. Die Beinahe-Pleite des Staatsfinanzierers IKB in der vergangenen Woche habe zu einem großen Vertrauensverlust der Banken untereinander geführt. "Plötzlich wollte keiner mehr Geld verleihen, weil niemand weiß, welche Bank noch Probleme mit den faulen Krediten aus den USA bekommen wird."

"Momentan weiß keiner, wo die unsicheren Kredite sind", bestätigt auch Hendrik Leber, Fondsmanager und Geschäftsführer der Investmentberatung Acatis. Er vermutet, dass es noch eine große Bank erwischen wird, die ebenfalls zu viel in den sogenannten Subprime-Markt investiert hat. "Momentan verleihen die Kreditinstitute deshalb auch untereinander kein Geld mehr, was einen Liquiditätsengpass zur Folge hat, den die EZB mit ihren Finanzspritzen bekämpft."

Auch das Vorgehen der Banken in Amerika und in Deutschland löst inzwischen Kopfschütteln aus. "Das Neue daran ist, dass der Kreditgeber seine Kreditnehmer nicht mehr kennt", sagt Finanzanalyst Ehrhardt. So seien quasi Immobilien-Darlehen gegeben worden, ohne irgendeine Sicherheit zu haben. Ein Prinzip, nach dem keine der betroffenen Banken normalerweise arbeiten würde. Ehrhardt schätzt, dass etwa ein Drittel der in den USA vergebenen Hypothekenkredite schlechter Bonität nicht zurückgezahlt werden können - was insgesamt zu einem Schaden von etwa 300 Milliarden Dollar führen könnte.

Die Folgen - Erster Wirtschaftswissenschaftler warnt vor Konjunkturdelle

Weitaus stärker hält sich dagegen Fondsmanager Leber in seinen Schätzungen zurück. "Nach dem, was bisher bekannt ist, gehe ich davon aus, dass es Ausfälle von 50 bis 100 Milliarden Dollar geben wird - ohne allerdings mögliche Schadensersatzforderungen gegenüber den Ratingagenturen miteinzurechnen." Denn die großen Ratingagenturen wie Standards&Poor's, Moody's oder FitchRatings sind in seinen Augen mitverantwortlich für das Ausmaß der Krise. Sie beurteilen die Kreditwürdigkeit eines Schuldners, durch einen Code, der von "AAA" (höchste Qualität) bis "D" (zahlungsunfähig") reicht. Investoren verlassen sich gerade bei so komplexen Anlageformen wie es die Hypothekenkredite waren, in der Regel stark auf das Urteil der Ratingagenturen.

Immer lauter werden die Stimmen, die jetzt die Kontrolleure selbst kritisieren. Weil sie die Kreditpakete insgesamt zu hoch bewerteten und diese Ratings erst Mitte Juli absenkten - dann aber gleich so stark, dass es zu massiven Kurseinbrüchen kam. "Das Problem ist seit Herbst letzten Jahres bekannt und wird seit Monaten intensiv diskutiert. Trotzdem haben die Ratingagenturen nicht reagiert", sagt Leber. Er gehe deshalb davon aus, dass es massive Schadensersatzklagen gegen die Ratingagenturen geben wird.

"Die Ratten verlassen das sinkende Schiff"

Aber auch die amerikanische Notenbank hat nach Einschätzung von Analysten nicht richtig reagiert. "Sie hätte eindeutige Signale geben müssen, dass sie die Sache im Griff hat", sagt Finanzexperte Ehrhardt. Stattdessen habe man bestimmte Fonds einfach pleite gehen lassen und dabei zugesehen, wie Investoren ihre Gelder abgezogen hätten. "Da ist der Eindruck entstanden: Die Ratten verlassen das sinkende Schiff."

Tatsächlich fürchten amerikanische Anleger, dass sich die Liquiditätskrise auch auf andere Bereiche ausdehnen und die Banken in Finanznöte bringen könnte. Immerhin versuchen Vertreter der US-Notenbank jetzt, derartigen Befürchtungen entgegenzutreten: Die Probleme seien ausschließlich auf den Markt für zweitklassige Hypothekenkredite beschränkt, sagte der Präsident der Fed von Minneapolis, Gary Stern. "Das Ausmaß ist also nicht sehr groß." Außerdem pumpte auch die US-Notenbank gestern und heute über 40 Milliarden Dollar in den Markt - so viel wie seit knapp vier Monaten nicht mehr.

"Wenn durch Liquiditätssignale und Zinssenkung das fehlende Vertrauen wieder hergestellt werden kann, dann sind wir aus dem Gröbsten raus", sagt Ehrhardt. Denn auch wenn nicht nur die amerikanischen, sondern auch die europäischen und asiatischen Finanzmärkte wackelten, sei die Krise letzten Endes eine amerikanische Krise. Denn die Liquidität an den europäischen und asiatischen Aktienmärkten sei eigentlich gut, für die Krise gebe es aus dem Blickwinkel der Bewertung keinen Grund.

Eines allerdings ist klar: Dass sich mittelständische Banken wie die IKB überhaupt an solchen Investitionen beteiligt haben und die unsicheren Werte in ihr Portfolio aufgenommen haben, ist nach Ansicht von Investment-Experte Leber schlicht "fahrlässig und außerhalb ihrer Kompetenz". Er hätte die IKB deshalb auch nicht gerettet: "Verantwortungslose Spieler müssen pleite gehen."

Finanzmarktkrise gefährdet Aufschwung

Der Finanzmarktexperte Wolfgang Gerke sieht angesichts der Turbulenzen an den Finanzmärkten schon Risiken für das deutsche Wirtschaftswachstum herannahen: "Es ist eine reale Gefahr da, wenn die Krise sich noch ausweitet. Dann sind Dominoeffekte denkbar. Eine Wachstumsbremse von 0,5 bis 1 Prozentpunkt ist da schnell möglich", sagte Gerke in einem Interview der "Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung". Der Experte mit Lehrstuhl für Bank- und Börsenwesen in Nürnberg führt die Talfahrt an den Finanzmärkten angesichts der US- Hypothekenmarktkrise auf Überreaktionen und Übertreibungen im Vorfeld zurück: "Gier hat Vernunft geschlagen - und zwar auch bei den Profis."

Dabei habe es vor der Krise an Warnungen nicht gemangelt: "Etliche Warnungen wurden in den Wind geschlagen. Es ist falsch, jetzt zu behaupten, die Risiken und Probleme seien nicht absehbar gewesen."

mit Material von dpa/Reuters

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