Medienkonzern Viacom Familienkrach beim Denver-Clan

Die US-Dynastie der Redstones, der Viacom und CBS gehören, imitieren die Intrigen der Glamour-Soap "Denver Clan" aus den achtziger Jahren. Der übergangene Erbe Brent Redstone, Sohn des 82-jährigen Patriarchen Sumner Redstone, will den Familienkonzern gerichtlich zerschlagen lassen.

Von , New York


New York - Wer erinnert sich nicht gern an den "Denver-Clan"? Über 20 Jahre ist es her, dass sich Alexis und Krystle im Seerosen-Pool die Augen auskratzten. Alte Fans der amerikanischen Glamour-Soap, die im Original "Dynasty" hieß, brauchen nun zumindest in den USA nicht länger auf die mitternächtlichen Wiederholungen zu warten. Denn ein echter, steinreicher und nicht minder zerstrittener Familienclan, beheimatet in New York City und - ausgerechnet - Denver, macht sich hier gerade ähnlich munter den Garaus wie einst die Carringtons - wenn auch nicht ganz so tödlich-einfallsreich.

Patriarch Sumner Redstone: Öffentliche VIP-Scheidung ruinierte auch das Verhältnis zum Sohn
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Patriarch Sumner Redstone: Öffentliche VIP-Scheidung ruinierte auch das Verhältnis zum Sohn

Es geht um die Redstones. Die Redstones, von altem Ostküstengeblüt, sind eine der letzten US-Mediendynastien, die noch Kontrolle über ihr Firmenimperium haben. Ihnen gehören, über die Holdinggesellschaft National Amusements (NAI), der Medienkonzern Viacom mit den Hollywood-Studios Paramount und Dreamworks SKG, außerdem das derzeit erfolgreichste amerikanische TV-Network CBS sowie mehrere Kinoketten mit fast 1500 Lichtspielhäusern in den USA, Großbritannien, Lateinamerika und Russland. Dagegen war Blake Carringtons Ölklitsche ein Kramladen.

Und dies sind nun die Protagonisten der Real-Soap - oder, in diesem Fall, die Antagonisten: Patriarch Sumner ("Mr. MTV") Redstone, 82, der mit einem Vermögen von fast neun Milliarden Dollar Platz 42 auf der "Forbes"-Liste der hundert reichsten Menschen der Welt bekleidet, sein Sohn Brent Redstone, 55, und dessen Schwester Shari Redstone, 51.

Überraschung in der Nachfolgefrage

Jahrelang hat sich Sumner Redstone trotz sehr fortgeschrittenen Alters geweigert, die Zügel des Unternehmens abzugeben, das sein Vater Michael gegründet hatte. Bis heute hält er zwei Drittel an NAI und je 71 Prozent an Viacom und CBS. Doch jetzt bereitet er sich auf den Abgang vor, und zwar noch dieses Jahr. Doch statt seinen ältesten Erben Brent zum Nachfolger zu krönen, greift Redstone zu einem Trick, der im TV-Seriengeschäft gern als "plot twist" oder "cliffhanger" für Einschaltquoten sorgt: Er zieht Shari vor.

Das sollte bis zum Vollzug der Erbschaft eigentlich im privaten Kämmerlein bleiben. Doch erstens sind die Rachsüchteleien Redstones - der nicht gerade für zartes Geschäftsgebahren bekannt ist - und sein Gerangel mit dem Filius schon länger ein Insiderwitz an der Wall Street. Zweitens findet Brent Redstone, der auf einer Ranch bei Denver lebt, die Zustände bei National Amusement inzwischen gar nicht mehr so amüsant und hat seinen Vater jetzt verklagt - auf Auszahlung in Milliardenhöhe.

In seiner Zivilklage, die er vorige Woche bei einem Bezirksgericht in Baltimore im Bundesstaat Maryland einreichte, dem Steuersitz von NAI, verlangt Redstone Jr. die Zerschlagung des Unternehmens. Nur so, sagt er, könne er seine Anteile flüssig machen, die er nach jetzigem Stand nicht an irgendwen verkaufen darf, sondern nur innerhalb der Familie, zu einem Bruchteil ihres eigentlichen Marktwerts natürlich. Die Klage beziffert den Wert von NAI auf rund acht Milliarden Dollar, wovon ein Sechstel Brent Redstone zustehe.

Sohn verklagt Vater

Der beschuldigt seinen Vater, ihn mittels einer Kampagne und "repressiven Aktionen" vom Tagesgeschäft des Konzerns "auszufrieren". So sei Brent, obwohl er im Vorstand sitzt, über wichtige Entwicklungen des Unternehmens absichtlich im Dunkeln gelassen worden, etwa über einen 425-Millionen-Dollar-Firmenkredit an Redstone Sr. für ein Aktiengeschäft, das den Konzern später in die Bredouille brachte, oder über die Abspaltung von CBS im vorigen Jahr.

Die NAI-Aktionärsstruktur stammt von 1972. Damals verfügte Sumner Redstone eine komplizierte Treuhandregelung, wonach Brent und Shari ihre Anteile am Königreich in zwei Etappen zugesprochen bekamen: die Hälfte zum 40. Geburtstag, den Rest fünf Jahre später. Damit, heißt es in der Klage, habe der alte Redstone zugleich seine verbriefte Absicht erklärt, die Firma eines Tages beiden Kindern zu überlassen.

Doch Brent Redstone, so liest sich die Klage wie ein "Denver-Clan"-Drehbuch weiter, habe ganz bewusst nie eine "bedeutende oder gut bezahlte Position" bei NAI, Viacom oder CBS zugeteilt bekommen. Schon vor Jahren sei klar geworden, dass der Vater die Tochter bevorzuge, die er zur Präsidentin von NAI und Vizechefin von Viacom machte. Dergestalt geschnitten zu werden, streuen Brents Freunde, habe dieser "nie verwunden".


Wendepunkt in der Beziehung zwischen Vater und Sohn, geht aus der Klage hervor, war 1999 die dramatische und ausgesprochen öffentliche VIP-Scheidung Sumner Redstones von seiner Frau Phyllis, der Mutter Brents und Sharis, nach 52 Ehejahren. Phyllis Redstone reichte die Scheidung selbst ein, nachdem sie über einen Privatdetektiv herausgefunden hatte, dass ihr werter Gatte sich mit einer wesentlich jüngeren Dame in Paris und Hollywood verlustiert hatte.

Brent stand damals auf Seiten der Mutter, Shari auf Seiten des Vaters. Im Zuge der Gütertrennungsverhandlungen habe Sumner die Kinder gezwungen, ihre NAI-Stimmrechte an ihn abzutreten - ein "nackter Versuch der Manipulierung", behauptet Brent. Er habe sich geweigert, Shari dagegen habe zugestimmt, und seitdem herrsche Strom in der Tapete.

Sumner Redstones Lager kontert, man habe Brent sehr wohl diverse Posten bei NAI angeboten, zum Beispiel den des Co-Vorstandschefs, zuständig für die Lateinamerika-Geschäfte. Doch Brent habe undankbar abgelehnt - weil er nicht von seiner Ranch habe fortziehen wollen. Als Board-Mitglied bekommt Brent weiter ein Gehalt, das irgendwo zwischen 500.000 und 1,02 Millionen Dollar liegt, je nach dem, wen man fragt.

TV-Soap-taugliche Details

Die Klage enthält noch andere süffige, TV-Soap-taugliche Details. Einen Antrag Brents auf ein Firmendarlehen über mehrere Millionen Dollar habe Shari auf eine Million "gestutzt". NAI habe Sharis Ex-Gatten Ira Korff, einem früheren Angestellten des Unternehmens, eine Millionenabfindung gegeben, als "Lösegeld" für bestimmte "persönliche Bewilligungen" im Zuge ihrer Scheidung. Auch hätten Sumner und Shari Redstone Millionen von der Kinokette National Theater in die eigene Tasche gewirtschaftet.

Sollte es zum Prozess kommen, dürfte die Wall Street sicher noch mehr "Schmutzwäsche" ("New York Times") aus dem Hause Redstone bestaunen können. Zumindest in einem aber sind sich beide Seiten einig: Ein Anwalt von Brent Redstone und eine Erklärung von NAI bezeichneten die ganze Geschichte wortgleich als "unglückselig". Aber wen wundert das schon: Eine der TV-Hitshows, mit deren Endlos-Wiederholungen die Redstones über Viacom kräftig Kasse gemacht haben, ist das Quizspiel "Family Feud" - "Familienfehde".



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