Mecca-Cola Wie Allahs Brause nach Deutschland kam

In Frankreich verkauft sie sich unerwartet gut, jetzt ist sie auch in Deutschland zu haben: Seit einigen Wochen müht sich ein syrischer Kleinstunternehmer, Mecca-Cola an alle zu verkaufen, denen Coca-Cola zu amerikanisch ist.

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Händler Hinnaui: Aus dem begeisterten Tee-Trinker ist ein Cola-Verkäufer geworden
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Hamburg - Es war einige Wochen vor Beginn des Ramadan, Mahmoud Hinnaui blätterte in einem Magazin, da durchzuckte ihn der Geistesblitz. "Ein Trunk mit Allahs Segen", stand in der Titelzeile eines Berichts, und Hinnaui witterte seine Chance. Er las noch einmal, telefonierte - und bald schon saß er im Flugzeug gen Paris.

Dort traf Hinnaui, 27 Jahre alt, geboren in Syrien, auf Tawfik Mathlouthi, 47-jährig, den Erfinder und Chef von Mecca-Cola. Als Hinnaui sechs Stunden später zurück nach Hamburg flog, stand für ihn fest: Er und er allein würde Europas erste islamisch-korrekte Brause in Deutschland vertreiben dürfen.

16.000 Flaschen à 1,5 Liter

Der Mann mit der Rolli-Anzug-Kombination sitzt in seinem Zwei-Zimmer-Büro beim Hamburger Hauptbahnhof, während er das erzählt. Auf dem Schreibtisch Kakteen, eine Wasserpfeife. Im Vorzimmer hat Hinnau auf der Fensterbank das Produkt aufgereiht, das er bekannt machen will. Gerade ein Dutzend rot-weiße Flaschen Mecca-Cola lagert hier neben einem ausrangierten PC. Das Ganze wirkt wie eine Vorbereitung für eine Betriebsfeier, deren Gäste sich verspätet haben. Mahmoud Hinnaui sagt: "Das Potenzial für Mecca-Cola in Deutschland ist da". Sein richtiges Lager, schiebt er nach, liege anderswo in Hamburg. Dort stünden viel mehr Flaschen, "wohl einige Hundert".

Laden in St. Georg mit Cola und Wasserpfeifen: "Etwas konzentrierter, wie bei uns in arabischen Ländern"
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Anfang Dezember kam per Lkw die erste Lieferung an den Zwischenhändler Hinnaui, er spricht von 16.000 Flaschen à 1,5 Liter. Den allergrößten Teil davon habe er bereits weiter vertrieben, vor allem an libanesische, türkische, manchmal afghanische oder iranische Spezialhändler. Viele davon wohnten in Hamburg und Umland, kennen jemanden, der jemanden kennt, der die Cola schon probiert hat: "Die Mundpropaganda ist wichtig". Eher per Zufall habe er viele Paletten nach München geliefert, auch nach Baden-Württemberg. Die Bestellungen kommen übers Internet, per Fax. Mehrfach klingelt Hinnauis Telefon, er spricht auf Arabisch.

Coca-Colas Anwälte warten ab

In ihrem Mutterland Frankreich ist Mecca-Cola bereits erfolgreich, fast spektakulär erfolgreich. Seit dem 6. November, dem Beginn des Fastenmonats, vertreibt ihr Erfinder Mathlouthi seine Gegen-Coca-Cola, seither hat er viele hunderttausend Flaschen abgesetzt, Millionen in Auftrag gegeben. Auch Supermärkte wie Auchan stellen die Flaschen mit dem Moscheen-Bild darauf inzwischen in ihre Regale, zumindest in Vororten mit vielen muslimischen Kunden. Nachfrage kommt auch aus England, Holland, Spanien, Belgien.

Website von Mecca-Cola aus Frankreich: In arabischen Ländern und im Iran konkurrieren örtliche Cola-Sorten wie Star-Cola und Zamzam mit den US-Originalen. Mecca-Cola versucht, die Idee in Europa einzuführen

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Der in Tunesien geborene Unternehmer Mathlouthi, der auch einen Radiosender betreibt, ist nun selbst zum Medienphänomen geworden. CNN, die "New York Times", der "Guardian", BBC Online - alle haben über ihn berichtet. Da ist ein Einzelner, der ein durch und durch amerikanisches Produkt islamisch uminterpretiert, den Konzern-Goliath Coca-Cola piesackt - solch eine Geschichte erregt Interesse. Coke hat den Neuling durchaus wahrgenommen - der Boykott durch Muslime wirke sich mancherorts spürbar auf die Umsätze aus, schreibt die "New York Times". Bisher hat Coca-Cola Mathlouthi nicht den Gefallen getan, ihn zu verklagen.

Neue Sorten vor dem Start

Auch die Cola, die Hinnaui in Deutschland verteilt, stammt aus Frankreich. Drei Abfüllanlagen gebe es dort, sagt er, die eine davon in Marseille. Wo die anderen liegen, müsse er nachsehen. Noch sind die Etiketten teils arabisch, teils französisch beschriftet. "Ne buvez plus idiot, buvez engagé" steht darauf - ein mehr oder weniger indirekter Appell, US-Softdrinks abzuschwören. Das rot-weiße Design, die geschwungene Schrift, das alles ist absichtsvoll von Coca-Cola kopiert. Schon bald könne es Etiketten mit deutschem Text geben, sagt Hinnaui - vielleicht nach der nächsten großen Lieferung Ende Januar. Vielleicht kommen dann auch Mecca-Cola light und Mecca Orange auf den hiesigen Markt.

Hinnaui im Büro am Hauptbahnhof: Das Geschäft kostet Zeit, die fürs Studium fehlt
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Hinnaui streut gerne Formulierungen wie "ich als Kaufmann" in seine Sätze ein, doch sich selbst verkauft er eher ungern. Dass er 1996 nach Deutschland kam, um zu studieren, dass er verheiratet ist, verrät er. Dabei schiebt er sein Mobiltelefon zwischen den Händen hin und her. Jetzt sei er im Studiengang Wirtschaftsingenieur eingeschrieben, investiere aber viel Zeit in seinen Betrieb, sechs, acht Stunden am Tag. Seine Firma IPM Marketing, die er 2001 mit seinem Schwiegervater gründete, vertreibe Produkte aus Europa in den Nahen Osten und umgekehrt. Womit sie, von Cola abgesehen, genau handelt, wohin sie exportiert - damit mag Hinnaui nicht recht herausrücken. Sein Schwiegervater arbeite zudem als anerkannter Arabisch-Übersetzer, doch die Nachfrage sei nicht besonders groß.

"Bush und Konsorten"

Mahmoud Hinnaui besitzt ein Handy mit goldenem Rand, und wenn es klingelt, piept es eine orientalische Melodie. An der Wand über seinem Schreibtisch hängt ein arabischer Schriftzug, ebenfalls golden umrahmt. Auf dem Schreibtisch liegt eine Plakette mit den Worten "The Palestine State". Trotz all dieser Symbole und Insignien - über seinen Glauben und sein Heimatland spricht Hinnaui fast gar nicht.

Bevor er seine Meinung zu Israel oder den Vereinigten Staaten sagt, denkt Hinnaui ein paar Sekunden lang nach. "Israel? Inwiefern?", fragt er. Er spürt wohl: Er könnte in Verdacht geraten, mit Fundamentalismus Geschäfte zu machen. Dann sagt er, dass im Nahen Osten alle in Frieden leben könnten, wenn jede Seite ein bisschen nachgibt. Oder er lobt, dass die USA "eine richtige Demokratie" seien und darum so erfolgreich in der Innenpolitik - wenn nur die Kriege nicht wären.

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Tawfik Mathlouthi übt weniger Zurückhaltung. Auf seiner Website lässt er kundtun, dass er Mecca-Cola nicht allein nach der saudischen Pilgerstätte benannt habe, sondern auch nach einem ausgerotteten amerikanischen Indianerstamm gleichen Namens. So wolle er ins Gedächtnis rufen, "dass die Gründung der USA sich einem Terrorakt verdankt, und dass Herr Bush und Konsorten keinen Anlass haben, von ihrem Kampf gegen den Terrorismus zu tönen". Herr Mathlouthi sei eben Politiker, sagt Hinnaui, anders als er selbst. Deshalb spende Mathlouthi auch zehn Prozent des Umsatzes an eine Organisation, die Kinder in Palästina mit Schulbüchern versorge. Weitere zehn Prozent gingen an eine katholische Gruppe in Frankreich, die Obdachlosen helfe. Auch er zahle beim Einkauf gerne diesen Wohltätigkeitsaufschlag, sagt Hinnaui.

15 Quadratmeter Libanon

Seine Mecca-Cola will er als nächstes in Nordrhein-Westfalen einführen, außerdem in Berlin. 1,20 bis 1,40 Euro koste eine Flasche im Laden - wie teuer Coca-Cola ist, das wisse er gar nicht genau. Die Händler machten mit dem Preis ihren Schnitt, er selbst erwarte eine Durstrecke, sagt Hinnaui. In fünf Monaten vielleicht, wenn die Nachfrage anschwillt, soll der Vertrieb ein gutes Geschäft für ihn sein.

Cola in Hinnauis Büro: Erfinder Mathlouthi plant schon Mecca Tonic und Mecca Mentha
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In Hamburg St. Georg, wo sich Döner-Laden an Sex-Shop an Döner-Laden reiht, findet sich nach einiger Suche ein Händler, der Hinnauis Cola feilbietet. Die Flaschen stehen neben der Tür, schräg unter den Wasserpfeifen. Ein Libanese namens Ajam teilt sich hier 15 Quadratmeter Ladenfläche mit einem Geschäftspartner, auch aus dem Libanon.

"Mehr als normale Cola"

Herr Ajam, der eine Reebok-Mütze gegen die Kälte im Laden trägt, berichtet, dass Mecca-Cola sehr gut läuft, es gäbe schon Stammkunden. Dass zehn Prozent des Preises nach Palästina flössen, helfe beim Verkauf. Und die anderen zehn Prozent gingen ja an Algerier in Frankreich, meint Ajam. Außerdem, der Geschmack, der sei auch gut: "Etwas konzentrierter, mehr als normale Cola. Wie bei uns in arabischen Ländern". 360 Flaschen habe er eingekauft, und er wolle nachordern.

Noch ist Herr Ajam eine Ausnahme. In einem halben Dutzend anderen Läden, darunter viele türkische, bleibt die Suche vergeblich. Pinienkerne, Auberginen, Alwadi-Wasser - alles ist da, doch keine Spur von dem Produkt, das Mahmoud Hinnaui bekannt machen will. Nicht, dass es hier keine Cola gäbe, manche Regale sind vollgepfropft damit. Allerdings steht da das amerikanische Original.

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