Merkel-Pläne Volksaktie, zweiter Anlauf

Mitarbeiteraktien mit Rabatt sind ein Schlüssel für die so dringend nötige private Vorsorge. Das sieht auch Kanzlerin Merkel so. Wie genau ihre Initiative für "Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand" aussehen wird, darum aber wird noch gerungen.

Von Christian Buchholz


Hamburg - Wann Nordrhein-Westfalens Sozialminister Karl-Josef Laumann bundesweit seine nächsten großen Auftritte vor den Fernsehkameras haben wird, ist heute schon abgemacht: Im Sommer, so hat es ihm Angela Merkel aufgetragen, soll Laumann die Ergebnisse der CDU-Kommission "Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand" vorstellen. Das sind sperrige Worte, doch wenn dahinter ein sinniges Konzept entsteht, könnte der Effekt für die Angestellten ein lang ersehnter sein: Mehr Geld auf dem Konto.

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Wie das funktionieren könnte, hat Frankreichs damaliger Finanzminister Nicolas Sarkozy vor zwei Jahren vorgeführt: Nachdem er steuerliche Einschränkungen bei Mitarbeiterbeteiligungen abgeschafft hatte, nahm die arbeitende Bevölkerung das Angebot begeistert an und investierte in Aktien oder Genussscheine des eigenen Unternehmens.

Das ist vor allem deswegen verlockend, weil die Arbeitgeber den Beschäftigten dabei Sonderrabatte einräumen - Abschläge von bis zu 50 Prozent auf den Aktienkurs. Heute kann jeder Franzose bis zu 12.000 Euro jährlich steuerfrei in Aktien investieren. "Bei solchen Summen bleiben Effekte auf die Konjunkturentwicklung nicht aus", sagt Heinrich Beyer von der Arbeitsgemeinschaft Partnerschaft in der Wirtschaft (AGP).

Vorsprung für Frankreich

Weil das Beteiligungskonzept Wirtschaft und Regierung in Paris so viel Freude macht, soll es demnächst noch ausgeweitet werden. Neben dem Konjunkturimpuls setzen die Verantwortlichen dabei auch auf den Vorteil, dass Unternehmen, die stattliche Anteilspakete in Händen ihrer Mitarbeiter wissen, feindliche Übernahmen weniger fürchten müssen als andere. Premierminister Dominique de Villepin kündigte - mitten im Trubel um die umstrittene Arbeitsmarktreform - an, dass französische Unternehmen künftig jedem Beschäftigten jährlich Aktienpakte im Wert von 2000 Euro zu Vorzugspreisen anbieten können.

Ein Wert, von dem in Deutschland bisher nur geträumt wird: Lediglich ein homöopathisch kleines Aktienhäuflein über 135 Euro dürfen deutsche Arbeitgeber ihren Mitarbeitern pro Jahr steuerfrei anbieten. In einer exklusiv von manager-magazin.de durchgeführten Umfrage bei den 30 Dax-Konzernenwar diese Beschränkung der am häufigsten kritisierte Punkt: Viele Konzerne würden den Mitarbeitern gern größere Aktienpakete anbieten, dann aber würde die Steuer den geldwerten Vorteil bei den Beschäftigten auffressen.

Raus aus der Lohnklemme

Bundeskanzlerin Angela Merkel will die Bremse lösen: "Ich halte es für sehr wichtig, die Arbeitnehmer in Zeiten deutlicher Gewinnzuwächse am Erfolg der Unternehmen zu beteiligen", sagte Merkel im Interview mit dem "Stern". Schließlich entwickelten sich die Einkommen aus Kapitalbeteiligungen seit Jahren besser als die Löhne. Nun müsse noch geregelt werden, wie die Mitarbeiter vor Verlusten geschützt werden können. Denn dass auch rabattierte Aktien nicht vor dem Absinken in die Verlustzone geschützt sind, ist traurige Erkenntnis vieler "Family & Friends"-Programme, die während des Börsenhypes begehrt waren.

"Mitarbeiterbeteiligungsprogramme können gegen Insolvenz und Kursverluste abgesichert werden. Das kostet zwar Gebühren, minimiert aber das Investmentrisiko für die Beschäftigten", sagt AGP-Experte Heinrich Beyer, der bereits mehrere hundert Unternehmen in Deutschland beim Aufbau ihrer Beteiligungsprogramme beraten hat. Für ihn sind sie das Mittel der Wahl, "um durch private Vermögensbildung die Abhängigkeit von den alten Renten- und Arbeitsmarktsystemen zu lösen". Auf die 50 Jahre alten Schutzprogramme sei heute kein Verlass mehr.

Das ist bei vielen Nachbarn in der EU nicht anders. Dort wurde das Beteiligungskonzept allerdings früher und konsequenter gefördert. Das Ergebnis: Während in Deutschland nur etwa jeder zehnte Arbeitnehmer Anteile an "seinem" Konzern hält, sind es in Frankreich fast die Hälfte (43 Prozent) und in Großbritannien ein Viertel aller abhängig Beschäftigten.

Von Heuschrecken lernen

Die Gretchenfrage für die Unternehmen ist dabei, ob sich die Investition in die Mitarbeiter auch durch höhere Motivation, geringere Fluktuation und bessere Produktionsergebnisse auszahlt. Ausgerechnet die derzeit viel gescholtenen Private-Equity-Investoren geben darauf eine deutliche Antwort: In den vergangenen Jahren ist es für die kühl kalkulierenden Finanzinvestoren weltweit zum Standard geworden, bei der Übernahme eines Unternehmens die Mitarbeiter mit Anteilen zu versorgen.

"Vor nicht all zu langer Zeit wurden bei solchen Übernahmen lediglich Manager und Führungskräfte mit Anteilspaketen versorgt. Heute wird auch dem Meister an der Werkbank die Chance zum Einstieg geboten", berichtet Beteiligungsexperte Beyer. Die weithin gefürchteten Heuschrecken bieten den Beschäftigten dabei nicht etwa symbolische Sümmchen an, sondern bringen laut Beyer im Schnitt fünf Prozent der Konzernpapiere bei den Mitarbeitern unter.

Schub für die Binnenkonjunktur

Schon in den fünfziger Jahren gefiel dem damaligen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard das Modell von "einer Gesellschaft von Teilhabern" - heute scheint die Zeit reif für die Umsetzung. "Die beiden auch in den nächsten Jahren wirksamen Trends, dass Unternehmen mehr Eigenkapital wollen (und brauchen) und andererseits viele Firmenchefs selbst 'Herr im Haus' bleiben wollen, haben zu neuen Finanzierungsideen geführt [...], von denen eine die Mitarbeiterbeteiligung ist", heißt es beispielsweise im aktuellen "Fuchs-Report".

Vorzugsaktien, Genussscheine oder auch Anleihen, mit denen die Belegschaft am Konzerngewinn beteiligt werden kann, sind nicht stimmberechtigt. Das Mitspracherecht der Arbeitnehmer ändert sich durch das Verteilen von Anteilen also nicht. Der Effekt für den Einzelnen ist also ein rein monetärer - aber nicht zu verachten.

Wie reagiert ein Arbeitnehmer, wenn die Rendite seiner Beteiligung das private Vermögen voranbringt? Vielleicht gönnt er sich eine Reise, ein Auto oder neue Möbel, die er sich in den Vorjahren aufgrund seines eingefrorenen Gehalts nicht leisten konnte. Das nützt der Binnenkonjunktur - und lässt den Dax nicht unberührt.



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