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FINANZMÄRKTE Mehr Licht!

Milliardenschwere Hedgefonds bedrohen die Stabilität der Kapitalmärkte. Die G-7-Finanzminister beraten nun, wie die Risiken begrenzt werden könnten. Berlin liefert ein erstes Konzept.
aus DER SPIEGEL 6/2007

Die Villa Hügel in Essen ist ein Ort, an dem von jeher die Reichen und Mächtigen ein und aus gehen. Politik und Geschäft gehörten in der ausladenden Sandsteinvilla hoch über der Ruhr stets zusammen.

Am Samstag dieser Woche ist es wieder so weit. Dann ist die Weltfinanzpolitik zu Gast im Essener Süden. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat seine Amtskollegen aus den großen Industriestaaten, den sogenannten G-7-Staaten, eingeladen, um über die Stabilität der Finanzmärkte zu diskutieren.

Ganz oben auf der Tagesordnung steht die Frage, welche Gefahren für Welt und Wirtschaft durch die bislang weitgehend unkontrollierten Hedgefonds drohen - und wie diese Risiken gebannt werden können.

Niemals zuvor hat sich eine so hochkarätige Runde mit dem Thema beschäftigt. Bislang war die Branche eher ein Fall für Fachleute der Notenbanken, Finanzaufsichtsbehörden oder Universitäten.

Das soll sich nun ändern, wenn es nach Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) geht. Sie hat das Thema auf die Agenda der deutschen G-8-Präsidentschaft gesetzt. In Essen soll ihr Finanzminister ausloten, zu welchen Maßnahmen seine Kollegen aus den USA, Kanada, Italien, Frankreich, Großbritannien und Japan bereit sind. Auf sie wartet eine Vorlage mit dem sperrigen Titel »Herausforderungen durch die Hedgefonds-Industrie und damit verbundene Politikmaßnahmen«.

Als Erfolg muss schon gelten, dass sich Steinbrücks Amtskollegen aus den USA und Großbritannien, Henry Paulson und Gordon Brown, überhaupt auf das Thema einlassen. Bislang hielten sie stets ihre schützende Hand über die umstrittene Branche - auch wenn zumindest Paulson zuletzt selbst vor wachsenden Risiken warnte. Und er muss es wissen: Paulson war auch Boss der Investmentbank Goldman Sachs, bevor es ihn in die US-Politik zog.

Viele Hedgefonds haben ihren rechtlichen Sitz zwar in Steueroasen wie den Cayman-Inseln, ihr operatives Geschäft wickeln die meisten aber rund um New York oder in London ab. Von einer verschärften Aufsicht wollten Paulson und Brown deshalb bislang nichts wissen.

Das hat sich in den zurückliegenden Monaten geändert. Auch die Angelsachsen erkennen allmählich: Wenn ein größerer Fonds wirklich mal kollabieren sollte, könnte es zu einer Kettenreaktion auf den Weltfinanzmärkten kommen. Die Folgen für die Weltwirtschaft wären unkalkulierbar. »Die Sensibilität ist weltweit gestiegen«, sagt Steinbrück. Seine deutsche Initiative zielt darauf ab, das »systemische Risiko« der Hedgefonds-Branche zu begrenzen. Einige Male kam es schon zum Beinahe-GAU, etwa 1998, als der milliardenschwere Fonds LTCM nur durch die Intervention der amerikanischen Notenbank gerettet werden konnte.

Steinbrücks Fachleute mit Finanzstaatssekretär Thomas Mirow an der Spitze hatten einige Mühe, ihre Kollegen davon zu überzeugen, dass es der Berliner Regierung nicht darum ging, zur ideologischen Hatz auf »Heuschrecken« zu blasen oder eine florierende Industrie kaputtzuregulieren. Ihnen liege ausschließlich daran, so Steinbrücks Emissäre, für mehr Durchblick zu sorgen. Sie nennen es »Transparenz«. Sie fordern mehr Licht.

Daran fehlt es tatsächlich. Die staatlichen Finanzaufsichtsbehörden befinden sich, was die Hedgefonds-Industrie angeht, bislang in einer Art Dunkelkammer: Sie wissen nicht einmal, was sie nicht wissen.

Nur die Anzahl der weltweit tätigen Hedgefonds ist ihnen in etwa bekannt: ungefähr 9000. Aber wie viel Geld diese Konstrukte kommandieren, wie viel sie zusammengesammelt und sich anschließend darauf geliehen haben, weiß niemand genau.

Schätzungen taxieren die Größenordnung auf die unvorstellbare Summe von 1,3 Billionen Dollar (siehe Grafik). Auch haben die Kontrolleure keine Vorstellung davon, wo die verschwiegenen Manager das Geld anderer investiert haben und welche Risiken sie dabei eingegangen sind.

Diese Unkenntnis steht im krassen Widerspruch zu den Offenlegungspflichten, die staatliche Bankenaufsichtsbehörden herkömmlichen Kreditinstituten abverlangen. Die Beamten der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht etwa haben eine genaue Vorstellung davon, wie viel Geld jede kleine Sparkasse an Häuslebauer

verliehen hat. Doch was ein Finanzjongleur wie Peter Thiel, 39-jähriger Star der Hedgefonds-Szene, mit seinem milliardenschweren Fonds Clarion Capital anstellt, davon haben internationale Finanzaufseher keine Ahnung.

Der Grund: Hedgefonds sind letztlich nur Kapitalsammelstellen, denen reiche Anleger ihr Geld anvertrauen. Ein Vielfaches davon leihen sie sich bei Banken. Sie spekulieren mit hochkomplizierten Finanzkonstruktionen, sogenannten Derivaten, darauf, dass der Ölpreis fällt oder der Dollar steigt. Das verspricht hohe Renditen, bedeutet aber auch hohes Risiko.

Wenn alles gutgeht, erfüllen die Fonds eine wichtige volkswirtschaftliche Aufgabe. Zum Beispiel nehmen sie Banken Kreditrisiken ab. Brenzlig für Anleger und Weltwirtschaft wird es aber, wenn die Fonds einem Herdentrieb verfallen und ihre Mittel auf vermeintlich sichere Wetten konzentrieren.

Gerät ein großer Fonds in Schieflage oder straucheln gar mehrere, könnten auch Banken mitgerissen werden. Mehr noch: Die Finanzmarktkrise könnte auf die reale Wirtschaft überspringen, weil die Zinsen steigen. Als Folge blieben Investitionen aus, das Wachstums bräche ein, auch

Massenarbeitslosigkeit könnte sich breitmachen.

Aus Rücksicht auf das mächtige Gewerbe wagen Steinbrück und seine Kollegen bislang noch nicht, strenge Offenlegungspflichten einzuführen oder gar eine transnationale Aufsichtsbehörde zu errichten. Das aktuelle Konzept des Finanzministeriums schlägt eine Strategie vor, die über Bande spielt.

Danach sollen sich zunächst die geldgebenden Banken einen Überblick darüber verschaffen, wo die Fonds ihre Mittel anlegen. Über die staatliche Bankenaufsicht verspricht sich dann auch die Politik Einblick in die Risikostreuung der Hedgefonds. Vorsicht und Verzagtheit sprechen auch aus dem Rest der Vorlage. Die Fachleute setzen vor allem auf Einsicht und Freiwilligkeit. Ihr Papier hat weitgehend appellativen Charakter, es dominieren Wunschform und Konjunktiv.

So »sollten« die Fonds ihre Informationspolitik gegenüber Anlegern, Banken und Öffentlichkeit überdenken, heißt es dort. Oder: Die internationale Zusammenarbeit bei der Rechnungslegung »könnte zu einem freiwilligen Verhaltenskodex« der Fonds führen.

Eine weitere Möglichkeit für mehr Transparenz wird nur angedeutet: Die Hedgefonds könnten sich, um ihre Bonität offenzulegen, von Ratingagenturen durchleuchten und sich dann ein Gütesiegel verpassen lassen. Auch sollen sich die nationalen Regierungen überlegen, mit welchen Maßnahmen sie für mehr Offenheit sorgen können. So müssen sich in einigen Ländern Manager von Hedgefonds registrieren lassen. Die größten Gaukler des Gewerbes bleiben so außen vor.

Wie stets, wenn Politiker nicht so recht weiterwissen, schlägt nun erst einmal die Stunde der Experten. Die Finanzministerrunde will dem »Financial Stability Forum«, einer Arbeitsgruppe der Finanzministerien, Bankenaufsichten und Zentralbanken der großen Industriestaaten sowie einiger weiterer Länder, einen Arbeitsauftrag für weitere Prüfungen erteilen.

Steinbrück und seine Kanzlerin ahnen, dass sie während der deutschen Präsidentschaft den Prozess allenfalls anstoßen können. Immerhin: Auf dem für Anfang Juni im Ostseebad Heiligendamm geplanten Weltwirtschaftsgipfel sollen die Staats- und Regierungschefs eine gemeinsame Erklärung zu dem Thema abgeben.

Ein schmissiges Kommuniqué garantiert den Erfolg aber längst nicht. Diskussionen über Weltrettungspläne erstrecken sich im G-8-Rahmen oft über Jahre. Und der Ausgang der Debatten ist stets offen.

Ein ranghoher Mitarbeiter der Kanzlerin übt sich denn auch in vorauseilendem Pessimismus: »Wenn unsere Initiative während der nächsten G-8-Präsidentschaften weiter verfolgt wird, haben wir schon viel erreicht.« CHRISTIAN REIERMANN

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