Mehdorn-Kritiker Sarrazin "Die Bahn wollte die GDL aus dem Konzern drängen"

Im Tarifkonflikt bei der Bahn ist keine Lösung in Sicht - im Gegenteil. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE argumentiert Berlins Finanzsenator Thilo Sarrzin, ehemals Bahn-Vorstand und entschiedener Gegner Mehdorns, aus seiner Sicht, wieso sich die Fronten so verhärten konnten.


SPIEGEL ONLINE: Herr Sarrazin, als ehemaliger Bahn-Vorstand sind Sie intimer Kenner des Unternehmens. Warum ist die GDL aus einem Club friedlicher Lokführer zu einer Kampftruppe geworden?

Finanzsenator Sarrazin: "Eine Lösung kommt kaum zustande, wenn das potentielle Opfer einer Totalvernichtung dem verhinderten Täter gegenüber sitzt"
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Finanzsenator Sarrazin: "Eine Lösung kommt kaum zustande, wenn das potentielle Opfer einer Totalvernichtung dem verhinderten Täter gegenüber sitzt"

Sarrazin: Wegen der Wut der Lokführer - sie haben das Gefühl, dass Bahnchef Mehdorn sie fertigmachen will. Tatsächlich war es klare Strategie des Bahnvorstandes, die GDL aus dem Konzern zu drängen.

SPIEGEL ONLINE: Übertreiben sie da nicht? Seit Ihrer Entlassung bei der Bahn gelten sie als entschiedener Gegner Mehdorns.

Sarrazin: Ich unterstelle, dass es eine Vereinbarung zwischen dem Bahnvorstand und dem Transnet-Vorsitzenden Hansen gab. Die könnte darauf hinauslaufen, die Stellung von Transnet als Einheitsgewerkschaft festzuschreiben, wenn Transnet umgekehrt den Kurs des Bahn-Vorstands bei der Privatisierung unterstützt.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt ein wenig nach Verschwörungstheorie. Welche Belege haben sie dafür?

Sarrazin: Bahn und Transnet haben zu Beginn des Jahres einen sehr guten Tarifabschluss unterschrieben. Der üppige Lohnaufschlag sollte nicht zuletzt der GDL das Wasser abgraben. Daraufhin stellte sich die GDL auf die Hinterbeine.

SPIEGEL ONLINE: Hätte man den Konflikt zu diesem Zeitpunkt noch eindämmen können?

Sarrazin: Möglich - wenn der Bahnvorstand die GDL ernst genommen hätte. Aber die folgenden Monate zeigten, dass die Bahn nie ernsthaft verhandeln wollte. Sie wollte vielmehr – das ist der einzig mögliche Schluss – der GDL den Boden entziehen. Die Lokführergewerkschaft begann also, um ihre Existenz zu kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Die Verantwortung für die Zuspitzung des Tarifkonflikts trägt Ihrer Ansicht nach also allein der Bahnvorstand?

Sarrazin: Wenn man auf eine Auseinandersetzung zuläuft - dann muss man sich darüber im Klaren sein, dass am Ende eine Lösung gefunden werden muss. Die kann so aussehen, dass der Gegner anschließend im Staub liegt. Oder, dass man sich erhobenen Hauptes voneinander verabschieden kann. Im zweiten Fall muss man dem Gegenüber wenigstens ein Stück weit entgegenkommen. Der Verlauf der Verhandlungen in den vergangenen Monaten lässt aber darauf schließen, dass der Bahnvorstand die erste Möglichkeit bevorzugte.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Weg führt denn jetzt aus dem Dilemma?

Sarrazin: Wenn man versucht, den Gegner auszuschalten, bevor man mit ihm verhandelt und das nicht gelingt, dann muss man darauf gefasst sein, dass sich der Preis für eine Einigung dramatisch erhöht.

SPIEGEL ONLINE: Wie hätte Mehdorn auf die Forderungen der GDL eingehen können?

Sarrazin: Es hätte eine Menge Verhandlungsspielraum gegeben. Schließlich sind die Löhne der Lokführer in Holland und in der Schweiz auch nicht höher als in Deutschland. Aber die Bahn wollte ja gar nicht verhandeln. Wenn man sich so wenig ernstgenommen fühlt, dann entstehen Empfindlichkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Wie also könnte ein Lösungsansatz aussehen?

Sarrazin: Eine Lösung kommt kaum zustande, wenn das potentielle Opfer einer Totalvernichtung dem verhinderten Täter gegenübersitzt. Das macht die Situation jetzt so schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Fällt Herr Mehdorn als Verhandlungspartner für die GDL aus?

Sarrazin: Zu den beteiligten Personen will ich mich nicht äußern. Es steht mir nicht zu, den Beteiligten öffentliche Ratschläge zu erteilen.

SPIEGEL ONLINE: Einen konkreten Lösungsansatz wollen Sie aus dem gleichen Grunde nicht formulieren?

Sarrazin: Das ist von außen gar nicht möglich. Für den Bahnvorstand ist das Problem jedenfalls erheblich komplizierter als für die GDL. Denn im Falle einer Einigung mit den Lokführern fielen ja nicht nur die entsprechenden Kosten an. Mehdorn hätte auch Transnet-Vorstand Hansen verprellt, der wiederum seine Privatisierungsstrategie im Aufsichtsrat unterstützt. Der Preis ist wahrscheinlich am Ende sehr viel höher als die Lohnerhöhung für die Lokführer. Schell hat es dagegen leicht. Er will einfach bessere Konditionen für seine Leute. Und unter dem Strich kann man nach einer Einigung sehen, was er erreicht hat.

Das Interview führte Michael Kröger



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