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Konzerne Meist betulich

So etwas hat es noch nie gegeben: Bei Philips wurde der Chef gefeuert, weil er eine abwegige Gewinnprognose gemacht hatte.
aus DER SPIEGEL 21/1990

Im 99 Jahre alten Philips-Konzern schien alles auf bestem Wege für die große Jubiläumsfeier im Sommer 1991.

Das vergangene Geschäftsjahr sei »gut« gewesen, verkündete Konzernchef Cornelis van der Klugt auf der Hauptversammlung des niederländischen Elektro- und Elektronik-Multis im April. Nach einer Gewinnsteigerung von 30 Prozent im Jahr 1989 werde das laufende Jahr noch besser ausfallen.

Das war eine Voraussage, die sich für den Philips-Präsidenten schon bald als fatal erwies: Sie brachte dem 65jährigen kurz vor der Pensionierung einen blamablen Abgang aus seinem Konzernamt ein. Am Montag vergangener Woche gab Philips-Aufsichtsratsvorsitzender Wisse Dekker bekannt, daß van der Klugt bereits Ende Juni - ein Jahr früher als geplant - zurücktrete.

Dekker gab sich keinerlei Mühe, das vorzeitige Ausscheiden des Philips-Chefs mit gesundheitlichen oder anderen persönlichen Gründen zu vertuschen. Dem Unternehmen sei unter van der Klugt »das Schlimmste passiert, das einer Firma zustoßen« könne: Philips habe durch zu optimistische Vorhersagen das Vertrauen der Anleger verloren.

Gut drei Wochen lang durften die 300 000 Philips-Aktionäre nach dem Auftritt van der Klugts in der Hauptversammlung auf höhere Dividenden und steigende Kurse hoffen. Doch dann kam es ganz anders. Anfang Mai meldete Philips einen scharfen Gewinneinbruch für das erste Quartal dieses Jahres.

Der Gewinn aus normaler Geschäftstätigkeit sei auf 6 Millionen Gulden (5,3 Millionen Mark) abgesackt, mußte der Philips-Vorstand eingestehen. Im ersten Quartal 1989 hatte dieser Gewinn noch 223 Millionen Gulden betragen.

Um nicht als Manipulateure dazustehen, übernahmen die Philips-Manager nach dem Quartalsdebakel die Rolle von Trotteln, die nicht wissen, was in ihrem eigenen Laden vor sich geht. »Auch wir waren überrascht, als wir diese Zahlen erstmals sahen«, entschuldigte Philips-Manager Henk Appelo den krassen Gegensatz zwischen optimistischer Prognose und trister Realität bei Philips.

Unerwartet hohe Zinsen, ungünstige Wechselkurse und eine allgemein schwierige Lage auf den Computermärkten hätten das Unternehmen zurückgeworfen, führte Appelo bei der Präsentation der Zahlen aus. Die Erklärungen befriedigten nicht. Es blieb die Frage, ob Philips ein unfähiges Rechnungswesen besitzt oder ob die Firma die Anleger bewußt in die Irre führte.

Der niederländische Wertpapier-Spezialist Pieter Lakeman äußerte sogar öffentlich den Verdacht, Philips-Manager hätten noch schnell vor Bekanntgabe des katastrophalen Quartalsergebnisses eigene Aktien losgeschlagen, bevor deren Kurs dann wie ein Fernseher implodierte. Auf Antrag von Philips selbst wird die Amsterdamer Börsenaufsicht untersuchen, ob es tatsächlich verbotenen Insider-Handel gegeben hat.

Trotz dieser Anschuldigungen wäre Philips-Chef van der Klugt wohl kaum gestürzt, hätte der seit 1986 amtierende Konzernlenker nicht schon in den vergangenen Jahren die Zukunft seines Unternehmens stets zu rosig dargestellt. Ständig prophezeite er, daß bei Philips bald alles besser werde.

Doch die Umsätze (1989: 57,2 Milliarden Gulden) stiegen kaum, und die Gewinne (1989: 1,37 Milliarden Gulden) blieben bescheiden. Mit einer Umsatzrendite von nur 2,4 Prozent liegt der niederländische Koloß klar hinter Konkurrenten wie General Electric (USA), Matsushita (Japan) oder Siemens.

Im Jahr 1987 hatte van der Klugt ein für Philips geradezu revolutionäres Reformprogramm präsentiert, mit dem er den träge gewordenen Traditionskonzern »schlanker und schlagkräftiger« zu machen gedachte. Er mühte sich, das Sortiment zu bereinigen, die Fabrikation möglichst in Niedriglohnländern zu konzentrieren und der Zentrale in Eindhoven mehr Kontrolle über die vielen nationalen Töchter zu verschaffen.

Aber der Philips-Chef unterschätzte die Schwierigkeiten einer solchen Umstellung. In einem Unternehmen, in dem sich die meisten Angestellten wie Beamte fühlen - mit dem Anspruch auf lebenslange Beschäftigung, hohe Pension und pünktlichen Feierabend -, stieß van der Klugt fast überall auf hinhaltenden Widerstand.

So schloß oder verkaufte Philips in den vergangenen drei Jahren zwar 75 Fabriken und reduzierte seine Belegschaft um 38 000 Beschäftigte. Aber mit über 300 000 Arbeitern und Angestellten in 346 Betriebsstätten, die auf 50 Länder verstreut sind, fabriziert der Konzern noch immer mit zu vielen Arbeitskräften zu viele Produkte in zu vielen Staaten.

Besonders schwer tat sich Reformer van der Klugt mit dem Plan, den lockeren Verbund nationaler Philips-Unternehmen in eine straff geführte, zentral gesteuerte Gruppe umzuformen. Das sei so schwierig wie der Versuch, »aus Moslems Christen zu machen«, stöhnte der Philips-Missionar kürzlich.

Die Missionsarbeit im Hause Philips soll nun van der Klugts Nachfolger Jan Timmer, 57, beschleunigen. Der altgediente Philips-Mann gilt als der härteste, erfolgreichste Sanierer im sonst meist betulichen Management.

Timmer wird sich vor allem um das Geschäft mit Chips und Computern kümmern müssen. In diesen beiden Konzernbereichen, in denen Philips viel zu spät und zu zaghaft aktiv wurde, sind die Verluste so hoch, daß sie die Gewinne aus den zwei profitablen Sektoren - Licht und Unterhaltungselektronik - weitgehend aufzehren.

Die schweren Prognose-Pannen van der Klugts will Timmer vermeiden. »Ich will versuchen, keine so schwungvollen Voraussagen zu machen«, hat er sich vorgenommen, »weil ich hinterher nicht dauernd erklären mag, warum sie nicht eingetroffen sind.« f

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