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Glücksspiel Mauer des Schweigens

Trotz aller Dementis: Bei Lotto und Toto wird weiter geschludert und gepfuscht.
aus DER SPIEGEL 28/1995

Die Chefs der 16 deutschen Lotto-Toto-Gesellschaften waren sich in ihrer Empörung einig wie nie: »Wir mogeln nicht.«

Was der SPIEGEL berichtet hatte, sei eine »bewußte Ansammlung von Mißverständlichkeiten«, sagte der Vizepräsident der Bayerischen Lotterieverwaltung, Hans-Wilhelm Forstner.

So geht das seit Jahren schon. Intern, etwa vom Aufsichtsrat der Stuttgarter Toto-Lotto GmbH, wurden die Vorgänge als »Organisationsmangel«, »verbesserungsbedürftig« oder schlicht »fehlerhaft« gewertet. Öffentlich werden sie als »haltlos« weggewischt.

Luxusautos, Traumreisen und Supergehälter auf Kosten der Spieler, kleine Tricks und großer Schmu bei Rubbellosen und Glücksspiralen - alles »Schnee von gestern«, wie Westlotto-Sprecher Elmar Bamfaste urteilt? Wahrlich nicht. Das lockere Zocken mit dem Geld der Spieler geht weiter wie eh und je. Immer wieder gibt es neue Schludereien und Pfuschereien.

Was jahrelang bei der »Glücksspirale« aus, wie es hieß, »drucktechnischen Gründen« nicht zu vermeiden war, ist bis heute bei der deutschen Klassenlotterie üblich. Von der gedruckten Losauflage werden meist kaum mehr als 40 Prozent verkauft.

Das bedeutet: Sämtliche Gewinne, die auf die übrigen 60 Prozent aller Losnummern entfallen, sind Phantompreise - niemand bekommt sie.

Das ist kein Versehen. Vorsätzlich werden die Losauflagen auf 1,5 Millionen Stück aufgebläht: Mit der dann großen Zahl der Gewinne läßt sich prima werben - daß es nur Scheingewinne sind, merkt kein Spieler.

»Wir sind absolut gläsern«, behauptet Brandenburgs Lotto-Chef Klaus Walkenbach. Von der »absoluten Sicherheit« des Spielgeschäfts schwärmt Westlotto. Davon kann keine Rede sein.

In Berlin ermittelte seit dem Frühjahr vorigen Jahres die Staatsanwaltschaft gegen Lotto-Mitarbeiter. In einer eidesstattlichen Versicherung hatte ein Angestellter des Berliner Glücksspielbetriebs behauptet: Bei den halbjährlichen Sonderziehungen rissen seine Kollegen die 1000-Mark-Gewinne routiniert an sich.

Der Trick ist nicht bewiesen, aber leicht vorstellbar. Jene Sonderpreise werden direkt aus den Kästen der Annahmestellen gezogen, in denen die Lottoscheine nach Registriernummern einsortiert sind. Der Ausloser sticht mit einer Art Brieföffner in den Kasten, der Schein hinter dem Einstich hat gewonnen. So wurden zweimal im Jahr rund drei Millionen Mark zugeteilt.

Die untreuen Lotto-Leute, so der Vorwurf, hätten jeweils einen ganzen Packen Spielscheine am frühen Montagmorgen in einer Annahmestelle abgegeben und sich so die ersten Plätze im Kasten gesichert - oder am Freitagabend die hintersten. Der ausführende Kollege brauchte nur richtig einzustechen. Da konnte der Notar ruhig zuschauen.

Von 1975 bis 1989 hätten, eine frühere Variante des gleichen Drehs, Mitspieler aus der Lottozentrale ihre Scheine am oberen Rand gelb eingefärbt - auch so waren sie leicht zu treffen. Und die Gewinne gab es, bis 1000 Mark, bar in der Annahmestelle - ohne Namen oder Registrierung.

Die Berliner Staatsanwaltschaft hat ihre Recherchen trotz »Anfangsverdachts« und »gewisser konkreter Hinweise« eingestellt. Der anonyme Lotto-Mitarbeiter mochte sich nicht outen. Zu groß war seine Angst vor den Glücksspiel-Paten.

Die ist nicht unbegründet. Als etwa Lotto-Bezirksleiter Ludwig Boxheimer mit einem baden-württembergischen _(* In der Annahmestelle ) _(Hamburg-Hauptbahnhof. )

Landtagsabgeordneten über den obskuren Lotto-Alltag im Ländle allzu freimütig plauderte und - anonym - Anfang vorigen Jahres im ZDF auftrat, war er seinen hochdotierten Job ruck-zuck los.

Auch der Bayer Rudolf J. Burkhart, ehemaliger Lotto-Bezirksleiter in Schwabach, schweigt bis heute. Burkhart stieß 1980 per Zufall auf eine schwarze Kasse der Bayerischen Lotto-Vertriebsgemeinschaft.

Burkhart, der die »Zweckentfremdung« von Geldern intern anprangerte, wurde rausgeschmissen, prozessierte dagegen, obsiegte in der Sache sogar beim Bundesgerichtshof. Das brachte ihm einen »ehrenvollen Vergleich«, aber seine hochdotierte Stellung war weg. So hält die Mauer des Schweigens.

Dabei stimmen selbst elementare Grundlagen nicht im Reich der Staatszocker. 50 Prozent der Lotto-Einsätze, so will es das Gesetz, müssen als Gewinne ausgeschüttet werden. Tatsächlich werden aber im Schnitt nur 48,5 Prozent verteilt.

Denn eine große Zahl von Kleingewinnen, im Jahr mehr als 50 Millionen Mark, holt regelmäßig niemand ab. Um dennoch, wie vorgeschrieben, den halben Einsatz auszuschütten, müßten die Lotteriefirmen den Überschuß in die folgenden Gewinntöpfe schütten. Das tun sie beim Toto, aber nur zum Teil beim Lotto: Sie finanzieren lieber aufwendige Werbung damit oder schieben es, wie in Bayern, dem Finanzminister zu.

Unhaltbar sind die Zustände bei der Toto-Auswahlwette »6 aus 45«. Ähnlich wie beim Lotto gilt es da, sechs Zahlen anzukreuzen. Aber die »Richtigen« werden nicht in der Lostrommel, sondern auf dem Fußballplatz bestimmt: Bewertet werden die Sieglosen von 45 Spielen.

Weil in aller Regel weit mehr als sechs Kicker-Duelle unentschieden enden, zählen die mit den meisten Toren. Also 5 zu 5 vor 4 zu 4, vor 3 zu 3 und so weiter - Null zu Null, das lehrt die Statistik, kommt deshalb nur ganz selten dran.

Nun fallen, wetterbedingt vor allem im Winter, häufig Spiele aus. Die werden dann per Los entschieden und als gewonnen, verloren oder unentschieden - und da als Null zu Null - bewertet. Das aber heißt: Das ausgefallene, ausgeloste Spiel hat nur extrem geringe Siegchancen, in der statistischen Wahrscheinlichkeit wie in der Realität.

Am 21. Januar dieses Jahres zum Beispiel fielen fünf Spiele aus, zwei wurden als unentschieden gelost, keines kam in die Wertung. Zwei Wochen später, am 4. Februar, war es noch krasser: von zwölf ausgelosten Spielen gab es zweimal _(* Münchner Olympiastadion. )

Remis, aber keines davon brachte es zum Auswahl-Treffer.

Für den Kundigen ist die Sache klar: Wer vor dem Tip weiß, welche der 45 Fußballmatches ins Wasser fallen, kann - wenn er die beiseite läßt - seine Chancen mächtig heben. Bei zehn Ausfällen spielt er tendenziell statt 6 aus 45 nur 6 aus 35. Seine Trefferwahrscheinlichkeit für einen Sechser verbessert sich dann von eins aus 8,145 Millionen auf eins aus 1,623 Millionen - er hat fünfmal eher Glück!

Und, kaum vorstellbar: Während in 15 Bundesländern der Toto-Tip zum Ladenschluß am Freitagabend stehen muß, können die Wetter in Hessen in Ruhe die weiteren Meldungen über Spielausfälle abwarten und einkalkulieren. Weil die Annahmestellen dort mit der Zentrale online-verkabelt sind, kann der Hesse seinen Schein bis samstags 13.00 Uhr abgeben. Ungleicher könnten die Chancen der Tipper kaum verteilt sein.

Vor mehr als zehn Jahren hat der Bonner Pfarrer Peter Schneider die Staatslotterien darauf hingewiesen, daß Spielausfälle das Ergebnis verfälschen. Passiert ist nichts.

Die Verwalter des Glücksspiels aber waren zu beschäftigt, den »unzweifelhaft vorhandenen Spieltrieb« einzudämmen, wie in der Ministerialbeamtensprache ihre Tätigkeit beschrieben wird. Der müsse zwar einerseits »als unabänderliches anthropologisches Faktum hingenommen werden«, sei andererseits mit der »Abhängigkeit von Drogen« zu vergleichen und dürfe deshalb keinesfalls gefördert werden.

Mit millionenschweren Werbekampagnen ("Reichtum ist machbar, Herr Nachbar") ziehen die Lotto-Herren dem spielsüchtigen Volk das Geld aus der Tasche und leiten dann, zur Abschreckung, möglichst viel von deren Einsätzen in die Schatullen der Finanzminister oder der Sportfunktionäre oder auch in die eigenen Taschen.

Immerhin, in einem kleinen Land, regiert von einem kleinen König, ganz im Westen der Republik, da soll es sauber zugehen. Seit sieben Jahren, lobte sich die Saarland Sporttoto GmbH vorige Woche, habe es dort keine Beanstandung des Landesrechnungshofes gegeben.

Freilich: Es gab, seit Beginn der neunziger Jahre, auch keine Prüfung. Andernfalls wären den staatlichen Kontrolleuren vielleicht die rauschenden Feste aufgefallen, die Toto-Direktor Alfred Holzwarth sich und seinen politischen Freunden auf Kosten seiner Spieler immer wieder gönnt. Etwa den üppigen Spielbank-Gala-Abend in der Saarlandhalle, im Mai vorigen Jahres, an dem Lafontaine-Freund Alfred Holzwarth (Lieblingsspruch: »Oskar hat die Macht, aber Alfred das Geld") und sein Aufsichtsrat, Saar-Innenminister Friedel Läpple, mit Brasilianerinnen Lambada tanzten.

Vielleicht hätten die Prüfer gemerkt, daß die beiden Toto-Geschäftsführer neben ihren Bezügen von rund einer Viertelmillion Mark im Jahr noch ein Gehalt bei der Saarland-Spielbank GmbH kassierten, ausgerechnet bei einem Tochterunternehmen ihres Staatslotto-Ladens: jeweils weitere 7000 Mark im Monat, plus einer gewinnorientierten Jahresschlußvergütung. Y

* In der Annahmestelle Hamburg-Hauptbahnhof.* Münchner Olympiastadion.

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