Mercedes-Sanierung Der Stellenabbau ist erst der Anfang

DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche ließ den Mercedes-Mitarbeitern wenig Zeit, die Nachricht zu verdauen. Den Abbau der 8500 Stellen bei Mercedes bezeichnete er nur als den Anfang eines sehr langen und harten Weges.


Stuttgart - An diesem Donnerstag sollen die Mitarbeiter in den deutschen Mercedes-Werken auf Betriebsversammlungen über die Pläne informiert werden. Wie sich die geplanten Stellenstreichungen auf die einzelnen Werke verteilt, sei noch ungewiss, erklärte DaimlerChrysler-Personalvorstand Günther Fleig. Wegen der Größe des Programms sei aber bereits klar, dass vor allem die Werke in Sindelfingen und Bremen betroffen seien.

Mercedes-Stern auf der Zentrale in Untertürkheim: Offener Brief an die Mitarbeiter
AP

Mercedes-Stern auf der Zentrale in Untertürkheim: Offener Brief an die Mitarbeiter

In einem Brief an alle rund 93.000 Mitarbeiter der Mercedes Car Group in Deutschland versuchte Zetsche, die Mitarbeiter für seinen Plan zu gewinnen: "Unsere Kosten liegen in allen Teilen der Wertschöpfungskette deutlich über denen der besten Wettbewerber". Angesichts der aktuellen Markt- und Wettbewerbssituation seien die Kapazitäten deutlich zu hoch.

Deshalb seien mit dem Betriebsrat in den vergangenen Wochen intensive Gespräche geführt worden, wie der Abbau sozialverträglich gestaltete werden könne, so Zetsche weiter. "In einem ersten Schritt" sei bei dem Stellenabbau "die Freiwilligkeit" vorgesehen. Er versicherte, dass dieser Schritt nicht getan würde, wenn er nicht unbedingt erforderlich wäre.

Abfindungsprogramm kostet 950 Millionen Euro

Den Beschluss zur Stellenstreichung hatte der Vorstand gestern Abend auf seiner Tagung in Detroit gefasst. Wegen des im Juli des vorigen Jahres geschlossenen Beschäftigungspakts sind betriebsbedingte Kündigungen für die DaimlerChrysler-Mitarbeiter bis 2012 jedoch ausgeschlossen.

Fleig will den betroffenen Beschäftigten deshalb den Ausstieg über attraktive Abfindungs-Angebote versüßen. Eine Beschäftigungsagentur solle außerdem bei der Suche nach einem neuen Job beraten, kündigte Fleig an. Neben den Werksbeschäftigten richte sich das Abfindungsprogramm auch an die Mitarbeiter des Mercedes-Vertriebs. Die durchschnittliche Höhe der erwarteten Abfindungssumme sei noch offen, sie hänge von der Annahmequote ab.

Durch die Entscheidung des DaimlerChrysler-Vorstands werden nach Angaben des Unternehmens Belastungen von 950 Millionen Euro entstehen. In die Sanierung von smart und Mercedes fließen in diesem Jahr mehr als zwei Milliarden Euro.

Kritik von Arbeitnehmervertretern

Im ersten Halbjahr 2005 waren es bereits 1,1 Milliarden Euro. Um die Restrukturierungskosten zu finanzieren, will DaimlerChrysler auch bereits im Vorjahr für die Beschäftigungssicherung gebildete Rücklagen mit einbeziehen. Darüber hinaus sollen außerordentliche Erträge sowie ein verbessertes Operativgeschäft für Ausgleich sorgen.

Die Gewinnprognose für 2005 bleibe deshalb bestehen. DaimlerChrysler erwarte weiterhin für das Gesamtjahr ohne die Belastungen aus der Sanierung der Kleinstwagenmarke smart einen leichten Anstieg des operativen Gewinns, der im Vorjahr bei 5,8 Milliarden Euro lag.

Aktien legten zu

S-Klasse-Montage: Sindelfingen wird mit am stärksten betroffen sein
DPA

S-Klasse-Montage: Sindelfingen wird mit am stärksten betroffen sein

Die Arbeitnehmervertreter sind mit dem Kurs der Konzernführung allerdings nicht einverstanden. Der Chef des Gesamtbetriebsrats, Erich Klemm, der auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der DaimlerChrysler AG ist, erklärte, das Unternehmen weise derzeit Personalüberhänge im Bereich Mercedes aus, die zum Teil auf Annahmen bezüglich künftiger Rationalisierungsfortschritte beruhen. Es sei also vom Vorstand beabsichtigt, zuerst Personal abzubauen und dann erst im Nachgang Maßnahmen zu suchen, die diesen Abbau rechtfertigen. "Ein solches Vorgehen halten wir für höchst problematisch." Klemm wies noch einmal darauf hin, der Personalabbau dürfe ausschließlich durch sozial verträgliche Maßnahmen vorgenommen werden.

Die Mercedes-Pkw-Gruppe ist die größte Baustelle des designierten DaimlerChrysler-Chefs Zetsche. Neben hohen Verlusten bei Smart war die Mercedes Car Group zuletzt auch durch die hohen Kosten für die Beseitigung von Qualitätsmängeln bei Mercedes-Benz in die Verlustzone gerutscht und hatte im zweiten Quartal gerade wieder die Gewinnschwelle erreicht. Nach der Ankündigung, Stellen abzubauen, legte die DaimlerChrysler-Aktie gestern an der Frankfurter Börse um 3,92 Prozent auf 45,65 Euro zu. Das war der höchste Kurs seit mehr als drei Jahren.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.