Metro Goldwyn Mayer Der Spion, der mich sanierte

Noch vor wenigen Monaten sah es schlecht aus für MGM, das letzte unabhängige Hollywoodstudio. Teure Filme floppten, Mehrheitsaktionär Kirk Kerkorian wollte das Unternehmen loswerden. Doch jetzt kommt der neue James-Bond-Film - und die Kasse klingelt wieder.

Von , New York




Fahrzeug gewechselt: Bond-Darsteller Brosnan
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Fahrzeug gewechselt: Bond-Darsteller Brosnan

New York - Im 20. Bond-Abenteuer, das diese Woche unter dem Titel "Die Another Day" ("Stirb an einem anderen Tag") anläuft, kommt der Unterbösewicht übel zugerichtet zum Oberbösewicht. Der fragt ihn: "Was ist denn dir passiert?" Der Unterbösewicht guckt genervt und sagt nur ein Wort: "Bond".

Die gleiche Antwort wird der Chef von Metro Goldwyn Mayer (MGM), Alex Yemenidjian, im nächsten Februar bei der Vorlage des Jahresergebnisses geben können - allerdings mit einem Lächeln. Bond wird dann nämlich nicht nur die Welt gerettet haben, sondern ein weiteres Mal auch den Umsatz des angeschlagenen Hollywoodstudios.

Der Kassenknüller Bond zählt zu den größten Trümpfen des 78 Jahre alten Traditionsunternehmens. Und selten kam er dem Studio, dessen Markenzeichen der brüllende Löwe ist, so gelegen wie dieses Jahr. In den vergangenen zwölf Monaten sind reihenweise Großprojekte gefloppt, darunter zwei Bruce-Willis-Filme und die 115-Millionen-Dollar-Extravaganza "Windtalkers" (von Star-Regisseur John Woo, mit Nicholas Cage). In der ersten Jahreshälfte meldete MGM daher dreistellige Millionenverluste. Der Aktienkurs ist seit Jahresbeginn um 40 Prozent eingebrochen.

Von der Star-Maschine zum Übernahmekandidaten

Pechsträhnen sind nichts Neues in der volatilen Filmbranche, in der Erfolge stark vom Zufall abhängen. Doch MGM hat einen einzigartigen Nachteil: Im Hollywood des 21. Jahrhunderts ist es das letzte der sieben großen Studios ohne einen Unterhaltungskonzern im Rücken. Die Rivalen Warner Brothers und New Line Cinema haben AOL Time Warner, Columbia Pictures gehört zu Sony, Twentieth Century Fox zur News Corporation, Universal Pictures zu Vivendi Universal, von Walt Disney ganz zu schweigen.

Während die Wettbewerber Kinoflops durch Einnahmen in anderen Sparten ausgleichen können, hängt MGMs Wohlergehen überdurchschnittlich stark von den rund 15 Spielfilmen ab, die das Studio pro Jahr produziert. Zwar kann das Unternehmen auch vom größten Filmarchiv der Welt zehren - eine stetig sprudelnde Einnahmequelle. Unter den 4100 Filmen finden sich alte und neue Klassiker wie "Meuterei auf der Bounty" und "Ben Hur", "Rocky" und "Terminator", "Das Schweigen der Lämmer" und "Harry und Sally". Nicht umsonst galt MGM lange als "das Studio, das mehr Stars als der Himmel hat".

Doch für echtes Wachstum reicht der Ruhm der Vergangenheit nicht. Daher wird MGM seit Jahren als Übernahmekandidat gehandelt. Zuletzt stand das Studio im Januar zum Verkauf. Laut Medienberichten wollte Mehrheitsaktionär Kirk Kerkorian, der vor allem für seine Milliardenklage gegen DaimlerChrysler bekannt ist, sieben Milliarden Dollar erlösen. Keiner biss an - die Medienkrise zwingt die großen Konzerne zum Sparen.

Gigantischer Schuldenberg

Zudem sieht es auch nicht so aus, als ob Kerkorian, der 78 Prozent der Anteile hält, sich jemals von MGM trennen könnte: Dreimal hat der schillernde Milliardär das Studio in den vergangenen 33 Jahren gekauft. 1969 kostete es ihn einige hundert Millionen Dollar. 1986 verkaufte er es für 1,3 Milliarden Dollar an Ted Turner, der es nach nicht einmal einem Jahr wieder zurückgeben musste - aus finanziellen Gründen. Kerkorian verkaufte es dann vier Jahre später an einen italienischen Finanzier. Der konnte seinen Kredit nicht bedienen, woraufhin MGM an Credit Lyonnais fiel. 1996 versteigerte die Bank das Studio, der höchste Bieter war: Kerkorian.

Vor drei Jahren berief Kerkorian ein neues Management-Team unter Yemenidjian, das die Abhängigkeit vom volatilen Kinogeschäft verringern soll. Seither ist MGM ins internationale Kabelfernsehgeschäft eingestiegen, um neue Verteilungskanäle zu öffnen. Auch im gesättigten US-Markt hat man sich mit je 20 Prozent an vier Kabelsendern beteiligt. "Aber MGM bleibt ein kleiner Fisch in einem gigantischen Ozean", sagt Harold Vogel von Vogel Capital Management.

Um Geld für neue Unternehmungen zu gewinnen, verkaufte MGM vergangene Woche die Beteiligung am US-Sender "Bravo". Mit dem Erlös und neuen Krediten werde das Unternehmen nun vielleicht den Sender "American Movie Classics" ganz übernehmen, wird spekuliert. Analysten halten dies für eine gute Paarung. Doch für die 2,4-Milliarden-Dollar-Aquisition müsste MGM seine gesamte Kreditlinie ausschöpfen - ein unwahrscheinliches Szenario. Zumal Yemenidjian im Moment dabei ist, den bestehenden Schuldenberg von 1,2 Milliarden Dollar abzutragen.

Fahrzeugwechsel für 35 Millionen Dollar

Wenn man sich die Zahlen anguckt, wird sehr schnell deutlich, dass es mit der geplanten größeren Unabhängigkeit von der Kinokasse noch nicht weit her ist. Im dritten Quartal schaffte das Unternehmen unerwartet den Sprung in die Gewinnzone, weil Flops ausblieben und mit "Barbershop" ein Überraschungshit gelandet werden konnte. Der Low-Budget-Film hatte weniger als 15 Millionen Dollar gekostet und spielte schon am Eröffnungswochenende 21 Millionen Dollar ein. Inzwischen nähert er sich der 100-Millionen-Dollar-Marke.

Auch das Jahresergebnis wird zum größten Teil von den Launen der Kinobesucher bestimmt. Auf Grund der schwachen ersten Hälfte prognostiziert MGM für das Gesamtjahr einen Nettoverlust von 74 Cents pro Aktie. Der Umsatz hingegen könnte laut Merrill Lynch um fünf Prozent auf 1,46 Milliarden Dollar steigen - James Bond sei Dank. Die MGM-Aktie profitiert bereits von der Aussicht auf den Kassenknüller. In den vergangenen drei Monaten ist sie um 46 Prozent gestiegen (der Dow-Jones-Unterhaltungs-Index bloß um 33 Prozent).

Bond garantiert nicht nur Rekorde an der Kinokasse, sondern bringt als wandelnde Litfasssäule auch Werbedollars. Das "Product Placement" in "Stirb an einem anderen Tag" ist unübertroffen: Über 20 Firmen haben für das Privileg insgesamt 120 Millionen Dollar gezahlt. Autobauer Ford ist mit 35 Millionen Dollar dabei - nur damit der britische Geheimagent von BMW auf Aston Martin umsteigt. Der bankrottgefährdete Kosmetikhersteller Revlon hat eigens eine 007-Schminkreihe entworfen. Revlon-Model Halle Berry spielt im Film das Bond-Girl.

"Stirb an einem anderen Tag" soll eine neue Ära bei MGM einläuten. "Wir sind an einem Wendepunkt", sagte Yemenidjian bei Bekanntgabe der Quartalszahlen Ende Oktober. In den nächsten 15 Monaten sei mit kräftigem Cash-flow zu rechnen - vor allem weil MGM sich jetzt wie alle anderen Studios auf vermeintlich sichere "Sequels" konzentriert. Neben Bond plant das Studio die Fortsetzungen von den Hits "Jeepers Creepers", "Natürlich blond" - und "Barbershop".

Auch beschränkt MGM ab sofort sein Investment auf 20 Millionen Dollar pro Film - zum Teil durch Koproduktionen. "So können wir die Risiken besser kontrollieren", erklärte Yemenidjian. Die explizite Ausnahme ist natürlich James Bond: "Stirb an einem anderen Tag" hat 142 Millionen Dollar gekostet. Das Risiko erscheint dennoch gering: Der letzte Bond "Die Welt ist nicht genug" hat weltweit 350 Millionen Dollar eingespielt.



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