Metall-Diebstahl im Trend Kupferklau vom Kirchdach

Schrottdiebstahl auf Rekordhoch: Die hohen Rohstoffpreise lassen das illegale Geschäft mit gestohlenem Metall blühen. Kabel, Regenrinnen, Kirchendächer, Brücken - nichts scheint vor den Langfingern sicher. SPIEGEL ONLINE zeigt die skurrilsten Fälle.

Von Alexandra Sillgitt


Hamburg - Ein Koloss aus Stahl, vier Tonnen schwer und scheinbar unverrückbar. Doch von einem Tag auf den anderen verschwand die Eisenbahnbrücke in der Nähe des tschechischen Ortes Cheb, die Gleise endeten plötzlich im Nichts. Diebe hatten das Stahlbauwerk in Einzelteile zersägt und abtransportiert. Bemerkt wurde der Raub zunächst nicht - die Brücke lag auf einer stillgelegten Strecke. Ihr Fehlen fiel erst im Februar auf. Da waren die Diebe längst über alle Berge. "Ich kann mich nicht an einen ähnlichen Fall in der Größenordnung erinnern", sagte Polizeisprecherin Martina Hruskova.

Spule mit Kupferdraht: Das Buntmetall ist bei Langfingern besonders beliebt
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Spule mit Kupferdraht: Das Buntmetall ist bei Langfingern besonders beliebt

Der Handel mit gestohlenem Metall boomt. Der Ankaufpreis auf Schrottplätzen für eine Tonne Stahl beträgt rund 220 Euro. Wesentlich beliebter bei den Langfingern ist jedoch Kupfer. Das rote Metall erzielt rund 430 Euro - pro 100 Kilogramm. Seit 2001 hat sich der Preis für das Edelmetall auf den Weltmärkten nahezu versechsfacht. Für die Verwerter macht es dabei keinen Unterschied, ob sie neues oder gebrauchtes Kupfer kaufen, ganz im Gegenteil: "Aus Altmetall lässt sich mit weniger Energie neues Kupfer gewinnen als aus Erzen", sagt Ulrich Leuning von der Bundesvereinigung Deutscher Stahlrecycling und Entsorgungsunternehmen (BDSV).

Dabei kennen die Kupferdiebe keine Skrupel. Nicht einmal vor Kloster- und Kirchendächern machen sie Halt. Im letzten Herbst standen die Mönche des Zisterzienserordens im tschechischen Osek auf einmal ohne Regenschutz da, und in Würzburg schälten Diebe rund 1000 Quadratmeter Kupfer im Wert von 60.000 Euro vom Dach einer ehemaligen Truppenkirche in Giebelstadt. Selbst die Totenruhe achten Kriminelle nicht: Auf dem Bethlehem-Friedhof in Berlin stahlen sie Bronzevasen und Kerzenständer, in Köln klauten sie vom Friedhof Porz-Eil Grabverzierungen und 16 Madonnenstatuen aus Metall.

Nicht zuletzt wegen der steigenden Nachfrage aus Asien boomt das Geschäft mit Altmetall. Wo tagtäglich ganze Wohnblöcke aus dem Boden gestampft werden, wo der Bedarf an Drähten, Rohren und Rinnen stetig steigt, mutiert der Schrott zum Wertstoff.

Seit 2007 haben Metall-Diebstähle in Deutschland rasant zugenommen. Allein in Sachsen hat sich die Zahl der Fälle nahezu verdoppelt. Registrierte das Landeskriminalamt in Nordrhein-Westfalen 2006 noch über 320 Delikte, waren es allein im ersten Halbjahr 2007 schon 240. In Essen hinterließen unbekannte Räuber beispielsweise eine mit Löchern gespickte Straße. Sie hatten sich 15 Gullydeckel unter den Nagel gerissen, jeder einzelne rund 30 Kilo schwer.

Langfinger im Pech

Besonders dreist auch ein Kupferklau im Rundfunkmuseum: Diebe räumten im Sender- und Funktechnikmuseum Königs Wusterhausen das Innenleben zweier seltener Sender aus und stahlen mehrere Zentner Kupferspulen. Beide Anlagen standen in einem Depot und waren noch nicht ausgestellt. Ihr historischer Wert ist für immer dahin.

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Pech hatten hingegen Langfinger im vergangenen Spätsommer: Sie stahlen vor der Hamburger Landesvertretung in Berlin eine rund 250 Kilogramm schwere Kunst-Installation von Horst Hellinger. In einer Nacht- und Nebelaktion demontierten sie die vier Buchstaben, die das Wort "Zeit" bildeten. Ihr Pech: Die 1,50 hohen Teile hatten allein künstlerischen Wert. Unter der verführerischen Metallhaut verbarg sich schnöder Beton.



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