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Presse Meinen es ernst

Bekommt Bild Konkurrenz? Der Mediengewaltige Rupert Murdoch und der deutsche Verleger Hubert Burda planen die Herausgabe eines Boulevard-Blatts.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Über sein Verhältnis zum mächtigsten Medienunternehmer der Welt plaudert Hubert Burda ganz gern. Für Rupert Murdoch, so der Münchner Verleger, empfinde er »allergrößte Bewunderung«, und er sei »stolz darauf, diesen Mann meinen Freund nennen zu dürfen«.

Allzu viele Freunde hat Murdoch offenbar nicht. Wann immer der gebürtige Australier, der jetzt US-Amerikaner ist, Schlagzeilen macht, entstehen Schreckensgemälde. »Dschingis Khan der Medien« oder »Verkörperung der Macht des Bösen« nennen Kritiker von Konkurrenzblättern ihn.

Aggressiv wie kein anderer in der internationalen Medienbranche, kaufte sich Murdoch mit seiner Holding News Corporation seit Mitte der achtziger Jahre ein gewaltiges Konglomerat aus Fernsehsendern, Buchverlagen und Pressehäusern zusammen.

In der Heimat Australien beherrscht der Medienmogul 60 Prozent des Zeitungsmarkts. In den USA gehören ihm unter anderem sieben Fernsehstationen, die Filmfirma 20th Century Fox sowie der Großverlag Triangle. In Großbritannien besitzt er die altehrwürdige Times, das Skandalblatt Sun und den Kommerzkanal Sky Television.

Jetzt macht sich Murdoch auf den Weg nach Deutschland. Freund Hubert steht ihm hilfreich zur Seite.

Gemeinsam planen die beiden Verleger den Start eines großen Massenblattes, das Springers Bild zunächst in der DDR, später dann im einig Vaterland Konkurrenz machen soll. »In Deutschland«, sagt ein Murdoch-Vertrauter, »ist Platz für eine zweite national verbreitete Boulevardzeitung.«

Die Gelegenheit scheint günstig für Macher von Blättern dieser Art, vor allem in der DDR. Im Neu-Land westdeutscher Medien verkauft Bild inzwischen jeden Tag 1,1 Millionen Exemplare, die Gesamtauflage des Springer-Blatts stieg auf 5,5 Millionen.

Die kleinere Konkurrenz meldet ebenfalls größeren Zuwachs. Mitte Juni brachte der Pressekonzern Gruner + Jahr in Dresden und in Mecklenburg Ableger seiner Hamburger Morgenpost auf den Markt. Auch der Kölner Express versucht in der Rest-Republik Raum zu gewinnen. Mit eigenen Ausgaben in Halle und Leipzig sollen dort Bild Leser abgejagt werden.

Doch flächendeckend von Rügen bis ins Erzgebirge gegen die mächtige Springer-Zeitung anzutreten, davor schreckt die Konkurrenz bislang zurück.

Burda hat - an der Seite seines Freundes Murdoch - solche Hemmungen nicht. Die Münchner sehen das Projekt Gegen-Bild als Chance, endlich auch in den einträglichen Markt der Tageszeitungen einzusteigen.

Vor allem Burdas Top-Manager Günter Prinz, 61, würde nur zu gern noch einmal gegen Bild antreten. Prinz war selbst einmal, von 1971 bis 1981, Bild-Chefredakteur. Sechs Jahre später, inzwischen stellvertretender Springer-Vorstand, unterlag er im Kampf um die Macht im Konzern gegen Chef Peter Tamm und mußte gehen. Die Niederlage schmerzt noch heute.

Prinz, so fürchten Springer-Manager, könnte Bild gefährlich werden, weil er das Boulevard-Zeitungshandwerk wie wenige andere beherrscht. Überdies kennt er sich unter den 700 Bild-Machern aus; er könnte versuchen, gute Leute aus dem Springer-Blatt herauszukaufen.

Mit Willi Schmitt, 46, steht ein weiterer ehemaliger Springer-Spitzenmann in Burdas Diensten. Der Blattmacher war mehrere Jahre stellvertretender Bild-Chef und Chefredakteur bei Bild am Sonntag, ehe er im vergangenen Jahr im Groll nach München wechselte.

Schmitt übt bereits in der Ost-Republik. Im September kommt unter seiner Regie eine eigens für DDR-Menschen konzipierte Billig-Illustrierte auf den Markt. Startauflage: eine Million. Ein Name allerdings fehlt noch. Titel wie Blitz oder Top, D oder Plus wurden als untauglich verworfen.

Verglichen mit dem Zeitungsprojekt, ist Schmitts Illustrierte kaum mehr als ein harmloses Vorspiel. Auf 200 bis 400 Millionen Mark werden die Anlaufkosten des Boulevard-Blatts geschätzt. Das würde, wenn es denn soweit käme, die teuerste Zeitungseinführung in der europäischen Pressegeschichte.

Allein könnte Burda einen solchen Angriff auf das Springer-Flaggschiff gar nicht schaffen. Der nach Gruner + Jahr, Springer und Bauer mit einigem Abstand viertgrößte deutsche Pressekonzern setzte im vergangenen Jahr mit seinen Druckereien und mit Blättern wie Bunte oder Freizeit Revue zwar erstmals mehr als eine Milliarde Mark um. Doch mit einem Jahresüberschuß von rund 21 Millionen lassen sich kaum solch gewagte Investitionen finanzieren.

Der geldgewaltige Murdoch hätte, trotz einiger Rückschläge vor allem im Fernsehgeschäft, mit der Finanzierung der Zeitung keine großen Schwierigkeiten. Und er hätte ein Motiv für den Einstieg in die DDR-Presse.

Murdoch ärgert es, daß sein britischer Rivale Robert Maxwell, 67, schon vor ihm in Ost-Berlin fündig geworden ist: Gemeinsam mit Gruner + Jahr will Maxwell den ehemaligen SED-Pressekonzern Berliner Verlag übernehmen.

Deshalb drängt Murdoch zur Eile. Ein »Letter of Intent«, eine schriftliche Absichtserklärung für die Herausgabe der Gemeinschaftszeitung, wurde von Murdoch und Burda vor kurzem unterzeichnet. Vergangenen Donnerstag trafen sich die beiden in München zu einer weiteren Gesprächsrunde. Auch Blattmacher Prinz wurde hinzugezogen.

»Die meinen es wirklich ernst«, sagt ein Burda-Vertrauter. »Das gibt einen Zeitungskrieg, wie ihn Deutschland noch nicht erlebt hat.«

Bereits sicher scheint der Bau einer gemeinsamen Großdruckerei in Vogelsdorf bei Berlin. Das soll ganz schnell geschehen. Möglichst noch in diesem Jahr sollen die Rotationen auf dem Betriebsgelände eines vor der Pleite stehenden DDR-Betonwerks aufgestellt werden. Eile tut not. Allmählich gewöhnen sich die DDR-Bürger an Springers flächendeckende Bild.

»Der Faktor Zeit spielt eine entscheidende Rolle«, sagt ein Burda-Manager, »je länger wir warten, desto schwerer wird es.«

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