Metallbranche Arbeitgeber verweigern geplante Lohnsteigerung

2,1 Prozent mehr Lohn zum 1. Mai: Darauf hatten sich Millionen Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie gefreut. Doch laut "Süddeutscher Zeitung" könnten die Arbeitnehmer in jedem zweiten Betrieb leer ausgehen. Viele Firmen wollen die Lohnrunde aussetzen - weil der Branche die Aufträge wegbrechen.


Berlin - Jetzt schlägt die Wirtschafts- und Finanzkrise auch auf die Geldbörsen der Beschäftigten durch. Viele Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie wollen ihren Angestellten keine Lohnsteigerung gewähren - dabei war die fest vereinbart worden. In manchen Regionen Deutschlands will jedes zweite Unternehmen die Gehaltserhöhung verweigern. Der Grund ist die dramatische Lage der Branche: Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall rechnet mit einem Einbruch der Fertigung in 2009 um zehn Prozent.

Leere Geldbörsen bei den Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie: Jedes zweite Unternehmen will nicht mehr zahlen
DDP

Leere Geldbörsen bei den Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie: Jedes zweite Unternehmen will nicht mehr zahlen

Einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" zufolge könnten Millionen Beschäftigte trotz der ausgehandelten Lohnersteigerung leer ausgehen. 2,1 Prozent sollte es eigentlich zum 1. Mai mehr geben. Das wurde im Herbst 2008 vereinbart.

Doch eine Umfrage der Zeitung zeigt, dass viele Firmen mit dem Gedanken spielen, die Lohnrunde auszusetzen. Eine besondere Klausel im Tarifvertrag erlaubt es den Betrieben in Schwierigkeiten, die Erhöhung um sieben Monate zu verschieben.

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall schätzt, dass jeder zweite Betrieb die Erhöhung vermeiden will. Der Leiter des IG-Metall-Bezirks Frankfurt, Armin Schild, sagte, in Thüringen wolle fast die Hälfte der Betriebe die Lohnerhöhung nicht von Mai an zahlen, in Hessen und Rheinland-Pfalz jeder dritte und im Saarland jeder vierte. "Die Situation wird von Woche zu Woche schwieriger", sagte Schild, "die Zahl der Betriebe mit ernsthaften Problemen nimmt drastisch zu." Er rechne damit, dass die Zahl der Betriebe, die die 2,1 Prozent streichen wollen, bis Anfang Mai noch zunehme. In anderen Teilen Deutschlands sei die Tendenz ähnlich.

Der bayerische IG-Metall-Bezirksleiter Werner Neugebauer berichtete, in jedem fünften Betrieb werde über eine Verschiebung der Tariferhöhung verhandelt. In Nordrhein-Westfalen liegt der Anteil nach Gewerkschaftsangaben "deutlich unter zehn Prozent", im Bezirk Küste bei zehn Prozent. Die IG Metall in Baden-Württemberg äußerte sich nicht. Da in diesem Bundesland ein großer Teil der Auto- und Zulieferindustrie liegt, dürfte die Zahl der Betriebe, die die Tariferhöhung nicht gewähren wollen, hoch sein. Zu ihnen gehört Daimler.

Möglich ist das Vorgehen der Arbeitgeber wegen einer Klausel im Tarifvertrag, den sie im vergangenen November mit der IG Metall abgeschlossen haben. Sie vereinbarten für die 3,6 Millionen Beschäftigten zwei Lohnsteigerungen von jeweils 2,1 Prozent - eine zum 1. Februar, eine zum 1. Mai. Die zweite Erhöhung kann ein Betrieb um bis zu sieben Monate verschieben, falls er sich "in wirtschaftlichen Schwierigkeiten" befindet. Voraussetzung dafür ist eine Einigung mit dem Betriebsrat.

Hintergrund sind massive wirtschaftliche Schwierigkeiten der Elektro- und Metallbranche. Der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Martin Kannegiesser, rechnet in diesem Jahr einer um mindestens zehn Prozent geringeren Produktion in der Metall- und Elektroindustrie. "Für 2009 ist ein Produktionsrückgang im zweistelligen Prozentbereich nicht ausgeschlossen", sagte Kannegiesser in einem Interview der "Bild-Zeitung". "Wir befinden uns in einem Sturzflug, dessen Tempo und Wucht alle überrascht."

Mit einer Verbesserung rechne er erst im Verlauf des nächsten Jahres. Kannegiesser hatte daher erst vergangenes Wochenende in der "Bild am Sonntag" die Beschäftigten aufgerufen, die für Mai vereinbarte zweite Stufe der Lohnerhöhung von 2,1 Prozent zu verschieben. Die IG Metall hatte dies umgehend abgelehnt.

beb/Reuters



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