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Banken Mehr als zwei

In Japan entsteht ein gigantischer Bankenkoloß, doch die deutschen Konkurrenten geben sich gelassen.
aus DER SPIEGEL 14/1995

Hilmar Kopper verfügt über jenen trockenen Humor, der auch unerfreulichen Nachrichten eine Pointe abgewinnt. Da schließen sich zwei japanische Kreditinstitute zur größten Bank der Welt zusammen, und der Deutsche-Bank-Chef witzelt sarkastisch: »Diese Fusion hat uns auf der Weltrangliste einen Platz nach oben befördert.«

Die Deutsche Bank ist mit Abstand Europas potentestes Geldhaus und hierzulande die einzige Adresse, die auf den Weltfinanzmärkten mitspielen kann. Doch gegen die neue japanische Megabank nimmt sich Koppers Institut bescheiden aus.

Die in der vergangenen Woche angekündigte Verschmelzung der Bank of Tokyo (BOT) mit der Mitsubishi Bank bringt einen Kreditkoloß von bislang ungekanntem Ausmaß hervor. Dessen Bilanzsumme ist mit umgerechnet rund 1,2 Billionen Mark doppelt so hoch wie die der Deutschen Bank (siehe Grafik). Zudem ergänzen sich die beiden Fusionspartner auf geradezu ideale Weise - »eine Traumhochzeit«, meinen Kenner der japanischen Bankenszene. Da könne eins und eins durchaus mal mehr als zwei ergeben.

Die Mitsubishi Bank ist das finanzielle Herz von Japans mächtigstem »keiretsu«, einem gigantischen Unternehmensgeflecht, dessen 29 Teile in nahezu allen Branchen der Wirtschaft tätig sind. Die Aktivitäten reichen von Öl und Immobilien über den Automobil- und Schiffbau bis hin zu Kameras (Nikon) und Bier. »Das ist eine ganze Volkswirtschaft für sich«, sagt Folker Streib, der neun Jahre die Commerzbank-Niederlassung in Japan leitete.

Die etwas kleinere Bank of Tokyo, Braut bei der Firmenhochzeit, gilt mit ihren 360 internationalen Filialen als die führende japanische Außenhandelsbank und einer der finanziellen Motoren der japanischen Exportoffensive in alle Welt.

Die traditionsreiche Nobelbank, deren Mitarbeiter vor dem Zweiten Weltkrieg mit Diplomatenpässen reisten, managt heute einen Großteil der staatlichen Devisenreserven und verteilt im Regierungsauftrag Entwicklungshilfegelder. Wahrhaft international ist die BOT auch beim Personal: Auf der Gehaltsliste stehen inzwischen mehr Amerikaner als Japaner.

»Das wird ein Monstrum«, sagt Commerzbanker Streib über die neue Superbank. »Und die Zielrichtung ist Globalisierung.« Stark ist die BOT heute vor allem in Südostasien und China, wo McDonald's zu ihren Kunden gehört. Die neue Großbank wird nach Ansicht von Branchenexperten für einen noch größeren japanischen Anteil an der Finanzierung des fernöstlichen Wirtschaftswunders sorgen.

Die Hauptzielgruppen der Tokyo Mitsubishi Bank werden dabei, zumindest vorerst, japanische Firmen bleiben. Am meisten zu fürchten haben den neuen Riesen daher nicht dessen internationale Konkurrenten, sondern die schwächeren japanischen Wettbewerber.

Die Tokioter Aktienbörse feierte den Zusammenschluß der beiden Giganten am Dienstag vergangener Woche mit einem Kurssprung um drei Prozent. Die Euphorie der Börsianer erklärt sich freilich auch daraus, daß gute Nachrichten über das heimische Bankwesen bislang sehr selten zu vernehmen waren.

So imposant die Kreditinstitute auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, in Wahrheit sind sie der schwächste Teil der japanischen Volkswirtschaft. Die Banken sitzen auf einem riesigen Berg fauler Kredite. Allzu leichtfertig hatten sie in den achtziger Jahren Spekulanten finanziert, die auf ein immerwährendes Ansteigen der Immobilienpreise gesetzt hatten.

Die Blase platzte vor vier Jahren, seitdem ist ein großer Teil der Forderungen in den Büchern der Banken nichts mehr wert. Nicht einmal geschenkt würde Commerzbank-Chef Martin Kohlhaussen die Aktiva der japanischen Konkurrenten haben wollen. Daß die neue Megabank seinem Institut bald Konkurrenz machen könnte, glaubt er nicht. »Die sind nach wie vor mit sich selbst beschäftigt.« Im Vergleich mit westlichen Banken leiden die japanischen Finanzriesen unter einer chronisch niedrigen Rentabilität. Gewaltigen Volumina stehen nur bescheidene Gewinne gegenüber. »Größe ist nicht entscheidend«, sagt auch Manfred Seyfried, Bankenexperte bei der internationalen Unternehmensberatung Arthur D. Little. Die US-Banken seien klein, aber schlagkräftig, der französische Credit Lyonnais dagegen riesig und ein Milliardengrab.

Die deutschen Geldmanager betrachten die neue japanische Konkurrenz deshalb ziemlich gelassen. Für die innenpolitische Debatte um die Macht der Banken kommt ihnen die Großfusion sogar gelegen.

In diesem Land meine man ja nach wie vor, sein Haus sei »groß und mächtig«, klagt der Chef der Deutschen Bank, und deshalb werde es ökonomisch sinnvolle Bankenfusionen hierzulande wohl nicht geben. Dabei kenne er weltweit keinen Industriestaat, in dem die größte Bank des Landes gemessen an ihrem Marktanteil »so klein ist wie wir«.

In ein paar Jahren, orakelt Kopper, könnten die deutschen Banken sogar zu klein sein, um heimische Unternehmen im Ausland zu begleiten. Dann gebe es bestimmt wieder eine Debatte - diesmal aber »über die Ohnmacht der Banken«. Y

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Die 20 größten Banken der Welt

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