Merkel und die Bosse Kanzlerin ohne Macher-Bonus

Die meisten Konzernchefs in Deutschland bedauern nicht, dass der angebliche "Genosse der Bosse" Gerhard Schröder nicht mehr lange Kanzler bleiben wird. Seine Nachfolgerin Angela Merkel aber stößt noch auf große Skepsis.


Berlin - Allein Martin Wansleben wagte sich vor. Der DIHK-Hauptgeschäftsführer war am Dienstag der einzige Spitzenvertreter der Wirtschaftsverbände, der sich zu der Aussage durchrang, eine Regierungschefin Merkel könne gut sein für Deutschland. Kollegen von anderen Verbänden schwiegen. Den Macher-Bonus, den Gerhard Schröder trotz aller inhaltlicher Differenzen bei der Wirtschaft besaß, muss sich Merkel erst noch erarbeiten.

Zeitungen mit Merkel-Titeln: "Wirtschaft miss sich noch daran gewöhnen"
DPA

Zeitungen mit Merkel-Titeln: "Wirtschaft miss sich noch daran gewöhnen"

Auch Devisenhändler zweifeln offenbar an der Führungsstärke der CDU-Chefin: Der Euro ist seit Montag von einem "Merkel-Malus" befallen und verliert gegenüber dem Dollar an Wert.

"Die Wirtschaft muss sich noch daran gewöhnen, dass nun eine Frau am Ruder ist", sagt die Mitarbeiterin eines deutschen Unternehmensverbandes, die Merkel gut kennt. Viele Bosse müssten die künftige Kanzlerin erst einmal aus der Nähe betrachten, glaubt auch Stefan Homburg, Professor für öffentliche Finanzen an der Universität Hannover und Politik-Berater. Gerade bei älteren Managern, die Frauen in Führungspositionen oft nur aus US-Wirtschaftsmagazinen kennen, könne sich dann ein "Aha-Effekt" einstellen, glaubt er.

Eine erste Chance gab es bei einem Kennenlern-Treffen zwischen Merkel und Wirtschaftsbossen Ende August am Rande eines Aachener Reitturniers. Hinter verschlossenen Türen konnten Spitzenmanager von E.on, ThyssenKrupp und anderen Konzernen mit Merkel über ihr Wirtschaftsprogramm sprechen. Jürgen Thumann, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, lobte anschließend die "breite Übereinstimmung".

"Gedanklich freier"

Trotz aller Brutto-Netto-Versprecher im Wahlkampf und ungeachtet des Kirchhof-Debakels im Wahlkampf bescheinigt Finanzprofessor Homburg der künftigen Kanzlerin eine "hohe Wirtschaftskompetenz". Zudem sei sie "gedanklich freier und innovativer" als viele andere, da sie dank ihrer Ost-Prägung das westdeutsche System nicht so verinnerlicht habe.

Merkel, die Reformkanzlerin: Das ist es, was die Wirtschaft von ihr erwartet. Mit der Kabinettsbesetzung, die sich nun abzeichnet, dürften allerdings viele Reformansätze, auf die gerade die Wirtschaft hoffte, auf der Strecke bleiben. "Keine Steuerreform, keine Gesundheitsprämie, keine Lockerung am Arbeitsmarkt", fasst Homburg zusammen. "Deshalb reagiert die Wirtschaft im Moment skeptisch."

Keine einzige Deutsche in Dax-Vorständen

Nicht nur die "Emma"-Herausgeberin Alice Schwarzer hofft derweil, dass Merkel als Vorbild für Frauen wirken könnte, die in Führungspositionen streben. Bisher finden sich in den Vorstandsetagen der Dax-Unternehmen mit der Hypovereinsbank-Managerin Christine Licci und der Schering-Führungskraft Karin Dorrepaal gerade mal zwei Frauen - darunter keine aus Deutschland, denn Licci ist Italienerin, Dorrepaal stammt aus den Niederlanden.

Wer auf das ganze Land blickt, findet immerhin 33 Prozent Frauen in Führungspositionen - "umfassende Führungsaufgaben" nehmen laut den Statistikern allerdings nur 20 Prozent davon wahr. Nun ist es bald eine mehr.

Stephanie Lob, AFP



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