Mehr Reserven als Saudi-Arabien Venezuela steigt zum Ölland Nummer eins auf

Saudische Scheichs verfügen über die größten Erdölvorräte, dies galt lange Zeit als Gewissheit. Doch kein Land besitzt mehr von dem Rohstoff als Venezuela, besagt ein neuer Opec-Bericht: Innerhalb eines Jahres stiegen die Ölreserven des Landes um mehr als 40 Prozent - zumindest auf dem Papier.
Ölförderung in Venezuela: Die größten Reserven der Welt

Ölförderung in Venezuela: Die größten Reserven der Welt

Foto: Rachel Jones/ AP

Caracas - Der steigende Ölpreis ist eine der großen Sorgen der Weltwirtschaft. Die Nachfrage nach Erdöl steigt stetig - und das Angebot wird immer knapper. Da erscheinen aktuelle Zahlen der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) als überraschender Lichtblick: Venezuela hat Saudi-Arabien an der Spitze der Ölländer abgelöst und ist nun der Staat mit den größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt. Die verzeichneten Vorkommen in dem südamerikanischen Land stiegen im Vergleich zum Vorjahr gar um mehr als 40 Prozent.

Insgesamt verfügt Venezuela laut dem Opec-Länderprofil für das Jahr 2010 über 296,5 Milliarden Barrel an Reserven, der bisherige Spitzenreiter Saudi-Arabien kann auf 264,5 Milliarden Barrel zurückgreifen. Noch im Jahr 2009 gab die Opec die Vorräte Venezuelas mit nur 211,17 Milliarden Barrel an. Zum Vergleich: Zurzeit verbraucht die Welt jeden Tag 91 Millionen Barrel , im Jahr 2030 erwarten Experten einen Anstieg auf mehr als 100 Millionen Barrel pro Tag.

Doch was auf den ersten Blick wie eine Linderung der Sorgen um das knappe Öl anmutet, ist nur ein weiterer Ausdruck der Misere. Denn in Venezuela wurden im vergangenen Jahr nicht etwa neue große Ölfelder entdeckt. Stattdessen beruht der Sprung an die Spitze der Förderländer auf einer Änderung in der Statistik: Die Opec rechnet nun auch solche Ölvorkommen hinzu, die nur schwer und mit hohem technischen - und vor allem finanziellen - Aufwand gefördert werden können.

Die Opec gibt mit diesem Schritt somit auch eine deutliche Prognose für den Ölpreis ab: Er wird demnach weiter steigen - so weit, dass es sich lohnen wird, auch die kompliziert und teuer zu fördernden Schwerölvorräte Venezuelas auf den Markt zu bringen.

Saudi-Arabien bleibt mächtigster Öllieferant

Analysten teilten dazu passend mit, Venezuelas Reserven hätten sich erhöht, da nun ein größerer Anteil der Schwerölvorkommen des Landes in die Berechnung einbezogen worden sei. Sie gaben jedoch zu bedenken, dass die Förderung und Verarbeitung von Schweröl aufwendiger und kostspieliger als bei herkömmlichem Rohöl sei.

Mit anderen Worten: Der Ölpreis wird auf lange Sicht so hoch sein, dass es sich lohnt, auch Fördergebiete auszubeuten, die bislang als nicht wirtschaftlich galten - wie eben die Schwerölvorkommen Venezuelas. Theoretisch ruht nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) neunmal so viel Öl unter der Erde, wie die Menschen bislang insgesamt verbraucht haben - allerdings zum größten Teil in Form von schwer erschließbaren Ölsanden und -teeren. BP-Chefökonom Christof Rühl sagte vor kurzem in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE zur Frage, wie lange die Ölvorräte noch reichen: " Es ist letztlich nur eine Frage des Preises - des Geldpreises und der Umweltkosten."

Daher ist es unwahrscheinlich, dass der rechnerische Sprung Venezuelas an die Spitze der Ölstaaten einen Einfluss auf die Märkte oder die Machtstrukturen in der Opec haben wird. "Ich glaube nicht, dass sich die grundsätzlichen Kräfteverhältnisse in der Opec verändern", sagte Energieanalyst Jason Schenker. In der Zukunft würden Venezuelas Reserven zwar eine wichtige Rolle für die globale Erdölversorgung spielen, derzeit seien die Kosten für Förderung und Verarbeitung des Schweröls jedoch noch zu hoch. "Die Saudi-Araber haben derzeit die Macht, weil sie in der Lage sind, ihre Förderkapazitäten sofort zu erhöhen", sagte Schenker.

fdi/dapd
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