Medizintourismus Neue Niere made in Germany

Bei ernsthaften Gesundheitsproblemen verlassen sich arabische Patienten gern auf deutsche Spezialisten. Die klammen Krankenhäuser der Bundesrepublik freut das. Denn die Patienten aus dem Orient zahlen gut.
Von Juliane Salzer

Hamburg - Mohammed al-Kahtani lacht und scherzt, er fühlt sich wohl. Bei mehreren Tassen würzigen Kaffees betont der 62-Jährige immer wieder, wie dankbar er den Ärzten ist, die ihm hier am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) eine neue Leber transplantiert haben.

Al-Kahtani aus Riad war der Erste, der im Sommer 2003 die neue, ausschließlich für arabische Patienten eingerichtete Station nutzen konnte. Ein Gebetsraum, arabische Fernsehsender und Zeitschriften, arabischsprachige Betreuung - dieser Service wird inzwischen in immer mehr deutschen Kliniken zum Standard. Sie haben dabei vor allem eines im Auge: das Geld für medizinische Behandlung und Sonderleistungen, mit dem die weit gereisten Patienten die klammen Kassen füllen sollen.

Seit 1998 dürfen deutsche Krankenhäuser Mehrerlöse aus der Behandlung ausländischer Patienten einbehalten, und seitdem kämpfen sie mehr oder weniger engagiert um diese Klientel. Die finanziellen Möglichkeiten, die dies eröffnet, sind indes beschränkt. Zwar lassen sich die "Medizintouristen" Behandlung, Rehabilitation und Aufenthalt im Schnitt 80.000 Euro kosten, doch kommen nach Aussage mehrerer Studien nur zwischen 0,3 und 2,7 Prozent aller Klinikpatienten in Deutschland aus dem Ausland.

Die Regierung zahlt die Behandlung

Über den Anteil der arabischen Patienten gibt es keine verlässlichen Angaben, doch hat deren Zahl deutlich zugenommen, seit die USA ihre Einreisebestimmungen stetig verschärfen. In mehreren deutschen Krankenhäusern, beispielsweise dem Klinikum Augsburg und dem Hamburger UKE, stammen mittlerweile mehr als die Hälfte der internationalen Patienten aus dem arabischsprachigen Raum. Die meisten von ihnen kommen aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten; nach Auskunft des Auswärtigen Amtes erhielten im Jahr 2003 rund 2000 Saudi-Araber ein Visum aus medizinischen Gründen.

Nur selten entsprechen diese Patienten dem, besonders durch die Medien verbreiteten, Klischee und sind Mitglieder des Königshauses, die ihren gesamten Hofstaat mitbringen, in Luxus-Suiten wohnen und beim Shopping die Geschäfte leerkaufen. So ist Mohammed al-Kahtani, Vater von zehn Söhnen und fünf Töchtern, zwar wohlhabend, aber nicht reich. "Für meine Operation und sogar für Flug und Aufenthalt hat Prinz Salman Abdulazis bezahlt", erklärt er und fügt lobend hinzu: "Die Regierung kümmert sich um die einfachen Bürger."

In Saudi-Arabien und den Golfstaaten kann jeder bei seiner Regierung oder bei königlichen Stiftungen einen Antrag auf Finanzierung einer medizinischen Behandlung im Ausland stellen. Bei Mitarbeitern großer Konzerne zahlt in manchen Fällen sogar der Arbeitgeber. In Libyen kommt die Krankenversicherung in der Regel für Behandlungskosten im Ausland auf. Im Gegensatz zu den "Medizintouristen" aus Europa oder Russland zahlen somit nur wenige arabische Patienten ihre Behandlungskosten selbst.

Blutwäsche mit Visumspflicht

Auch für Mariam al-Hammadis Behandlung zahlt die saudische Regierung. Vor mehr als zwei Jahren hatte die 48-Jährige ihr Heimatdorf al-Ahsa im Osten des Wüstenstaates verlassen und kam für eine Nierentransplantation an das Hamburger UKE. Da ihr Körper Organspenden von Verwandten und Freunden abgestoßen hätte, erhielt sie im Oktober 2003 eine sogenannte Kadaverspende.

"Erst schien es, als würde es klappen", erzählt ihre 27-jährige Tochter Tahani al-Wehaimed, "doch dann bildete sich ein Abszess und die Niere musste wieder entfernt werden." Seitdem kann Mariam al-Hammadi nichts weiter tun als warten - auf die nächste Organspende. Jeden zweiten Tag fährt sie zur Dialyse ins Krankenhaus, und alle drei Monate müssen sie und ihre Tochter eine Visumsverlängerung beantragen.

Ärzte und Bekannte in Saudi-Arabien hatten ihnen Deutschland empfohlen, nachdem sich die medizinische Versorgung in der Heimat schwierig gestaltete. Die Entscheidung, sich im Ausland behandeln zu lassen, hängt jedoch selten ausschließlich von medizinischen Faktoren ab. Zwar verfügen die Ärzte im arabischen Raum meist über weniger Routine als ihre europäischen oder nordamerikanischen Kollegen, und der hygienische Zustand ist in vielen Kliniken mangelhaft, der technische Standard in den Großstädten kann sich jedoch sehen lassen. Ausschlaggebend ist häufig das Misstrauen gegenüber dem eigenen Gesundheitssystem.

Die Minister schätzen München

Dies liegt unter anderem am Personal: Gastarbeiter sind besonders in den Golfstaaten die Regel. Viele der Ärzte aus Ägypten, dem Libanon, Indien oder Bangladesch haben an renommierten Universitäten studiert, arbeiten aber nur für einige Jahre an ein und derselben Klinik. "Sie haben eine Söldnermentalität", urteilt Joachim Kamrad von der Vermittlungsgesellschaft International Health Service. Dies erschwere eine Identifikation mit dem Krankenhaus.

Mangels Vertrauen gehen Patienten auch für weniger komplizierte Behandlungen ins Ausland, so dass von der Rehabilitation nach Schlaganfällen über Orthopädie bis hin zur Krebsbekämpfung ein breites Leistungsspektrum nachgefragt wird. Entsprechend variiert die Aufenthaltsdauer zwischen zwei Wochen und, wie bei Mariam al-Hammadi, bis zu mehreren Jahren. Als seelischer Beistand leisten normalerweise ein bis drei Familienangehörige während der gesamten Zeit den Patienten Gesellschaft.

Allerdings gibt es auch jene, die mit einem Dutzend oder mehr Begleitern anreisen - jene Patienten, die das Klischee der schwerreichen "Medizintouristen" geprägt haben. Bei den Mitgliedern des Königshauses, den hohen Beamten und betuchten Geschäftsleuten, die überwiegend aus den Vereinigten Arabischen Emiraten kommen, ist München sehr beliebt. In der deutschen Gesundheits- und Tourismusbranche wecken besonders solche konsumfreudigen Patienten große Hoffnungen.

Allerdings ist gerade diese Klientel am schwersten zu befriedigen, sind die Scheichs es doch durch ihre Erfahrungen in den USA gewohnt, auf Händen getragen zu werden. In Deutschland mangelt es teilweise noch an der Dienstleistungseinstellung oder schlicht an Erfahrung, was zu Verärgerung auf beiden Seiten führen kann. So empört man sich noch heute in der Küche des Hamburger UKE über eine saudische Patientin, die ihr Essen vor einem Jahr einmal samt Tablett gegen die Wand geschmissen habe. Der Grund: Die Köche hätten ein Linsengericht aus einem arabischen Kochbuch nachgekocht, ohne zu wissen, dass dies im arabischen Raum als "Arme-Leute-Essen" gilt.

Eine Rundumversorgung der neuen Klientel hat noch kaum eine Klinik im Programm. Diese Marktlücke haben sich daher elf deutsche Agenturen gesichert, die internationalen Patienten Vermittlung und Betreuung anbieten. Sie schlagen den Patienten Krankenhäuser zur Behandlung vor, helfen bei der Visumsbeschaffung, holen ihre Kundschaft vom Flughafen ab und betreuen die mitreisenden Angehörigen.

Aktive Akquisition betreiben sie, ähnlich manchen Kliniken, durch Anzeigen in Zeitungen, auf internationalen Messen wie der jährlichen "Arab Health" in Dubai und durch Büros vor Ort. Die wichtigste Werbung ist im arabischen Raum allerdings die Mundpropaganda: Wessen Verwandte oder Freunde in einem bestimmten Land gute Erfahrungen gemacht haben, den zieht es ebenfalls dorthin.

Nach dem Anklopfen, bitte warten!

Das Urteil der Araber über ihren Aufenthalt in Deutschland fällt unterschiedlich aus. Während die meisten von der medizinischen Behandlung begeistert sind, fällt beim Thema Service auch Kritik. "Das Pflegepersonal hat oft kein Verständnis für unsere Kultur", beklagt Tahani al-Wehaimed, "zum Beispiel wartet es nicht nach dem Anklopfen, sondern kommt sofort herein." Manchmal trage die Patientin dann kein Kopftuch oder werde beim Beten gestört.

Für eine deutliche Ausweitung des "Medizintourismus" in Deutschland reicht es trotz aller Anstrengungen daher noch nicht. Wichtig wäre eine eingehendere Schulung des Krankenhauspersonals, um stärker Rücksicht auf die kulturellen Unterschiede zu nehmen und so in der Konkurrenz mit Frankreich, Großbritannien, Belgien und der Schweiz bestehen zu können.

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