Medikamenten-Skandal Pharma reich, Arzt versorgt, Patient tot

Von , New York

2. Teil: Durchschnittliche Dosis verdreifacht


Eine fast wortgleiche Reaktion kam von Ortho Biotech. "Wir haben weiter Vertrauen in die Sicherheit und Wirksamkeit von Procrit, wenn es gemäß Etikett angewendet wird", so Craig Tendler, der Vizepräsident des Unternehmens. Beide Konzerne fügten hinzu, sie "freuten" sich auf eine Klärung bei der heutigen FDA-Sitzung.

Hinter den Kulissen aber setzten die Firmen offenbar seit Jahren schon alle Hebel in Bewegung, um so viel wie möglich ESA's unter die Leute zu bringen. Die "New York Times" berichtete, dass Ärzte, die die Mittel von den Konzernen direkt gekauft und ihren Patienten verabreicht hätten, dafür hohe Rabatte bekommen hätten - über den Kostenausgleich durch Krankenkassen hinaus.

Die durchschnittliche ESA-Dosis in den USA hat sich in der Tat seit 1991 fast verdreifacht. Die Hälfte aller Dialyse-Patienten bekommen nach Angaben des medizinstatistischen Dienstes USRDS heute ESA's in einem Maß verabreicht, dass ihre Hämoglobinwerte 12 Gramm pro Deziliter Blut überschreiten - exakt die Gefahrengrenze, die die FDA ermittelt hat.

Späte Reaktion auf Vioxx

Wie es so weit gekommen ist, dokumentierte die "NYT" am Beispiel einer - nicht weiter identifizierten - Arztpraxis im Nordwesten der USA. Dort hätten sechs Krebsärzte von Amgen im vergangenen Jahr 2,7 Millionen Dollar "zurückerstattet" bekommen und so am Ende 1,8 Millionen Dollar Profit eingestrichen. Die Zahlungen seien legal, doch außerhalb der Branche kaum bekannt. "Man spielt mit der Gesundheit der Menschen", sagte der frühere Praxismanager Michael Sullivan der Zeitung. Insgesamt, so die "NYT" unter Berufung auf Medizinexperten, hätten amerikanische Ärzte "Hunderte Millionen Dollar" im Jahr erhalten.

J&J und Amgen bestätigten die generelle Existenz solcher Zahlungen, bestritten aber, dass sie höhere Dosierungen anregen sollten. Vielmehr seien sie ein Resultat des "intensiven Wettbewerbs" innerhalb der Pharmabranche. So beklagte J&J in seinem Bilanzbericht 2006 einen Umsatzrückgang von 8,1 Prozent für Procrit. Als Grund gab das Unternehmen - ohne weitere Details - "eine wettbewerbsfeindliche Strategie eines Konkurrenten in Onkologie-Kliniken" an.

Parallel beschloss der US-Senat gestern mit 93 zu 1 Stimmen, die FDA-Kompetenzen zum Patientenschutz drastisch zu erweitern. Demnach soll das Amt Medikamente nun nicht nur genehmigen, sondern sie auch während ihres gesamten "Lebenszyklus'" überwachen - und zur Not aus dem Verkehr ziehen.

Das Timing des Gesetzes war allerdings Zufall und hatte mit dem ESA-Problemfall nichts zu tun. Seit Monaten in der Mache, war es statt dessen eine späte Reaktion auf den Skandal um das tödliche Schmerzmittel Vioxx. Das war bereits 2004 vom Markt genommen worden. Im Folgejahr verbuchte der Hersteller Merck Umsatzeinbußen von fast einer Milliarde Dollar.



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